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GeschichteBrockhaus 1882

Hoffmann (Ernst Theod. Amadeus, eigentlich Wilh.), einer der originellsten deutschen Novellisten und Romandichter, geb. 24. Jan. 1776 zu Königsberg in Preußen, studierte daselbst die Rechte und arbeitete dann bei der Oberamtsregierung in Großglogau und dem Kammergericht in Berlin. Im ᷓ 1800 wurde er Assessor bei der Regierung in dosen, sodann wegen einiger von ihm gefertigter Karikaturen, die der General Zastrow und andere Hochgestellte auf sich bezogen, 1802 als Rat nach Plock und 1804 in gleicher Eigenschaft nach Warschau versetzt, wo der Einmarsch der Franzosen 1806 seine Laufbahn endete. Ohne Aussichten und Vermögen, benutzte er seine musikalischen Kenntnisse als Erwerbszweig und folgte 1808 einer Einladung des Grafen Julius von Soden nach Bamberg als Musikdirektor bei dem dort neuerrichteten Theater. Als dieses bald nachher geschlossen wurde, beschäftigte er sich mit Musikunterricht und arbeitete für die leipziger Allgemeine musikalische Zeitungr, ing 1813 als Musikdirektor bei der Jos. Secondaschen Schauspielergesellschaft nach Dresden und leitete bis 1814 das Orchester dieser abwechselnd dort und in Leipzig spielenden Gesellschaft. Im N. 1816 wurde er wieder als Rat bei dem königl. Kammergericht in Berlin angestellt, wo er 25. Juni 1822 starb. In Posen brachte er das Goethesche Singspiel „Scherz, List und Racher aufs Theater, in Warschau „Die lustigen Musikantenv von Brentano, die Opern (Der Kanonikus von Mailandy und «Schärpe und Blumev, wozu er selbst den Text dichtete. Auch setzte er die Musik zu Werners «Kreuz an der Ostseey und komponierte später für das berliner Theater Fouqués zur Oper umgestaltete Undinev. Die erichienenen seine in der Musikalischen Zeitungy erschienenen Aufsätze zu sammeln, veranlaßte ihn Rami. Herausgabe der «Phantasiestücke in Callots Maniero (4 Bde., Bamb. 1814 — 15; 3. Aufl., 2 Bde., Lpz. 1825). Danach gab man ihm die unterscheidende Bezeichnung: Callot-H. Diesen schließen sich an: «Elixire des Teufels (Berl. 1815—16), Nachtstücker (2 Bde., Berl. 1817) und (Die Serapionsbrüdero (4 Bde., Berl. 1819—21, nebst einem Supplewentband, 1825, der H.s letzte Erzählungen enthält); ferner: «Klein Zaches, genannt Zinnobero (2. Aufl., Berl. 1824), Prinzessin Brambilla, ein Capriccio nach Jakob Calloto, Meister Floh, ein Märchen in sieben Abenteuern zweier Freunder (Frankf. 1822), (Lebensansichten des Kater Murr, nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeister Johannes Kreisler, in zufälligen Makulaturblätterny (2 Bde., Berl. 1820 — 22), „(Der Doppeltgänger» (Brünn 1822) und einige kleinere Erzählungen. H. besaß einen scharfen Verstand, der an den Erscheinungen sehr bald die schwachen und lächerlichen Seiten erkannte. Doch zeigte er sich Ale voll phantastischer Anschneidende und Dämonenglaubens, geneigt zu schneidender Skepsis, beißender Jronie und bizarrem Humor, in lyrischem Gefühl schwelgend, den Gegenstand seiner Liebe mit Enthusiasmus erfassend und excentrisch in seiner Begeisterung, Epikureer bis zur Weichlichkeit und Stoiker bis zur Starrheit. In seinen humoristischen Sprüngen erinnert er an Jean Paul, den er an novellistischer Erfindungsgabe übertrifft, aber an Umfang und Tiefe des Humors, an Mannigfaltigkeit der Anschauungen, an Gewalt der Sprache keineswegs erreicht. Auch in seinem Hange zu sentimentalen und enthusiastischen Ausbrüchen gleicht er Jean Paul; nur erscheinen diese bei letzterm als natürliche Geburten eines reinen, naiven und gesunden Gemüts, bei H. häufig als die erkünstelten und geschraubten Erzeugnisse eines halb krankhaften Raffinements. Am besten gelungen sind ihm eine Anzahl kleiner Novellen, Meisterstücke in engem Rahmen, die, wie Meister Martin und seine Geselleno, Dogaressen u. s. w., sich von der gespenstischen Maschinerie frei erhalten. Auch als geschickter Karikaturenzeichner zeichnete sich H. aus, und mehrere der am populärsten gewordenen Karikaturen auf Napoleon rühren von ihm her. Eine Sammlung seiner Ausgewählten Schrifteno erschien zu Berlin (10 Bde., 1827); seine Witwe, Micheline, geborene Rorer, fügte denselben fünf Bände Supplemente (neue Aufl., Stuttg. 1839) bei. «Ausgewählte Werkey H.s gab auch Kurz (2 Bde., Hildburgh. 1870) heraus. Eine Gesamtausgabe erschien 1856—57 (12 Bde.) zu Berlin, ferner mit Federzeichnungen von Hosemann in 12 Bänden (Berl. 1871—73), eine andere mit Biographie H.s von R. Boxberger (6 Bde., Berl. 1873). Eine treffliche Biographie H.s lieferte sein Freund C. Hitzig in dem Werke «Aus H.s Leben und Nachlaßo (2 Bde., Berl. 1823; 3. Aufl. 1839). Funck (pseudonym für F. Kunz) gab Erinnerungen an H. in der Schrift (Aus dem Leben zweier Dichter: Ernst Theodor Wilhelm H. und Fr. Gottlob Wetzel» (Opz. 1836) heraus. Im Auslande, namentlich in Frankreich, ist H. vielfach übersetzt und nachgeahmt worden.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 298Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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