Holzessig oder Holzsäure, Produkt trockener Destillation des Holzes. Wird Holz bei Abschluß der Luft erhitzt, so findet Zersetzung seiner sämtlichen Bestandteile statt, unter Neubildung einer Menge von organischen Verbindungen und unter Abscheidung von Holzkohle. Die entstandenen Verbindungen lassen sich zum Teil zu Flüssigkeiten verdichten, zum Teil bilden sie Gase, welche als solche entweichen oder auch in der Feuerung verbrannt werden können. Die abgeschiedenen Flüssigkeiten sondern sich in eine stark saure, wässerige, welche den H. bildet, und eine tief schwarz gefärbte, Holzteer. Zur Darstellung des H. wählt man vorzugsweise Laubhölzer, so Buchen-, geschältes Eichen⸗, Birkenholz, doch kommen auch Nadelhölzer zur Verwendung; bei letztern kann dann zugleich Terpentinöl gewonnen werden. Die Destillation wird in eisernen Retorten ausgeführt, und diese haben meist die Form eines Cylinders, selten die eines viereckigen Kastens. Die Cylinder werden entweder liegend oder stehend angeordnet. Bei ersterer Methode werden die Cylinder in einem Ofen, und dann meist zu zweien über einer gemeinsamen Feuerung, eingemauert, sodaß die Enden gerade aus dem Ofen hervorragen; die beiden Enden werden durch eiserne Platten verschlossen, von denen die eine, mit einem Abzugsrohr für die entweichenden Dämpfe und Gase versehen, dauernd mit dem Cylinder verbunden ist, während die andere nur während der Destillation einen temporären Verschluß bildet und nach Beendigung jeder Operation entfernt wird, um die Holzkohle aus dem Cylinder nehmen und frisches Holz einfüllen zu können. Bei den stehenden Cylindern sind zwei verschiedene Konstruktionen zu unterscheiden. Bei der einen sind die Cylinder, welche dann meist von starkem Kesselblech angefertigt werden, oben und unten mit abgerundetem Boden versehen, von denen der obere eine Offnung von solcher Weite trägt, um einen Arbeiter einsteigen zu lassen, der die Holzscheite, aufrecht stehend, symmetrisch so einzusetzen hat, daß möglichst wenig Zwischenräume verbleiben. Der Cylinder ist dauernd in einen Ofen eingemauert und rings mit spiralig ansteigenden Feuerkanälen umgeben, um die Hitze auszunutzen; ein oben angebrachtes Abzugsrohr leitet die Dämpfe und Gase zur Kondensationsvorrichtung, häufig findet sich noch ein zweites Abzugsrohr am Boden des Cylinders. Die andere Konstruktion unterscheidet sich von dieser dadurch, daß der Cylinder nicht dauernd im Ofen verbleibt, sondern unmittelbar nach beendeter Destillation mittels eines Krans herausgewunden wird, um außerhalb des Ofens zu erkalten. Letztere Konstruktion bietet den Vorteil einer günstigern Ausnutzung der Wärme insofern, als in den noch heißen Ofen ein zweiter, frisch gefüllter Cylinder eingesetzt werden kann, der die vorhandene Wärme aufnimmt, während im andern Falle Cylinder und Ofen bis zum völligen Erkalten stehen bleiben müssen, um einer Entzündung der Kohle vorzubeugen. Als Kondensationsvorrichtung dient entweder ein bleiernes Schlangenrohr, welches in einem geräumigen, mit kaltem Wasser gefüllten Behälter liegt, oder häufig auch eine Reihe von aufrecht gestellten Fässern, die durch thönerne Knieröhren untereinander derartig verbunden sind, daß die heißen, vom Cylinder kommenden Dämpfe in das erste Faß der Reihe eintreten und dann nacheinander die übrigen passieren, wobei die Kondensation durch Ausstrahlung der Wärme erfolgt. Oder endlich nimmt man auch eine Kombination dieser beiden Einrichtungen vor, man läßt die Dämpfe zunächst durch ein Holzfaß und dann durch ein Schlangenrohr passieren. Letztere Anordnung empfiehlt sich namentlich bei der Verarbeitung harzreicher Hölzer insofern, als die Abkühlung in dem Fasse hinreichend ist, um die größte Menge der hochsiedenden Bestandteile des Teers zu verdichten, während das Terpentinöl und der H. dampfförmig bleiben und erst im Schlangenrohr niedergeschlagen werden, wodurch also gleich bei der Darstellung eine Trennung der Produkte erreicht wird. Die Ausbeute an Essigsäure ist bedingt vor allem durch die Art der Erhitzung. Bringt man z. B. Holz in eine zum starken Rotglühen erhitzte Retorte, wie bei der Bereitung des Leuchtgases aus Holz, so entstehen viel brennbare Gase, viel Kohlensäure neben ganz wenig Essigsäure, während die größte Menge dieser Säure gebildet wird, wenn das Holz langsam auf eine Temperatur gebracht wird, welche der Schmelzhitze des Zinns entsprechend ist, und andauernd bei dieser Wärme erhalten wird. Bei der gewöhnlichen Anordnung der Destillationsapparate ist dies jedoch unausführbar, weil bei dem schlechten Wärmeleitungsvermögen der Kohle wie des Holzes die Wärme allzu langsam in das Innere des Cylinders eindringen würde. Dagegen kann man diese Temperatur einhalten bei einem von Violette eingeführten und jetzt auch in der Praxis umfänglich angewendeten Verfahren, welches darin besteht, die erforderliche Erhitzung durch überhitzten Dampf zu bewirken, wobei der Dampf die ganze Holzmasse gleichmäßig durchdringt und so jeder einzelnen Faser die Wärme gleichmäßig mitteilt. Das Holz wird dabei in einen doppelwandigen Cylinder gebracht, der in einem Spiralrohr bis zur Schmelzhitze des Zinns überhitzte Dampf tritt zuerst in den den innern Cylinder umhüllenden Dampfmantel und dann am vordern Ende in den innern Cylinder, strömt durch die ganze Holzmasse und entweicht am andern Ende, mit den Destillationsprodukten beladen, in einen Kühlapparat. Der H. ist im wesentlichen eine gelb bis rotbraun gefärbte wässerige Lösung von Essigsäure und Methylalkohol, außerdem enthält er eine ganze Reihe von andern Bestandteilen, organischen Säuren, den aromatischen Verbindungen angehörenden Alkoholen und Äthern u. s. w. Letztere erteilen ihm einen eigentümlichen Geruch und machen ihn als Antiseptikum wirksam. Er dient teils als Rohmaterial zur Darstellung der Essigsäure (s. d.), der essigsauren Salze und des Methylalkohols oder des Holzgeistes (.d.), teils findet er wegen seiner antiseptischen Eigenschaften Verwendung in der Medizin, doch hier namentlich in der Veterinärpraxis, und zur Konservierung von Fleischwaren zum Behuf der sog. Schnellräucherung. Hierbei wird das Fleisch, namentlich Wurst in H. eingetaucht oder damit bestrichen, wobei der H. genügend eindringt, um in kürzester Zeit ebenso fäulniswidrig zu wirken, wie es durch das Räuchern in viel längerer Zeit erfolgt, während das leisch saftig bleibt und seinen urs prünglichen Was-Ruchalt behält, während es beim Räuchern eine bedeutende Austrocknung erfährt.