FeedHomöopathie
HeilkundeBrockhaus 1882

Homöopathie (von 5poros, ähnlich und x0, das Leiden), das von Hahnemann (I. d.) aufgestellte System der Heilkunst, welches auf dem Satze beruht, «Ahnliches durch Ahnliches zu heilen v (similia similibus curare, abgekürzt S. S.). Hahnemann wurde auf dieses Prinzip dadurch geführt, daß er, nachdem er bei gesundem Körper Chinarinde eingenommen, einen wechselfieberartigen Frostanfall erduldete, und kam so auf den Gedanken, die China heile Wechselfieber, weil sie ähnliche Symptome hervorbringe. Er verfolgte diese Idee hinsichtlich anderer Arzneimittel und veröffentlichte zuerst 1796 einen Versuch über ein neues Prinzip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneisubstanzen in Hufelands Journal der praktischen Heilkunde . Später führte er dieses Thema, verknüpft mit andern, zum Teil sehr paradoxen Sätzen über Krankheit, Heilung und Arzneiwirkung, weiter aus in seinen Fragmenta de viribus medicamentorum positivis sive in sano corpore observatis v, dann in dem populär geschriebenen, sehr weitverbreiteten, auch fast in alle lebende Sprachen übersetzten „Organon der Heilkunder, in der «Reinen Arzneimittellehredo und den « Chronischen Krankheiten v. Er stützte sich in diesen Schriften auf zahlreiche, immer neu an sich selbst und andern gemachte oder auch aus ältern Schriftstellern zusammengetragene Beobachtungen über die Wirkungsweise vieler Arzneien und Gifte. Die außerordentlich schroffe Art, mit welcher Hahnemann in diesen Schriften gegen die frühere Medizin und gegen das Verfahren aller Auopalhin⸗ Arzte auftrat (wobei er erstere die llopathie, letztere Allopathen nannte), bewirkte einen heftigen litterarischen Streit. Die neue bmdn fand indes aus verschiedenen Gründen alsbald zahlreiche Anhänger im Publikum. Hierzu trugen, außer einigen, wohl ualkunmrpur der Heilkraft der Natur und der Einhaltung strenger Diät Neiaung des ant Heilerfolgen, wesentlich bei die eigung des großen Publikums, insbesondere der Halbgebildeten, für alles Mystische, sowie die äußere Annehmlichkeit der von Hahnemann eingeführten Arzneiformen (Pülverchen, Tröpfchen, Streukügelchen, Riechfläschchen, anstatt der bisher üblichen großen Arzneiflaschen, Pillen- und Pulverschachteln u. dal)r die Verbannung der äußern, zum Teil abschreckenden und schmerzhaften Heilmittel (z. B. Aderlassen, Schröpfen, Blutegel⸗ und Blasenpflasterlegen, Brennen, Umschläge u. s. w.); die strenge, gegen die derzeitige Unmäßigkeit ankämpfende, von den bisherigen Ansichten abweichende Diät (Verbot des Kaffees, der Gewürze, des Kalbfleisches u. s. w.); vor allem aber das von Hahnemann und vielen seiner Schüler beanspruchte und trotz alles Widerstandes der medizinalpolizeilichen Behörde ausgeübte Selbstbereiten und Selbstverabreichen der homöopath. Arzneimittel. Obschon die jetzigen homöopath. Arzte von den ursprünglichen Lehrsätzen Hahnemanns nur noch sehr wenige als richtig gelten lassen, so ist doch als das Wesentliche und Charakteristische der homöopath. Lehre und Praxis der Grundsatz, «Ahnliches mit Ahnlichem zu heilen », stehen geblieben. Um Krankheiten gründlich zu heilen, schreibt die homöo— path. Schule vor, soll man solche Heilmittel wäh— len, welche im gesunden lebenden Körper ähnliche Symptome hervorzurufen vermögen, wie diejenigen sind, welche von der Krankheit hervorgerufen werden. Da ein Symptom nichts anderes ist als eine Veränderung irgend eines