Hutten (Ulrich von), einer der mutigsten Kämpfer für geistige Freiheit im Reformationszeitalter, stammte aus einem alten fränk. Geschlecht. Auf der jetzt in Ruinen liegenden Stammburg seiner Familie, Steckelberg bei Fulda, 21. April 1488 geboren, kam H., 10 J. alt, ins Stift nach Fulda, floh jedoch, um nicht Mönch werden zu müssen, 1504 nach Erfurt, wo er mit mehrern Gelehrten und Dichtern in genaue Bekanntschaft trat. Eine ansteckende Seuche trieb ihn 1505 nach Köln, von wo aus er 1506, als Rhagius, einer der aufgeklärtesten Lehrer dieser Hochschule, verwiesen ward, demselben nach Frankfurt a. O. folgte, wo im nämlichen Jahre die neue Universität eingeweiht wurde. In dieser Zeit wurde er von der damals epidemisch auftretenden Lustseuche ergriffen. Von ihr gepeinigt, ging er 1509 nach Greifswald, wo er anfangs freundlich aufgenommen, mit seinen Gastfreunden den Lötze, zerfiel. Als er mitten im Winter na Rostock ging, überfielen ihn ihre Diener, plünderten ihn aus und ließen ihm nicht einmal seine Manuskripte. Todkrank schleppte er sich nach Rostock, wo er gastliche Aufnahme fand. Im J. 1511 kam er auch nach Wittenberg, wo er über die Verskunst ein Werk herausgab; dann ging er nach Pavia, um die Rechte zu studieren. Gerade in die Zeit seines Aufenthalts fiel Pavias Eroberung durch die in Kaiser Maximilians J. Diensten stehenden Schweizer; hierbei aller seiner Habe beraubt, sah er sich genötigt, nach Bologna zu wandern. Gänzlicher Mangel veranlaßte ihn endlich, 1513 kaiserl. Kriegsdienste 0 nehmen, in denen er indes nur ein Jahr blieb. Weite Kreise Henh v er darauf in der Fehde gegen den Herzog Ulrich von Württemberg, der einen von H.s Vettern gemordet hatte und den er nun in Elegien, Reden und Briefen schonungslos angriff. Noch berühmter wurde er in den Reuchlinschen Händeln mit dem Dominikaner Hoogstraten in Köln, in denen er sich des verfolgten Reuchlin in Schriften aufs kräftigste annahm. Doch sind die Dunkelmännerbriefer, die heftigste und berühmteste Satire gegen die Feinde Reuchlins, nur zum Teil aus seiner Feder geflossen. „Im J. 1515 ging er noch einmal nach Italien, um Doktor der Rechte zu werden. Er besuchte zuerst Rom, dann Bologna; allein schon 1517 kehrte er über Venedig ins Vaterland zurück, wo er in Augsburg vom Kaiser Maximilian zum Dichter gekrönt wurde. In Italien hatte er das Treiben der Kurie vollends kennen gelernt und sich mit grimmigem nationalen Haß gegen die welsche Tyrannei erfüllt. Nachdem er die in einem Kloster aufgefundene Schrift des Laurentius Valla De falso credita et ementita donatione Constantinio herausgegeben hatte, die er spottend dem Papste Leo X. selbst widmete, trat er 1517 in die Dienste des Erzbischofs Albrecht von Mainz, in dessen Angelegenheiten er mehrere Reisen, unter anderm auch nach Paris, machte. Im J. 1518 begleitete er den Erzbischof auf den Reichstag nach Augsburg, wo Luther mit Cajetan seine bekannte Unterredung hatte, und wo H. in einer eindringenden Rede die deutschen Fürsten zu einem Kriege gegen die Türken anfeuerte; doch sehr bald des Hoflebens überdrüssig, schloß er sich dem Schwäbischen Bunde an, mit dem er 1519 Wan seinen alten Feind, den Herzog Ulrich von Württemberg, zog, bei welcher Fehde er Franz von Sickingen (s. d.) kennen lernte. Nach Beendigung derselben ging er wieder nach Mainz, sehr bald aber nach Steckelberg, wo er eine eigene Handdruckerei errichtete und, den ÜUbermut und die Schlechtigkeit der röm. Klerisei in vollem Lichte zu zeigen, eine Schrift nach der andern erscheinen ließ. Von Rom aus deshalb bei dem Erzbischof Albrecht angeklagt und der Gunst desselben verlustig, trat er mit Luther, den er anfangs mit den Dunkelmännern zusammengeworfen, in unmittelbare Verbindung; wie der Reformator begann auch er jetzt in deutschen Schriften das Volk gegen Rom zu entflammen. Nirgends mehr sicher vor seinen Feinden fand er zunächst bei Franz von Sickingen eine Freistätte auf der Ebernburg und ging dann nach Basel, aber Erasmus, mit dem er jetzt verfeindet war, stieß ihn zurück; er starb endlich, von Zwingli gütig aufgenommen, auf der Insel Ufenau im Zürichersee 23. Aug. 1523. Von H. rühren 45 Schriften ber, mehrere ungerechnet, bei welchen es nicht mit Gewißheit feststeht, ob sie von ihm geschrieben sind. Eine vollständige Sammlung derselben gab Böcking (5 Bde. und 2 Supplementbände, Lpz. 1859— 70) heraus, welcher ein Index bibliographicus Huttenianus (Lpz. 1858) vorausgegangen war. Seine Jugenddichtungeno wurden von Münch (Stuttg. 1838), seine „üdertenge (Lpz. 1860) von Strauß ins Deutsche übertragen. Außer den ältern Biographien von Burckhard (3 Tle., Wolfenb. 1717—23), Schubart (Opz. 1791), Wagenseil (Nürnb. 1823) und Bürck (Lpz. 1846) ist besonders die von Strauß (Ulrich von H.v, 2 Bde., Lpz. 1857; 2. Aufl. 1871) hervorzuheben. Vgl. H. Prutz, »Ulrich von H. v (im Reuen Plutarcho, Bd. 4, Opz. 1876); Reichenbach, «Ulrich von H.» (Lpz. 1877).