Hildebrandslied heißt das älteste erhaltene Bruchstück aus der deutschen Heldensage (s. d.). Es wurde wahrscheinlich zu Ende des 8. Jahrh. auf die äußern Seiten der Deckblätter einer lat., jetzt zu Kassel befindlichen Handschrift eingeschrieben. Zuerst bekannt gemacht durch Cccard 1729, galt es für ein Stück aus einem niederdeutschen Prosaroman, bis die Brüder Grimm 1812 mit der ersten wissenschaftlichen Erläuterung desselben auch den Nachweis lieferten, daß es in allitterierenden Versen abgefaßt sei. Gestützt auf ein sehr genaues, durch W. Grimm besorgtes Faksimile (Gött. 1830) und auf eine tiefere Einsicht in Sprache und Versbau, versuchte zuerst Lachmann (über das H.v, Berl. 1833) in einer neuen kritischen Recension des Textes und einem sehr ausführlichen Kommentar die eigentliche Beschaffenheit des Gedichts, seine Lücken und Verderbnisse aufzuzeigen. Dieser Versuch hat seitdem vielfache Berichtigungen erfahren, durch Feußner (Hanau 1845), Vollmer und Hoffmann (Das H.»„ Lpz. 1850), W. Wackernagel (im «Altdeutschen Lesebuch), Grein (Gött. 1858; 2. Aufl., Kass. 1880), Mar Rieger (in Pfeiffers „Germaniav, Jahrg. 9, 1864), Holtzmann u. a. Der Text in Müllenhoffs und Scherers Denkmälerno beruht ganz auf Lachmann. Die Sprache zeigt, was die kritische Herstellung sehr erschwert, eine Mischung von ober⸗ und niederdeutschem Dialekt. Das Lied ist also nicht, wie man früher geglaubt, durch zwei hess. Mönche aus der Erinnerung, sondern auf Grund einer schriftlichen Vorlage abgeschrieben, ohne Zweifel aus einem oberdeutschen (bayrischen) Codex durch einen niederdeutschen Schreiber. Für die deutsche Litteraturgeschichte ist dies Lied von der höchsten Wichtigkeit, weil sich neben ihm kein zweites der Heldensage angehöriges Stück aus der ältesten Periode des echten epischen Gesangs erhalten hat. Dem Inhalte nach gehört es zu der Sage Dietrichs von Bern, welche die auf Odoacers oder Sibiches Rat durch dessen Oheim Ermenrich erfolgte Vertreibung Dietrichs aus seinem Erbreiche, seine Ruckt. zu Attila und seine nach 30 Jahren versuchte ückkehr nach Italien umfaßt. Aber nach der alten epischen Weise greift es aus dieser Sagenreihe nur ein einzelnes Ereignis heraus, den Kampf, welchen bei der Rückkehr Dietrichs alter Waffenmeister, Hildebrand, unerkannt und wider Willen mit seinem eigenen, einst als Kind zurückgelassenen und nun den Vater tot glaubenden Sohn bestehen muß. Der Stil ist kräftig, aber hart und starr; die Handlung tritt ohne Vorbereitung ein, drängt nach dem freilich fehlenden Ende und beschränkt sich in ihrem von Wechselreden begleiteten Verlaufe nur auf das Notwendigste. Formelhafte Ausdrücke sind vielfach eingestreut. Der Vers ist die allitterierende altepische Langzeile, die in zwei Hälften von je zwei Hebungen zerfällt. Derselbe Stoff erscheint noch in der spätesten Zeit des epischen Gesangs wiederum in Gestalt eines Liedes, welches bis ins 17. Jahrh. gesungen wurde (am besten gedruckt in Uhlands «Deutschen Volksliederno, Bd. 1, Nr. 132) und die absterbende epische Dichtung ebenso charakteristisch veranschaulicht, wie jene alte Fassung die aufblühende. Sievers hat das H. mit photographischen Faksimiles nach den Handschriften (Halle 1872) herausgegeben.