FeedHerbart (Joh. Friedr.)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Herbart (Joh. Friedr.), hervorragender deutscher Philosoph, geb. 4. Mai 1776 zu Oldenburg, wo sein Vater Justizrat war, besuchte das Gymnasium daselbst und bezog 1794 die Universität Jena, wo er bald in einen nähern persönlichen Verkehr mit Fichte kam, dessen Wissenschaftslehre ihn aber nach kurzer Zeit zum Widerspruch anregte. Diese Unabhängigkeit eigener Prüfung zeigte sich schon in einer schriftlichen Kritik der beiden ersten Schriften Schellings Küber die Möglichkeit einer Form der Philosophiev und Vom Icho, die er auch Fichte vorlegte. Im J. 1797 nahm er die Stelle eines Hauslehrers in Bern an und setzte während eines fast vierjährigen Aufenthalts daselbst seine eigenen Untersuchungen mit der ihm eigentümlichen Energie fort. Er hielt es für notwendig, auf die ursprünglichen Probleme der Philosophie zurückzugehen, studierte die Philosophie der Alten, namentlich die Periode vor Sokrates und Plato, ebenso aber auch Mathematik und Naturwissenschaften, und wurde schon damals auf die ersten Anfänge seiner mathem. Psychologie geführt. Ebenso entwickelte sich dort vermöge der Bekanntschaft mit Pestalozzi sein tiefes Interesse an der Erziehung. Familienverhältnisse riefen ihn 1800 nach Deutschland zurück, und nachdem er einige Zeit in Bremen gelebt, ha— bilitierte er sich im Okt. 1802 in Göttingen. Hier veröffentlichte er bis 1809, wo er dem Rufe als ord. Professor der Philosophie und Pädagogik nach Königsberg folgte, die ersten gereiften Früchte seines Nachdenkens. Dahin gehören: WPestalozzis Idee eines A-b-e der Anschauung wissenschaftlich usgeführte (Gött. 1802; 2. Aufl. 1804), De Platonici systematis fundamentop (Gött. 1805), Allgemeine Pädagogiko (Gött. 1806), «über philos. Studiumo (Gött. 1807), Hauptpunkte der Metaphysiks (Gött. 1808), Allgemeine praktische Philosophies (Gött. 1808). In Königsberg war seine Kraft zwischen der Fortsetzung seiner Untersuchungen, dem akademischen Lehramt und einer praktischen pädagogischen Thätigkeit geteilt, welche ihm als Direktor eines auf seine Veranlassung gestifteten, seit 1812 in seinem eigenen Hause befindlichen pädagogischen Seminars oblag. Außer einer Anzahl kleinerer Reden und Abhandlungen, die er [ selbst nur zum Teil drucken ließ, sind unter seinen größern Schriften zu nennen: Lehrbuch zur Einleitung in die Philosophiev (Königsb. 1813; 6 4. Aufl. 1837; neue Ausg. von Hartenstein, Hamb. 1883), «Lehrbuch zur Psychologies (Königsb. 1816; ! 3. Aufl. 1834; neue Ausg. von Hartenstein, HPamb. 1882), die beiden Hauptwerke: arnn. I als Wissenschaft neu gegründet auf Erfahrung, Meta-1 physik und Mathematiko (2 Bde., Königsb. 1824— e 25) und «Allgemeine Metaphysik nebst den Anfängen der philos. Naturlehres (2 Bde., Königsb. fd 1828—29), endlich die Encyklopädie der Philo-e sophie aus praktischen Gesichtspunkteno (Halle e 1831; 2. Aufl. 1841). Unter den vielen kleinern Arbeiten sind vorzugsweise wichtig: Psychol. Be-I merkungen zur Tonlehrey (1811), Psychol. Untersuchungen über die Stärke einer Vorstellung als Funktion ihrer Dauery (1812), Theoriae de attractione elementorum principia metaphysicao (1812), cüber meinen Streit mit der Modephilosophie dieser Zeit‘ (1814), Gespräche über das Bösey (1817), «Pädagogisches Gutachten über Schulklassens (1818), De attentionis mensura causisque primariiso (1822), «über die Möglich— keit und Notwendigkeit, Mathematik auf Philosophie anzuwendeno (1822). Der Wunsch, an einer Universität im Mittelpunkt des geistigen Verkehrs zu wirken, bewog H., 1833 einem Rufe nach Göttingen zu folgen. Hier schrieb er außer kleinern Abhandlungen den «Umriß pädagogischer Vorlesungen (Gött. 1835; 2. Aufl. 1841), (Briefe zur Lehre von der Freiheit des menschlichen Willenso (Gött. 1836), Analytische Beleuchtung des Natur— rechts und der Moralo (Gött. 1836), und zwei Hefte „Psychol. Untersuchungene (Gött. 1839 40). Er starb 14. Aug. 1841. Eine Biographie findet sich in (H.skleinern philos. Schriften und Abhandlungens, herausgegeben von Hartenstein (3 Bde., Lpz. 1842 —43), eine Ausgabe der «Sämtlichen Werke hat derselbe besorgt (12 Bde., Lpz. 1850—52, 2. Abdruck, Hamb. 1883 fg.), eine andere Ausgabe der «Sämtlichen Werker wird von Kehrbach besorgt (Lpz. 1882 fg.). H.s Pädagogische Schrifteno gab Will— mann (2 Bde., Lpz. 1873—75; 2. Ausg. 1880 fg.), „(Herbartische Reliquieno Ziller (Lpz. 