Hugo (Victor Marie), berühmter franz. Dichter, geb. 28. Febr. 1802 zu Besangon, wo sein Vater, damals Oberst, später General und von NapoleonJ. in den Grafenstand erhoben, in Garnison stand, verbrachte seine erste Jugend teils in einem Nonnenkloster zu Paris bei seiner Mutter Sophie, geborenen Trébuchet, einer Vendéerin, teils in Italien und Spanien bei seinem Vater, der ihm seit 1815 einen für die militärische Laufbahn berechneten Unterricht geben ließ. Während der junge H. Mathematik betrieb, machte sich aber auch seine poetische Natur und feurige Phantasie in Versen geltend. Schon 1816 entstanden die Gedichte Le riche et le pauvrep und „La Canadiennep, 1817 behandelte er das bei der akademischen Preisbewerbung auf0 ebene Thema Les avantages de l'étuden und ieß in sein Gedicht eine Anspielung auf seine kaum zurückgelegten 15 Jahre einfließen. Die Preisrichter sahen darin eine Mystifizierung und erteilten ihm, anstatt des Preises, nur eine Belobung. Doch erhielt er hiernach von seinem Vater die Einwilligung, den militärischen mit dem litterarischen Beruf zu vertauschen. Die Akademie von Toulouse krönte 1819 seine zwei Oden auf die Bildsäule Heinrichs IV. und auf die 1792 hingerichteten Jungfrauen von Verdun und ernannte ihn 1820 zum Maitre ès jeux floraux. In den J. 1822—24 veröffentlichte H. die beiden ersten Bände seiner 4Odes et balladeso, die in der Form noch klassisch, aber in der Empfindungs⸗ und Auffassungsweise schon romantisch, durch den Vollklang der Verse überraschten; 1823 erschien sein erster Roman Han d'Islande, 1825 folgte der zweite: „Bug Jargalo, 1826 der dritte Band seiner 4Odes et balladeso, in welchen die klassische Form seiner ersten Gedichte immer mehr zurücktritt und die beliebte Redefigur des Dichters, die Antithese, sich stark geltend macht. Sein Bruch mit dem Klassizismus entschied sich durch das 1827 Iehene Porrepe Drama«Cromwelb. Die dazu geschriebene Vorrede entwickelte die ästhetische Theorie der neuen Richtung. Cromwelly war nicht für die Bühne geschrieben, wurde aber als litterarisches Werk Gegenstand der heftigsten Polemik. Im J. 1828 erschien eine neue Sammlung Oden, 4Les Orientales v, die bewies, bis zu welch hohem Grade der Dichter Form und Rhythmus in seiner Gewalt hatte. Im J. 1829 schrieb H. das Drama «Marion Delormer, dessen Aufführung die Theatercensur untersagte. Das Drama Hernani ou I'honneur castilland wurde 26. Febr. 1830 auf dem Theätre frangais aufgeführk. Hierauf erschien der histor. Roman Notre-Dame de Paris (1830), welchen die Treue der Zeit⸗ und Ortsfarbe, das absichtliche Gemisch von Schönem und Unschönem, hon Einfachem und Seltsamem, die Originalität inzelner Charaktere, das dramatische Interesse des Hanzen zum Hauptwerk unter H.s prosaischen Dichungen machen. Das Drama (Triboulet ou Le roi „amuser (1832) veranlaßte stürmische Auftritte im Theätre frangais und wurde nach der ersten Vortellung verböten. Sodann folgten die Dramen Lucrèce Borgiao und Marie Tudoro (1833), graveso (1843), und neue Sammlungen lyrischer Gedichte: «Feuilles d'automnes, tief menschlich und schlicht einfach empfundene Lieder (1831), „Chants du crépusculer (1835), (Voix intérieureso (1837), Les rayons et les ombres9 (1840), unter welchen die erste und die dritte die Meisterstücke sei— ner poetischen Leistungen in Versen sind. Er wurde 1841 in die Akademie aufgenommen und 1843 zum Pair ernannt. H. trieb unter allen Regierungen eifrig Politik, je nach seiner zeitweiligen poetischen Stimmung. Royalistisch und katholisch gesinnt oder vielmehr gestimmt, kämpfte er für die Sache des bourbonischen Throns und der Staatsreligion in den Oden, in welchen er die Rückkehr der Bourbonen und die Helden der Vendée besang. Eine königl. Pension belohnte ihn