Hermann, richtiger Herman, althochd. Heri-, Hariman, d. h. Kriegsmann, ein jetzt sehr gebräuchlicher deutscher Eigenname, konnte nur aus Unkenntnis der Geschichte der deutschen Sprachlaute seit Klopstock auf den Cheruskerfürsten Armin übertragen werden, welchen die röm. Schriftsteller einstimmig Arminius (die Griechen Armenios) nennen. Dieser war im J. 17 oder 16 v. Chr. geboren und der Sohn eines cherusk. Häuptlings Segimer. Er trat frühzeitig mit seinem Bruder Flavus in röm. Kriegsdienst, erwarb sich als Führer cherusk. Hilfstruppen, wohl in den Kriegen gegen die aufständischen Pannonier und Dalmatier (6 und 8 n. Chr.), das röm. Bürgerrecht und die Ritterwürde, und gewann Kenntnis der lat. Sprache und einen tiefern Einblick in die röm. heimkehrte, während Flavus unter den Römern zurückblieb, fand er den kurz vorher nach Germanien gesandten röm. Statthalter Quintilius Varus (. d.) seit dem Sommer 7 n. Chr. damit beschäftigt, die niederdeutschen Länder zwischen Rhein und Weser in eine röm. Provinz zu verwandeln. Armin faßte den Plan, von solchem Drucke und von der Gefahr der Romanisierung sein Vaterland zu befreien. Das konnte nicht durch Besiegung, sondern nur durch Vernichtung des röm. Heers geschehen, war aber unmöglich in offener Erhebung gegen eine ausgesuchte und erprobte Armee, welche überdies durch ein System von Straßen und Befestigungen sich auf die wohlgesicherte Rheinlinie stützte. Deshalb brauchte Armin dieselben 0 welche er den Römern selbst abgelernt hatte. Varus wurde, als er im Sommer des J. 9 n. Chr. mit drei Legionen und einer Anzahl Hilfstruppen, etwa 25 000 Mann, an der Weser in der Gegend von Rinteln stand, durch Armin und dessen Freunde listig in falsche Sicherheit gewiegt; vergeblich warnte ihn Segest, der Führer der röm. Partei unter den Cheruskern. Um zunächst die auf Betrieb Armins aufgestandenen Bewohner eines abgelegenen Land-D38 „ (wahrscheinlich in Hessen) zu züchtigen, zog as röm. Heer auf dem Marsche von der Weser zu Anfang des September mit einem großen Troß von Wagen, Saumtieren, Knechten, Weibern und Kindern in südwestl. Richtung und kam in das unwegsame Waldgebirge des Teutoburgerwaldes (. d.), wo es, plötzlich von allen Seiten her durch die Scharen der Deutschen angegriffen, nach einem dreitägigen Kampfe vollständig vernichtet wurde. Die Besatzung von Aliso (s. d.) mit einer Anzahl lüchtlingen vom Heere des Varus schlug sich durch. Die Feste selbst wurde erobert. Die Kunde dieses Schlags erregte in Rom die höchste Bestürzung; die weltgeschichtliche Folge desselben war von seiten der Römer die Aufgabe des Plans, die Elbe zur Grenze des röm. Reichs zu machen. Die Deutschen verfolgten ihren Sieg nicht weiter, während die Römer sich in den nächsten Jahren darauf beschränkten, die Rheingrenze zu sichern. Andern Sinnes war Germanicus (s. d.), dem August noch kurz vor seinem Tode (im J. 14) den Oberbefehl am Niederrhein im J. 13 n. Chr. übertragen hatte. Mehr Feldherr als Politiker, lockte ihn der Siegesruhm und der Wunsch, dem schwer gekränkten röm. Nationalgefühl Genugthuung zu verschaffen, auch wohl die Absicht, das Werk seines Vaters Drusus in Deutschland zu erneuern, zu neuen großartigen Feldzügen, welche Armins Kraft und Befähigung auf die härteste Probe stellten. Noch im Herbst des J. 14 führte Germanicus einen Mord⸗ und Brandzug nach dem Lande zwischen der obern und mittlern Lippe und Ruhr gegen die Marsen aus, konnte sich jedoch auf der Heimkehr nur mit Mühe durchschlagen. Im folgenden Jahre verwüstete er das Land der Katten, deren Hauptort Mattium (vielleicht Maden bei Gudesberg) er einäscherte. Auf