1871) heraus. Die Herbartsche Philosophie erklärt die Voraussetzung eines einzigen Prinzips und einer einzigen Methode für ein Vorurteil. Da die Philosophie die Aufgabe hat, Erkenntnis aus Begriffen zu gewähren, so nimmt H. drei Klassen philos. Untersuchungen an, die der alten Unterscheidung zwischen Physik, Ethik und Dialektik entsprechen. Nach der Bedeutung der Begriffe unterscheidet er nämlich die theoretischen Aufgaben, die auf die Erkenntnis dessen, was ist und geschieht, gehen, von den ästhetisch-praktischen, deren Prinzipien, ohne über das Sein und Geschehen zu entscheiden, eine beurteilende Wertbestimmung bezeichnen, wozu noch die formale Aufgabe der Logik kommt, die Gesetzmäßigkeit in der Verknüpfung der Gedanken überhaupt zu untersuchen. Die theoretische Grund— wissenschaft ist ihm die Metaphysik. Ihr Ausgangspunkt ist das Gegebene, und das Bedürfnis derselben entwickelt er durch den Nachweis, daß in den Hauptbegriffen, unter welche die gegebene Erscheinungswelt fällt (Begriff des Dings mit seinen Eigenschaften, Veränderung, Materie, Selbstbewußtsein), Widersprüche versteckt liegen. Diese Widersprüche beruhen darauf, daß das Seiende im strengen Sinne sich nicht als ein solches denken läßt, wie der gegebene Schein verlangt. Hieraus ergibt sich als das allgemeine Resultat seiner Metaphysik: daß die Mannigfaltigkeit und der Wechsel der gegebenen Erscheinungswelt sich unter der Voraussetzung nur Eines Realen nicht begreifen lasse, sondern daß die notwendige Voraussetzung für jeden Versuch einer Naturphilosophie die Annahme einer Vielheit von Realen (Monaden) sei, aus deren Verbindungen und Verhältnissen sowohl die Form der Erscheinungswelt (Raum, Zeit u. s. w.) als die äußere Natur und das geistige Leben sich müssen ableiten lassen. In dem praktischen und religiösen Teile der philos, Wissenschaft steht H. dem Jacobischen Standpunkte einer Gefühlsphilosophie nahe, welche das Kantsche Prinzip eines reinen Wollens (Autonomie der praktischen Vernunft) mit den Wertbestimmungen eines gebildeten Gefühls oder Gemeinsinns vertauscht. Denn ihm gilt die sittliche Beurteilung für eine ästhetische, das sittliche Handeln für ein schönes Kunstwerk. Die aus diesem Grundsatz hervorgearbeiteten fünf praktischen Ideen sind die der Freiheit, der Vollkommenheit, des Wohlwollens, des Rechts und der Billigkeit. Die angewandte Sittenlehre ist einerseits Pädagogik, andererseits Politik. Die Religion gründet sich auf die durch die teleologische Naturauffassung erweckbaren Gefühle der Bewunderung und Ehrfurcht vor dem Unerkennbaren. Seinen größten Fleiß hat H. auf die Psychologie verwandt durch seinen scharfsinnigen Versuch, die Vorstellungen oder innern Zustände der Seele als ebenso viele psychische Kräfte zu betrachten und die Wirksamkeit derselben aufeinander einem exakten mathem. Kalkül zu unterwerfen. Hierdurch gelang es ihm, die durch die Kantsche Spekulation zu Anfang des 19. Jahrh. zu sehr zurückgedrängten psychol. Studien mit neuen Lebenskräften zu durchdringen, indem er durch ein neues Verfahren neue Erfolge in Aussicht stellte, welche den zu lange eingeschlafenen Eifer für diese Sache aufs neue entzündeten. Wegen dieser exakten Durchführung ihrer psychol. Hy— pothese und wegen ihrer versöhnlichen Stellung zu den empirischen Wissenschaften legt sich seine Schule den Namen der L«exakteno bei, andererseits wegen ihrer Polemik gegen den transscendentalen Idealismus Kants und seiner Nachfolger nennt sie sich die Schule des Realismus. Sie hat sich mühsam und langsam gegen ihre Gegner Bahn gebrochen, ist aber zuletzt, wenn auch nur in eigentlich wissenschaftlichen Kreisen, zu großer Ausbreitung gelangt, sodaß seit den vierziger Jahren nach dem Sinken des Ansehens von Hegel sie den Rest des philos. Interesses der Deutschen fast ausschließlich auf sich konzentrieren zu wollen schien. Unter den Anhängern H.s sind zu nennen: Drobisch, Hartenstein, Exner, Bobrik, Strümpell, Schilling, Taute, Waitz, Volkmann u. a. Von 1860 bis 1875 hatte die Schule das Organ ihrer innern Verständigung in der «Zeitschrift für exakte Philosophie im Sinne des neuern philos. Realismuso, herausgegeben von Allihn und Ziller. Vgl. Drobisch, «über die Fortbildung der Philosophie durch H. (Lpz. 1876).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 124Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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