damals. Unter Karl X. und Ludwig Philipp beförderte er mit seiner &Ode à la colonnen und Napoléon II5 die Ausbildung der napoleonischen Partei und Legende und verlangte in der Pairskammer die Zurückberufung der Bonaparte. Nach der Februarrevolution von 1848 wurde er zu Paris in die Constituante gewählt, wo er sich zur monarchisch-reaktionären Majorität hielt und durch die Inkonsequenz seines Verhaltens beim Abstimmen über die wichtigsten Fragen bemerklich machte. Nach seiner Wiederwahl in die Legislative verleugnete er seine Vergangenheit und wurde der Wortführer der demokratisch-sozialen Partei. Als Ludwig Napoleons Wiederernennung zur Sprache kam, eiferte er aufs heftigste gegen «Napoleon den Kleineno, gegen den „Augustodulus », sodaß nach dem Staatsstreich vom 2. Dez. 1851 H.s Name auf der Proskriptionsliste obenan gesetzt wurde. Er flüchtete zuerst nach Belgien, sodann nach der Insel Jersey, von wo man ihn wegschickte, weil er in Betreff eines zum Aufhängen verurteilten Verbrechers einen unehrerbietigen Brief an die Königin von England geschrieben hatte, und bewohnte nachher die Insel Guernsey, den us) ban wo er sich ein fürstl. Haus (Hauteville-House) bauen ließ und auch wohnen blieb, obgleich ihm die Amnestie vom 15. Aug. 1859 die Rückkehr nach Frankreich gestattete. Aus der Verbannung datierte er ein mit aller Bitterkeit persönlichen Grolls geschriebenes Pamphlet K«Napoléon le Petito (Brüss. 1852) und einen gleich maßlos leidenschaftlich abgefaßten Band Gedichte: „Les chätimentso (Brüss. 1852). Hierzu kamen später ruhigere Werke: „Les contemplationsv (2 Bde., Par. 1856 u. öfter), Erinnerungen aus dem frühern Leben des Dichters und Ergebnisse seiner spätern Weltansicht; La légende des siècleso (2 Bde., Par. 1859), eine Sammlung von versifizierten Sagen und phantastischen Schilderungen auf histor. Basis; Les misérableso (10 Bde., Par. 1862), ein großer sozialer Roman, worin er die gesellschaftlichen Ungleichheiten in farbenreicher Weise schildert; die Abhandlung William Shakespearen (1864),Les chansons des rues et des boisv (1865), „Les travailleurs de la merv (1866) und L'homme qui rito (4 Bde., Par. 1869; deutsch von Büch— mann, 4 Bde., Berl. 1869), ein seltsamer Roman. Einige Tage nach dem 4. Sept. 1870 kehrte H. nach Paris zurück, und eine seiner ersten Hand— lungen war, daß er den siegreich vorrückenden Deut— schen in einem glühenden Aufruf zumutete, ohne weiteres umzukehren und den gottlosen Gedanken der Belagerung einer Stadt wie Paris aufzugeben. Bei den Wahlen 8. Febr. 1871 wurde er vom Seine-Departement in die Nationalversammlung zu Bordeaux gewählt, wo er seinen Sitz auf der äußersten Linken nahm und 8. März seine Entlassung gab. Am 18. März, im Moment des Ausbruchs der Commune, brachte H. die Leiche seines plötzlich am Schlagfluß gestorbenen ältesten Soh— nes, Charles Victor H., von Bordeaux nach Paris, begab sich sodann nach Brüssel und trat, nachdem er kurz vorher in zornsprühender Ode die Vendöme— säule gegen die Wut der Communards verteidigt hatte, in einem 26. Mai an den Redacteur der Indépendance belges gerichteten Briefe für die Commune ein, mußte aber, infolge feindseliger Zusammenrottungen vor seinen Fenstern, die Stadt verlassen und kehrte nach einem kurzen Aufenthalt in London nach Paris zurück, wo er bei den Senatorwahlen 30. Jan. 1876 für das Seine-Departement gewählt wurde. Die Schrecknisse des Deutsch-Französischen Kriegs schilderte er in grell poetischer Form in L'année terribleo (Par. 1872); darauf folgte der Revolutionsroman «Quatre-vingt-treizev (3Bde., Par. 1874; deutsch von Schneegans, 3 Bde., Straßb. 1874), und unter dem Titel Actes et paroler (3 Bde., Par. 1875—76; deutsch im Auszug, Stuttg. 