FeedHering (auch Häring)
TierreichBrockhaus 1882

Hering (auch Häring), (lupea, ist eine artenreiche, in allen Meeren verbreitete Fischgattung aus der Ordnung der Schlundblasenfische oder Physostomen. Ihre Merkmale sind ein schlanker, seitlich usammengedrückter Leib mit einer kurzen Rückenloss, einer etwa ebenso langen Afterflosse und zwei bauchständigen Bauchflossen; auf der Bauchkante sitzen vom Kopf bis zum After kielförmige, nach hinten in einen Stachel auslaufende Schuppen. Das mäßig weite Maul, welches nur schwach bezahnt ist, wird in seinem obern Rande in der Mitte von den Zwischenkiefern, an den Seiten von den Oberkiefern begrenzt, welche letztern aus je drei gesonderten Stücken bestehen. Die Innenseite der Kiemenbögen ist mit vielen, kleine Zähnchen tragenden Fortsätzen versehen, wodurch ein die Kiemenspalten überspannendes feines Sieb entsteht, um die aus winzig kleinen Krebsen (sog. Spaltfußkrebsen oder Kopepoden) bestehende Nahrung aus dem Wasser abzuscheiden. Die ganzrandigen, glänzenden Schuppen fallen sehr leicht ab. Zu den H. gehören unter andern die Alsen, der Sprott, der amerikanische Menhaden und andere nationalökonomisch wichtigste Fische, der wertvollste aber ist der gemeine Hering (Clupea harengus, norweg. sild, schwed. sill; s. Taf.: Fischel, Fig. 15), antlan an der Nordostküste Asiens, im anzen nordatlantischen Ocean, in größerer Menge jedoch in der Nord- und Ostsee vorkommt und dort nächst dem Kabeljau den wichtigsten Gegenstand der Rmmal bildet. Er wird 18 —36 em lang, ist etwa Unfmal so lang als hoch; die Rückenflosse steht etwa in der Mitte des Rückens und die Bauchflossen unter der Rückenflosse hinter dem Anfang derselben. Die Stachelschuppen am Bauche sind wenig scharf, die Zunge und der Pflugscharknochen tragen kleine Bauch Der Rücken ist blaugrün, Seiten und Bauch schillern lebhaft in allen Regenbogenfarben. Die früher verbreitete Ansicht, daß die Heimat aller die europäischen Küsten besuchenden H. das Nordpolarmeer sei, von wo aus alljährlich gewal— tige Scharen, getrieben von den Walen, zu uns kommen sollten, ist längst aufgegeben. Die eingehenden Forschungen der neuern Zeit, namentlich die der Schweden, Norweger, Dänen und Deutschen, haben nachgewiesen, daß der europäische H. in zahlreiche örtliche Schwärme oder Stämme zerfällt, welche durch erbliche Rassenunterschiede getrennt sind, und von denen jeder einen verhältnismäßig eng umgrenzten Bezirk niemals verläßt. Solche verschiedene Stämme sind z. B. der sog. schottische Hochseehering, der an der Südwestküste Norwegens lebende Vaarsild (d. h. Frühjahrshering), der H. des Kattegats, der Frühjahrshering der westlichen Ostsee, der kleine H. des Finnischen und Bottnischen Meerbusens, der sog. Strömling u. a. Sämtliche Heringsstämme lassen sich in zwei Gruppen verteilen, nämlich pelagische oder eneerner und litorale oder Küstentämme. Erstere, zu denen der schott. Hochseehering und der norweg. Vaarsild gehören, leben außer der Laichzeit in einer Entfernung von 400 bis 600 km von der Küste auf der hohen See, um dort zerstreut ihrer Nahrung, den kleinen Spaltfußkrebsen (norweg. aat genannt) nachzugehen; zur Laichzeit daegen sammeln sie sich zu gewaltigen Scharen, um in der Nähe der Küste auf flachen Gründen zu laichen. Die Hochseestämme sind für die Fischerei am wichtigsten. Die Küstenstämme, zu denen B. der Frühjahrshering der westl. Ostsee gehört, leben stets in unmittelbarer Nähe der Küste und gehen um Laichen in stille, flache Buchten, namentlich in solche mit brackischem Wasser. Die Laichzeit, in welcher die meisten H. gefangen werden, ist bei den einzelnen Stämmen sehr verschieden; der schott. Paarsl von laicht z. B. im August, der norweg. aarsild von Februar bis April, die meisten Küstenstämme von April bis Juni. Die Eier des H. (ein