dem Rückmarsch nach dem Rhein trafen bei ihm Gesandte von Segest ein, der die Römer 1en Armin zu Hilfe rief. Nach dem Siege im Teutoburgerwalde nämlich hatte Armin die schon an einen andern verlobte Tochter Segests, Thusnelda (wahrscheinlich röm. Entstellung aus Thursinhilda), entführt, war darauf von Segest gefangen, aber wieder befreit worden, wohl nachdem Anhänger Armins sich des Segest uuseirotdewalt Darauf hatte Segest Thusnelda in seine Gewalt gebracht und auf seine Burg geführt, wurde nun aber von Armin belagert. In dieser Not schickte Segest jene Gesandten an Germanicus, darunter seinen eigenen Sohn Segimund, und ließ ihn dringend um Hilfe bitten. In raschem Zuge kehrte daher Germanicus um und entsetzte Raaht So kam mit letzterm und einer großen Anzahl seiner Verwandten und Freunde auch Thusnelda zu den Römern und gebar kurz an Yh in röm. Gefangenschaft einen Sohn, den man Thumelicus nannte. Segest wurde zwar hoch geehrt, mußte aber zwei ahre später in Rom zusehen, wie Segimund und husnelda mit ihrem Kinde den Triumphzug verherrlichten. Die Wegführung der Thusnelda entflammte Armins Ungestüm aufs höchste, und aufs neue rief er die Cherusker und die Nachbarvölker unter die Waffen. Germanicus drang dagegen mit seiner ganzen Macht, etwa 80000 Mann, in drei Abteilungen auf verschiedenen Wegen ler selbst zu Schiffe vom Rhein durch die Ysssel, die Zuydersee, die Nordsee und dann die Ems aufwärts) nach der mittlern Ems vor, besuchte dann die Schlachtfelder des Varus im Teutoburgerwalde und bestattete die noch unbegrabenen Gebeine der Römer. Dann brach er gegen Armin auf, der sich jedoch vor der überlegenen Macht in Wald⸗ und Sumpfland zurückzog, bis er die Gelegenheit ersah, den nachrückenden Römern an einem nicht mehr näher bestimmbaren Punkte so wirksam die Spitze zu bieten, daß nach der Niederlage der Reiterei und der Hilfskohorten die Legionen nur mit Mühe das Schlachtfeld behaupteten und der Rückzug angetreten werden mußte. Auf diesem wurde die Abteilung des Cäcina von den Deutschen unter Armin hart bedrängt und entging der vollständigen Vernichtung nur eim3 daß das Ungestüm Inguiomers, des Oheims Armins, den wohlberechneten Plan des letztern vereitelte. Noch großartigere Vorbereitungen traf Germanicus für den Feldzug des J. 16 n. Chr. Mit 1000 Schiffen lief der röm. Feldherr im Juni in die Ems ein, marschierte von der untern Ems nach der Porta Westphalica (Minden), dann aufwärts an dem linken Ufer der Weser, wo bereits am entgegengesetzten Ufer Armin mit dem deutschen Heere die Feinde erwartete. In dieser Gegend, zwischen Hameln und Rinteln auf dem Felde Idistavisus (sd.), ward nun die größte Schlacht der Römer in Deutschland geschlagen. Diese ging den Deutschen verloren, weil wiederum ihr Ungestüm, ihr Mangel an taktischer übung und Kriegszucht die Befehle Armins durchbrach; aber selbst der Untergang von mindestens einem Drittel ihrer Mannschaft beugte ihren Mut so wenig, daß sie, durch neuen Zuzug verstärkt, in geringer Entfernung, nach einigen unterhalb der Porta Westphalica auf dem linken Ufer der Weser, nach andern an dem sog. Steinhuder Meer, zwischen Sumpf und Gebirge und auf engem Raume Mann gegen Mann kämpfend, den Römern eine zweite blutige Schlacht lieferten, in welcher diese zwar siegten, aber doch nur den ungestörten Rückzug erkauften. Schwerere Verluste noch erlitt der auf der Flotte heimkehrende Hauptteil des röm. Heers durch heftige Stürme und Unwetter. Gleichwohl unternahmen die Römer noch im Herbst desselben Jahres zwei starke Vorstöße gegen die Katten und Marsen, ein Beweis, daß die Germanen zwischen Rhein und Elbe