1876) gab er ein Memoirenwerk über sein Leben von 1841 ab heraus; diesem folgte «L'art d'èétre grand-pèrer (Par. 1877). Obgleich in seinen spätern Erzeugnissen die Denkungsweise in Bezug auf Staat und Gesellschaft eine ganz andere ist, hat doch sein Stil in den prosaischen Werken dieser Periode das Glänzende, Lebhafte und Gewaltige seiner frühern Diktion durchgängig behalten; dagegen verraten seine letzten Poesien die Stufe des Verfalls, nämlich ausschweifende Phantasie, grelles Kolorit und argen Verstoß gegen die Hauptregeln der franz. Metrik. Als Haupt der romantischen Schule in Frankreich hat H. an die Stelle litterari— scher Tradition, die von klassischen Mustern nur noch den äußern Zuschnitt bewahrte, die freie Wahl des Stoffs und die ungehinderte Bewegung des Geistes gesetzt und so in die Dichtkunst wieder Kraft und eigenes Leben gebracht. Daß diese Reaktion gegen die fesselnde Regel und Konvenienz bei ihm und seinen Nachahmern zu Übertreibungen führte, war fast unvermeidlich. Der Haß gegen konventionelle Schönheit und abstrakte Charakteristik verleitete zur Verleugnung des Schönen und Idealen, sodann zur Ehrenrettung und Verherrlichung des Unschönen und Ungeheuerlichen physischer und moralischer Art. Dennoch hat die von H. durchgesetzte litterarische Umwälzung bleibende Bedeutung als eine Epoche der franz. Litteraturgeschichte. H.s sämtliche Werke sind in vielen Ausgaben erschienen, die vollständigste in 26 Bänden (Par. 1858 fg.; deutsch, 21 Bde., Stuttg. 1858 —62). Interessante biographische Nachrichten findet man in der Schrift (von seiner 1868 zu Brüssel gestorbenen Frau): Victor H., raconté par un témoin de saà vie (6. Aufl., 2 Bde., Par. 1865; deutsch von Diezmann, 2 Bde., Lpz. 1863). Die beste Charakteristik seines Schaffens gab die Reimstrophe, welche um 1840, auf der Höhe seines Ruhms, durch die Zeitungen lief: „Sa puissance Est immense: II condense Mort et danse, Rire et pleurs; II mélange L'homme et l'ange Et la fange Et les fleurs v. Das Beste, was H. in Prosa geleistet, ist seine berühmte, mit feuriger Beredsamkeit geschriebene Streitschrift: Le dernier jour d'un condamné (1829), ein Meisterwerk psychol. Behandlung einer der brennendsten Zeitfragen. Vgl. Barbou, «Victor H. und seine Zeite (deutsch von Weber, Lpz. 1882). Zwei Brüder H.s haben sich ebenfalls als Schriftsteller bekannt gemacht. Der erste, Eugene H., geb. 1801 und Verfasser einiger Gedichte, starb 1837; der zweite, Jules Abel H. (gest. 1855), veröffentlichte zahlreiche histor. und malerisch-geogr. Werke, unter anderm «Histoire de la campagne d'Espagne en 18235 (2 Bde., Par. 1824) und „(Histoire de l'empereur Napoléono (Par. 1833). — Des Dichters Söhne, Charles Victor H. und François Victor H., geb. zu Paris, der erste 2. Nov. 1826, der zweite 22. Okt. 1828, traten nach der Februarrevolution als Journalisten auf. Bis 1851 arbeiteten sie fürx das von ihrem Vater begründete Tageblatt L'Evénemento, und nach dem Staatsstreich vom 2. Dez. teilten sie freiwillig dessen Verbannung. Charles schrieb Le cochon de Saint-Antoiner (3 Bde., Par. 1857), ein großes pantheistisches Phantasiegemälde, La Bohème dorée (2 Bde., Par. 1859), La chaise de pailleo (Par. 1859) u. s. w. Frangois verfaßte histor. Werke, z. B. «L'isle de Jerseyo (1857), und lieferte Übersetzungen aus dem Englischen, darunter eine von Shakspeares sämtlichen Werken (13 Bde., Par. 1860 fg.). Zur Zeit der allgemeinen Wahlen 1869 begründeten beide Brüder in Gemeinschaft mit Vaguerie ein dem Kaiserreich äußerst feindliches radikal-polit. Journal Le Rappelv, welches seitdem ein sonalj Verteidiger der ultrademokratischen und sozialistischen Partei geblieben ist. Charles H. starb, vom Schlag gerührt, in Bordeaux 16. März 1871. Frangois H. verschied 26. Dez. 1873 zu Paris.