Organs (wie z. B. Nieskitzel durch Reizung des Gefühlsnerven in der Nase, Husten durch Zusammenziehung bestimmter Ausatmungsmuskeln, Erbrechen durch die des Magens, Stuhlgang durch die des untern Darmkanals entsteht), soll man bei Krankheiten bestimmter einzelner Organe solche Mittel wählen, die eben auf das kranke Organ wirken, die einen bestimmten Nervenast, eine bestimmte Haargefäßgruppe, eine bestimmte Drüse u. s. w. affizieren: dies sind die sog. Organheilmittel oder Lokalspezifika, die Elektivmittel oder Eigenmittel der Organe, wie sie von manchen neuern ärztlichen Schulen genannt werden. Ein solches Verfahren, örtliche Übel durch örtlich wirkende Mittel zu heilen (localia localibus sanare), war zum Teil schon in den ältesten Zeiten üblich, wie dies bereits Hahnemann selbst bemerkte. Aber die Erfahrung lchrs zugleich, daß solches Verfahren nicht in allen Fällen heilsam, in manchen vielmehr schädlich sei. So mußten z. B. Brechmittel einen entzündeten Magen stets nur noch mehr verletzen, mußte das Hineinstürmen mit stark wirkenden Arzneien in ein ohnedies krankes Organ in vielen Fällen nur das übel ärger machen. Diese Thatsache wußte auch Hahnemann bald wohl, und zwar um so mehr, als er sich sehr bald überzeugte, daß ein erkranktes Organ viel leichter und heftiger von einem spezifischen Arzneimittel affiziert wird als im gesunden Zustande. Er gab daher sehr zeitig die Vorschrift: man solle das homöopatische (d. h. nach dem Grundsatz der Symptomenähnlichkeit gewählte) Mittel in äußerst eringen Gaben geben, die er dann noch mehr, zuetzt bis ins Unendliche verkleinerte (die sog. Potenzierungen der Arzneien, d. h. Verdünnungen von 1 zu 100, und dieser wieder von 1 zu 100 u. s. f.). Dies erreicht man durch einen eigentümlichen Verdünnungs- und Schüttelungsprozeß, am besten mit Weingeist; je größere Verdünnung, desto größere potentielle Kraft. Thut man einen Tropfen der dreißigsten Verdünnung (ein Decilliontel Gran des Medikaments) auf ein Stück Zucker, so braucht man oft nur an diesen zu riechen, um von der betreffenden Krankheit geheilt zu werden. Später stellte Hahnemann sogar das wahrscheinlich auf ähnliche oberflächliche Beobachtungen gegründete Gesetz auf, daß der Heilung durch homöopath. Mittel oft eine Steigerung Ii0g. 0r Krankheitserscheinungen vorhergehe (die sog. homöopathische Verschlimmerung). Daß die Arzneimittel in sehr kleinen Gaben oft ganz andere, sogar anscheinend entgegengesetzte Zufälle im lebenden Körper hervorbringen als in großen Gaben, ist ein weiterer Kardinalsatz der H., welcher schon zur Zeit Hahnemanns von den Ärzten und Naturforschern auf das lebhafteste bekämpft wurde. Jetzt glauben die Homöopathen diese scheinbaren Kontraste zwischen roßen und kleinen Gaben auf naturwissenschaftichem (physik.⸗chem. oder physiol.) Wege lösen zu können. Sie berufen sich unter anderm darauf, daß z. B. Säuren das Eiweiß des lebenden Körpers, wenn sie konzentriert darauf wirken, zum Gerinnen bringen, während sie verdünnt das Geronnene wieder auflösen. Kochsalz, in trockenem Zustande aufgestreut, wirkt durch Wasserentziehung reizend, beißend auf die Schleimhäute, bei gehöriger Verdünnung aber lösend und kühlend. Viele Gifte und Reizmittel, die bei kleinen Mengen das Gehirn oder andere Nervenpartien lebhaft reizen, lähmen solche bei großen Mengen, u. s. w. Diese Thatsache beschränkt sich aber nicht bloß auf die Wirkung der Arzneimittel, sondern