Weibchen enthält deren 40—60000 Stück) werden tets von den scharenweise versammelten Weibchen ins Wasser gespritzt und kleben nach der Befruchtung durch die Milch der Männchen an Pflanzen und Steinen fest; die Entwickelung der Eier währt je nach der Temperatur 6—50 Tage und die Jungen schlüpfen in einer sehr unvollkommenen Gestalt aus. Indirekt konnte nachgewiesen werden, daß die Junhen des H. in der Regel zum Laichen an ihren Geurtsort zurückkehren. Dieser Umstand, sowie die Thatsache, daß verschiedene lokale Rassen existieren, eröffnet die Aussicht, durch zweckentsprechende Schonung der Laichplätze der durch Überfischung etwa herbeigeführten Verarmung mancher Heringsreviere entgegenzutreten. über das periodische Verschwin— den und Wiederkehren der Heringsscharen s. Fisch— perioden. Eine künstliche Befruchtung der He— ringseier ist zwar ähnlich wie bei den lachsartigen Fischen mit Erfolg ausgeführt worden, allein die erfolgreichen künstlichen Redo und Vermehrung der H. einstweilen nicht die Rede sein kann. Der bedeutendste Heringsfang findet gegenwärtig an der Ostküste Englands und Schottlands (Hauptplätze Harmouth, Wick, Peterhead, Fraser— burgh) von Juli bis September mit Treibnetzen (s. Fischereis statt. Hier fischen Holländer, Engländer und Schotten; letztere allein fangen jährlich mindestens 1000 Mill. Stück. An der norweg. Küste wird im Süden (Hauptplatz Stavanger) von Ende Januar bis April der Vaarsild gefangen, meist mit Treibnetzen. Bedeutender ist gegenwärtig der weiter nördlich betriebene Fang des sog. Sommer-oder Fettherings, welcher im Sommer und Herbst außer mit Treibnetzen auch mit Sperrnetzen betrieben wird, wodurch den in die Buchten eingedrungenen H. der Weg ins Meer abgeschnitten wird. In den Provinzen Norrland und Südfinnmark endlich wird von November bis Januar eine dritte Sorte, der sog. Groß-oder Nordhering(storsilch gefangen. Der Wertertrag des gesamten norweg. Herings⸗ und Sprottfanges betrug von 1869 bis 1878 im Mittel etwa 7 Mill. Markjährlich, im Maximum, nämlich 1877, 13 Mill. Mark. In der westl. Ostsee ist Eckernförde der wichtigste Fangplatz, in der östl. Ostsee Hela an der preuß. Küste. Auch der holländ. Heringsfang ist bedeutend, hat aber gegen früher abgenommen. Seit mehrern Jahren betreibt eine vom Staate subventionierte Aktiengesellschaft von Emden aus mit sog. Loggern den Hochseefang auf H. Die meisten H. werden in frischem Zustande verzehrt; außerdem bilden sie, auf verschiedene Weise zubereitet, einen Handelsartikel von enormer Bedeutung. Das Einsalzen oder Pökeln soll gegen Ende des 14. Jahrh. der Holländer Willem Bökel (s. d.) erfunden 0n u doch wird diese Konservierungsmethode schon um 1300 in hanseatischen Urkunden erwähnt. Böklinge (s. d.) sind frisch geräucherte, nicht ausgeweidete H.; andere in Deutschland vorkommende Sorten sind marinierte, Bratheringe und H. in Gelee. Junge H. kommen auch in marinierter Form als sog. deutsche oder russ. Sardinen in den Handel. Matjesheringe, d. h. Jungfernheringe, nennt man eine kleine Sorte eingesalzener norweg. Heringe, welche noch nicht gelaicht haben und deshalb besonders fett und wohlschmeckend sind. Vollheringe sind H. mit Rogen oder Milch kurz vor dem Laichen, Hohlheringe solche, welche den Laich abgesetzt haben und deshalb mager und schlecht sind. Von ältern Werken über den H. ist vor allen zu nennen: Mitchell, The herring, its natural history and national importanced (Edinb. 1864). da neuerer Zeit haben sich um die Naturgeschichte des H. besonders die nordischen Forscher Axel Boeck, G. O. Sars, Vilh. Hungmann und die Deutschen H. A. Meyer und Fr. Heincke Verdienste erworben.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 136Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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