keineswegs schon niedergeworfen waren. Germanicus hoffte zwar im nächsten Jahre den Krieg zu beendigen, aber der Kaiser Tiberius rief ihn nach Rom zurück, wo er ihn im J. 17 einen glänzenden Triumphzug feiern ließ und mit Ehren überhäufte. Kein röm. Heer wagte seitdem wieder, vom Rheine nach dem innern Deutschland vorzudringen, und Armins Verdienst war es hauptsächlich, diesen für Deutschlands Zukunft entscheidenden Erfolg errungen zu haben. Kaum war indes der äußere Feind vertrieben, als die Kämpfe unter den Deutschen selbst wieder um so heftiger ausbrachen. Mit römischer, durch einen längern Aufenthalt in Rom selbst erlernter Kriegs⸗ und Herrschkunst hatte der Markomanne Marbod (s. d.) in Böhmen ein mächtiges, bis zur Ostsee ausgedehntes Reich gegründet. Er hatte im J. 6 n. Chr., als die Gelegenheit sich bot, in Verbindung mit den aufständischen Dalmatiern und Pannoniern die Römer für immer von Deutschlands Grenzen zu entfernen, einen für ihn vorteilhaften Frieden vorgezogen, nachmals den von Armin ihm zugesandten Kopf des Varus den Römern ausgehändigt und dem Kampfe gegen Germanicus teilnahmlos zugesehen. Jetzt, als Armin den deutschen Völkern als leuchtender Hort der deutschen Freiheit erschien, fielen die dem Markomannenreiche unterworfenen Semnonen und Longobarden ab und wandten sich zu Armin, während dagegen dessen Onkel Inguiomer mit seinem An-Donnt zu Marbod ging, weil er es nicht ertragen onnte, auch im Frieden unter dem Neffen zu stehen. Daraus entspann sich ein Krieg, und wahrscheinlich im J. 17 trafen (im heutigen Königreich Sachsen) die Heermassen Armins und Marbods aufeinander, deide fast gleich stark und durch die langjährigen Kämpfe unter den kriegskundigen Führern schon an kunstgemäßere Kriegführung gewöhnt. Die Schlacht selbst blieb zwar unentschieden, indem beide rechte Flügel geschlagen wurden, aber Marbod zog sich zurück und mußte, als jetzt noch weitere Scharen ihn verließen und der einst von ihm vertriebene Gothone Catualda ihn mit Erfolg in Böhmen selbst angriff, 19 n. Chr. bei den Römern Hilfe suchen, die ihm Ravenna zum Wohnort anwiesen, wo er nach 18 Jahren ruhmlos starb. Auch Armin überlebte Marbods Fall nicht lange. Wie es scheint, wollte er auch im Frieden die Obermacht bewahren und erlag in einem darüber ausgebrochenen Kampfe schon im J. 21 der Hinterlist seiner Verwandten in einem Alter von 37 Jahren. Weib und Kind 9605 Armin nie wieder gesehen, und es sehlt überhaupt jede Nachricht über ihr weiteres Schicksal. Nur so viel weiß man, daß schon im J. 47 vom cherusk. Fürstenstamme nur noch der einzige Italicus, ein Sohn von Armins Bruder Flavus, übrig war, den das Volk der Cherusker sich von den Römern zurückerbat und erhielt. Das würdigste Denkmal hat dem Armin Tacitus in seinen Werken gesetzt. Ein großartiges Denkmal von Ernst von Bandel wurde 1875 enthüllt. (S. Hermanns-Denkmal.) Vgl. Roth, «H. und Marbod » (Stuttg. 1817); Maßmann, «Arminius Cheruscorum dux ac decus. liberator Germaniaed (Lemgo 1839); Essellen, „Das röm. Kastell Aliso, der Teutoburgerwald und die Deider Batus (Hannov. 1857); derselbe, «über den Ort der Varusschlachte (Hamm 1863); derselbe, „Das Varianische Schlachtfeld im Kreise Beckumo (Berl. 1874); Giefers, «über die Varianische Niederlager (Münst. 1854); Reinking, «Die Kriege der Römer in Germanien» (Münst. 1863); von Wietersheim, Der Feldzug des Germanicus an der Weser 16 n. Chr.v (Lpz. 1850); derselbe, Geschichte der Völkerwanderungo (Bd. 1, Lpz. 1859; 2. Aufl. 1880); Sondermühlen, «Aliso und die Gegend der Hermannsschlachto (Lpz. 1875); Böttger, H. der Cheruskerfürsty (Hannov. 1874).