sie kommt allen möglichen Einwirkungen auf den menschlichen Körper zu; sie findet sogar bei dessen eigenen Proessen, bei gesunden und krankhaften Vorgängen statt. Hohe Grade von Zorn lähmen z. B. Zunge und Sprache, niedere beleben dieselben Teile. Leichter Schlaf regt das Gehirn zu Träumen auf, dagegen tiefer, fester Schlaf verbannt die Träume etc. Diese von der neuern Physiologie und Pathologie tausendfältig bewahrheiteten Beobachtungen zeigen erstens, daß es sich hier nicht um Eigenschaften handelt, die den Arzneien als solchen innewohnen, sondern um Gesetze des lebenden Organismus. Sie zeigen zweitens, daß das, was Hahnemann als entgegengesetzte Dinge betrachtete, keine Gegensätze sind, sondern bloße Modifikationen einer und derselben Grundfunktion. Hahnemann nämlich lehrte, daß die alte Medizin nach dem Prinzip kuriere: contraria contrariis, d. h. solche Mittel ebe, welche die der Krankheit entgegengesetzten .½ hervorrufen (3. B. bei Durchfall verstopfende, bei Schmerz betäubende, bei Krämpfen lähmende u. s. w.): er stellte dagegen auf, daß ein solches Verfahren falsch sei: man müsse vielmehr Aus den hier gegebenen Erklärungen leuchtet aber ein, wie beim jetzigen Stande der Physiologie diese beiden Sätze nicht mehr als Gegensätze bestehen. Denn beide besagen dasselbe, nämlich: daß man Mittel geben müsse, welche auf das kranke Organ wirken. Diese UÜberzeugung hat auch die in der ersten Hälfte des 19. Jahrh. unter Landärzten sehr verbreitete Schule Rademachers (s. d.) an die Spitze gestellt. Die Hauptaufmerksamkeit dieser Schule geht auf ihe Mane von Organheilmitteln, B. Leber⸗, Milz⸗‚„ Magen⸗, Hirnmitteln. Diejelbe Tendenz verfolgt in der That auch eine bedeutendere Fraktion der neuern Homöopathen, die sog. Spezifiker oder Idiopathiker. (Vgl. Arnold, „Das rationell-spezifische oder idiopathische Heilverfahren », Heidelb. 1851.) Ein unbefangener Blick auf das gewöhnliche praktische Leben zeigt übrigens, daß keins dieser drei Heilprinzipe (similia similibus, localia localibus, contraria contrariis) als solches allein ausreicht. Man müßte sonst den größten Teil der chirurg., geburtshilflichen, orthopäd., gymnast., der diätet. und anderer Heilungsweisen ausschließen und sich bloß auf einige starkwirkende Arzneien beschränken. Ein Hauptverdienst der Hahnemannschen Lehre bestand unbestreitbar darin, daß sie einen Teil der Arzte veranlaßt hat, sich viel mit Prüfungen der Arzneien an gesunden Menschen und Tieren zu beschäftigen. Ein zweites, obschon negatives Verdienst der H. ist, daß sie das Treiben mit vielfach zusammengesetzten oder giftigen Arzneien, sowie die barbarischen Eingriffe in den Gang der Krankheiten durch Aderlässe, Blutegel, Blasenpflaster, Glüheisen, Brech⸗ und Abführmittel u. dgl. sehr bedeutend eingeschränkt hat. Die Homöopathen wagten es, gestützt auf die Überzeugung von der Kraft ihrer verdünnten Arzneien, den Krankheiten ihren natürlichen Verlauf zu lassen, und in der Mehrzahl bewährte sich auch, wie allenthalben, die Natur als die beste Meisterin. Die Fälle verliefen beim homöopath. Verfahren meist glücklicher als bei dem gewaltsamen Verfahren der frühern Allo-Lamg Jetzt ist aber auch jenes Resultat, das die atur bewirkt, ein Allgemeingut geworden. Die physiol. Arzte behandeln und heilen gegenwärtig eine Menge Krankheiten auf rein diätetischem Wege, wobei diese physiol. Schule vor allen noch das voraus hat, daß sie die