FeedIdee ist ein philos. Kunstausdruck
Bildende KunstBrockhaus 1882

Idee ist ein philos. Kunstausdruck, der in der Geschichte mancherlei Wandlungen seiner Bedeutung erfahren hat. Sein Ursprung liegt in der Platonischen Philosophie, welcher die Cenutnta⸗ (Gattungs-) Begriffe als das wahre Erkenntnisobjekt und deshalb auch als das wesenhaft Seiende alten. Für die Bezeichnung derselben wählte zlato die Ausdrücke sios und idsg, welche ursprünglich Form, Gestalt bedeuten. Er nahm deshalb der wechselnden Welt der sinnlichen Erscheinungen gegenüber eine wandellose Welt der J. an, an welcher jene nur einen unvollkommenen Teil haben oder von der sie nur eine Nachahmung sein sollte. Dieser platonische Sinn des Wortes 3./ gegen welchen übrigens namentlich Aristoteles (J. d.) polemisierte, erhielt bei den Neuplatonikern eine pantheistische, bei den Kirchenvätern und den christl. Scholastikern eine theistische Wendung, vermöge deren die J. als die ereinen Formeno, als die «vollkommenen Urbilders angesehen wurden, nach denen die einzelnen Dinge aus dem Wesen, resp. aus dem Willen Gottes hervorgegangen, resp. geschaffen wären. Während aber der scholastische Realismus diese Urgedanken Gottes wiederum nur in den Gattungsbegriffen suchte, neigte der Nominalismus mehr und mehr dazu, diese Ideenwelt als die Urbilder der einzelnen Dinge anzusehen, und indem man sich so gewöhnte, für jedes wirkliche Ding eine J. anzunehmen, schliff sich allmählich die spezifische Bedeutung des Wortes ab, und dasselbe fing an, für jeden beliebigen Vorstellungsinhalt gebraucht zu werden. Die roman. Sprachen und die Ausbildung des wissenschaftlichen Lateinisch fügten sich dieser Umwandlung, und seit Descartes und Spinoza auf der einen, seit Hobbes und Locke auf der andern Seite wurde lateinisch, französisch und englisch: idea, idée, idea, allgemein für den Begriff gebraucht, den wir im Deutschen am besten durch Vorstellungo ausdrücken. Auch der Sprachgebrauch der deutschen Popularphilosophie des 18. Jahrh. acceptierte dies und ließ das Wort in diesem allgemeinen Sinne in eine Menge von Redewendungen des alltäglichen Lebens übergehen: Ich habe keine J. davono u. dgl. Während aber das Englische und das Französische noch heute an diesem abgeblaßten Gebrauch des Wortes festhalten, ist die Sprache der deutschen Philosophie unter dem Einfluß Kants zwar nicht ganz zu dem platonischen, aber doch zu einem demselben nahe⸗ + Sinne zurückgekehrt. Kant nämlich vertand unter J. diejenigen Erkenntnisbegriffe, welche zwar ohne einen in möglicher Erfahrung aufweisbaren Gegenstand und deshalb der demonstrativen Erkenntnis unzugänglich, doch aus dem innersten Wesen der Vernunft als Prinzipien der Weltauffassung hervorgehen. Seine Nachfolger haben diesen Sprachgebrauch zwar nach manchen Seiten hin modifiziert und auch dem platonischen noch mehr zu nähern gesucht; das Wesentliche davon aber ist allgemein sestgehalten worden, und daraus ist auch in den allgemeinern Usus der Sprache die Gewöhnung hinübergeflossen, auf allen Gebieten des menschlichen Denkens unter J. prinzipielle Gesichtspunkte und Betrachtungsweisen zu verstehen, deren Wert in ihrem ursprünglichen Hervorgehen aus dem Wesen der Vernunft wurzele. Vgl. Heyder, Die Lehre von den J.v (Bd. 1: Zur Geschichte der Ideenlehres, Frankf. a. M. 1874).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 526Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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