FeedHelvetier (Helvetii)
ErdkundeBrockhaus 1882

Helvetier (Helvetii), ein großes kelt. Volk, erscheint in der Geschichte zuerst bei dem Zuge der Cimbern und Teutonen, denen sich die Tiguriner, einer ihrer vier Stämme (pagi), anschlossen. Diese brachten dem Heere des röm. Konsuls Lucius Cassius 107 v. Chr. am Genfersee eine schwere Niederlage bei. Nach dem Untergange der Cimbern und Teutonen kehrten die Tiguriner in ihre Heimat zurück. Die Wohnsitze der H. (Ager Helvetiorum) erstreckten sich zu Cäsars Zeiten vom Genfersee (Lacus Lemanus) bis zum Bodensee (Lacus Venetus oder Brigantinus), von welchem aus bis zum Gotthard (&dula mons) es gegen SO. an Rätien grenzte. Gegen S. schieden es die Berner Alpen von den kleinen kelt. Völkerschaften, die das Rhonethal (Wallis) bewohnten; gegen W. der Jura von den Sequanern. Im N. hatten die H. früher jenseit des Rheins auch das südwestl. Deutschland bis zum Main innegehabt, aus welchem sie durch german. Sueven verdrängt worden waren, das aber noch späterhin die Wüstes der H. benannt ward. Die Absicht, ihr Land, das sie in 12 Städten und 400 Dörfern bewohnten, zu verlassen und sich im südwestl. Gallien ein ergiebigeres Gebiet zu erobern, wurde in ihnen durch Orgetorix, einen ihrer Edeln, rege gemacht. Dieser fand über seinem Streben nach der Königsherrschaft den Tod, die H. aber wurden an der Ausführung ihres Plans durch Julius Cäsars Sieg bei Bibracte (Autun in Burgund) 58 v. Chr. gehindert. Das Schlachtfeld ist wahrscheinlich auf der Ebene zwischen Ivry und Cussi-la-Colonne im NO. oder bei St.⸗Nicolassous-Charmoy im Süden von Autun zu suchen. Von 368000 Menschen, darunter 92000 streitbare Männer, die in Gallien einbrachen, gehörten 263000 den H., die übrigen andern benachbarten Stämmen an; nur 110000 kehrten in die Heimat zurück. Nach ihrer Unterwerfung unter die Römer gehörten sie zu dem röm. Gallien, seit Augustus zur Belgica, seit der Diocletianisch-Konstantinischen Zeit zu der Provinz Maxima Sequanorum. Als sie 70 n. Chr. die Herrschaft des Prätendenten Vitellius nicht anerkennen wollten, wurden sie von dessen Unterfeldherrn Cäcina auf dem Bözberge (Mons Vocetius) bei dem heutigen Baden (im Aargau) in einer blutigen Schlacht überwunden und erhielten erst nach schwerer Heimsuchung die Verzeihung des Siegers. Röm. Wesen und Leben, von dem zahlreiche, allerorten aufgefundene Altertümer zeugen, fanden bei den H. eine Stätte, namentlich seitdem 43 v. Chr. durch L. Munatius Plancus die militärisch wichtige Colonia Raurica, später Augusta Rauricorum (Augst bei Basel), gegründet worden, an den Hauptorten Aventicum (Avenches-Wifflisburg), der Hauptstadt Vindonissa (Windisch im Aargau), Julia equestris zu Noviodunum (Nyon am Genfersee), VWiviscum (Vevay), Eburodunum (Yverdun), Salodurum (Solothurn). (Vgl. Th. Mommsen, «Die Schweiz in röm. Zeito [(Zür. 1854]). Mit der zweiten Hälfte des 3. Jahrh. be⸗ —4 die Einfälle der Alamannen (s. d.) in diesen Teil des Römischen Reichs, die, wenn auch oft zurückgewiesen, doch immer wieder erneuert wurden und zu Anfang des 5. Jahrh. mit der Einnahme des größten Teils des Landes durch die Alamannen endigten. Den südwestl. Teil am Jura trat 436 der röm. Feldherr Aétius an die Bur under ab, die sich später von da östlich bis zur Reuß ausdehnten. (S. Schweiz.)

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 99Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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