natürlichen Vorgänge des Organismus am sorgfältigsten und ausdauerndsten studiert. Aus diesem Grunde haben auch zum großen Teil die neuern Homöopathen es für nötig gehalten, den Forschungen dieser Richtung nicht fremd zu bleiben. Unter den ältern Anhängern Hahnemanns wirkten besonders für die Verbreitung seiner Lehre, wenn sie auch von ihm charakteristisch genug nicht als vollkommene Homöpathen anerkannt wurden, Mor. Müller in Leipzig, W. Groß in Jüterbogk, Stapf in Naumburg, Rau, Wolf, Trinks, Noack, und G.. 5 u. a. Einzelne Homöopathen, wie Lux und G. Fr. Müller, verstiegen sich zu der abenteuerlichen, wegen ihrer abschreckenden Konsequenzen niemals zu allgemeiner Geltung gekommenen Lehre der sog. Isopathie, nach welcher Gleiches mit ganz Gleichem geheilt werden soll, z. B. Pocken mit Pockeneiter, Tripper mit Trippereiter, Bandwurm durch verzehrte Bandwurmglieder u. dgl., jedenfalls die unreinlichste und verkehrteste Theorie von allen jemals erfundenen. Die Mehrzahl der jetzigen homöopath. Arzte verwirft fast alle Lehrsätze Hahnemanns mehr oder minder, obschon dieselben in Laienkreisen noch immer große Autorität genießen. Nicht bloß die physiol. Medizin nennt das ganze Lehrgebäude Hahnemanns ein Gemisch von Sophistik und Irrtum, sondern auch die dem Grundsatze Hahnemanns similia similibus noch immer beistimmenden Arzte bezeichnen die Deduktionen des Begründers der H. als unwissenschaftlich, indem sie ihre eigene Theorie die awissenschaftliche 5. nennen. Allein den hohen grundlegenden Wert der Physiologie und pathol. Anatomie für die gesamte Heilkunde hat auch die jetzige H. teineswegs vollgültig anerkannt und daher auch auf deutschen Universitäten trotz vieler Agitationen noch keinen Lehrstuhl erhalten. Die H. zählt vorzugsweise in Amerika viele Anhänger, wo auch 1876 eine internationale Versammlung homöopath. Arzte zu Washington stattfand. Sie verleitet viele Laien zu dem Versuche, sich selbst zu kurieren, wozu insbesondere zahlreiche populäre Schriften Anlaß bieten. Zu diesem Zwecke werden homöopath. Haus- und Reiseapotheken verbreitet, und es bestehen sogar mehrere sich nur mit dem Verlag und Vertrieb homöopath. Schriften beschäftigende Buchhandlungen. Litteratur. Über Wesen und Tendenz der H. vgl. außer den Schriften Hahnemanns noch Altschul, „Systematisches Lehrbuch der theoretischen und praktischen H.5 (Sondersh. 1859); Kafka, Die homöopath. Therapie auf Grundlage der physiol. Schulev (2 Bde., Sondersh. 1863 — 69); Grauvogl, «Lehrbuch der H.» (2 Bde., Nürnb. 1866); Lutze, «Lehrbuch der H.» (10. Aufl., Sondersh. Familienarzto (10. Aufl., Lpz. 1879); Hering, „Homöopath. Hausarzto (14. Aufl., Jena 1876); Hirschel, Der homöopath. Arzneischatz in seiner Anwendung am Krankenbett », (13. Aufl., Lpz. 1884); Rigler, «Die H. und ihre Bedeutung für das öffentliche Wohlo (Berl. 1882); Ameke, 4 Die Entstehung und Bekämpfung der H. v (Berl. 1884). Unter den Zeitschriften sind am verbreitetsten Hirschels «Zeitschrift für homöopath. Kliniko (Lpz.), welche besonders die neuere Fraktion der H. vertritt, die Internationale homöopath. Presser (Bd. 7, Lpz. 1876), sowie die Populäre Zeitschrift für H.n von Schwabe (14. Jahrg., Lpz. 1883). Über die Geschichte der H. vgl. Kleinert, „Geschichte der

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 375Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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