FeedIndustrie
Handwerk & GewerbeBrockhaus 1882

Industrie (vom lat. industrla, Fleiß, Betriebsamkeit) bedeutet ursprünglich überhaupt produktive Thätigkeit, nach dem deutschen Sprachgebrauch aber speziell die gewerbliche Produktion, also die Verarbeitung von Rohstoffen oder Halbfabrikaten, und zwar namentlich diejenige, welche nicht als kleingewerbliches Handwerk (s. d.), sondern im großen, mit den Hilfsmitteln des Maschinenwesens und der Arbeitsteilung, oder doch für den Absatz auf dem großen Markte betrieben wird. (S. Großbetrieb.) Ihre Hauptformen sind der Fabrikbetrieb (s. Fabrik), der große Werkstattbetrieb, welcher wegen der Natur seiner Erzeugnisse weniger auf die Ausnutzung der Naturkräfte als auf die rationelle Arbeitsteilung angewiesen ist, und die Hausindustrie (s. d.). Einzelne Gewerbe, wie namentlich die Weberei, erhoben sich schon früh auf die Stufe des industriellen Betriebs, indem sie ihre Produktion weit über den lokalen Bedarf ausdehnten und für ihre Waren ein weites Absatzgebiet erwarben. Diese Entwickelung wurde um so mehr begünstigt, je mannigfaltiger-und enger sich die Handelsbeziehungen zwischen den Nationen gestalteten, je mehr alle Teile der Erde den Kulturvölkern zuqandich und je bessere Hilfsmittel dem Verkehr zu Gebote gestellt wurden. Ihren großartigsten Aufschwung aber hat die J. erst in der neuern Zeit genommen, in der einerseits ihre Produktionskraft durch zahllose Erfindungen eine ungeahnte, gewaltige Vergrößerung erhielt, und andererseits auch der Absatz ihrer Produkte durch Aleichterunge Eisenbahnen und andere Verkehrserleichterungen in ebenso hohem Grade befördert wurde. Die verschiedenen Länder haben allerdings nicht in gleichem Verhältnisse an diesen Fortschritten teilgenommen, weil nicht für alle gleich günstige Bedingungen dafür bestanden. Am meisten begünstigt sind diejenigen Länder, welche mit den beiden Hauptelementen der heutigen J., Kohlen und Eisen, am reichlichsten ausgestattet sind. Doch kommt auch viel an auf die Verkehrslage und namentlich auch auf die Tüchtigkeit und Geschicklichkeit der Arbeiterbevölkerung. Durch Vorzüge in dieser letztern Hinsicht kann eine Nation manche natürliche Vorteile, deren sich andere Länder erfreuen, mehr oder weniger ausgleichen. Schlimm allerdings ist es, wenn eine solche Ausgleichung nur durch einen übermäßig niedrigen Stand der Löhne möglich wird. Seit der Entstehung der neuern eentralisierten Staaten mit ihren wohlfahrtspolizeilichen Bestrebungen wurden auch fast überall Versuche gemacht, die Entwickelung der J. und das Aufwachsen neuer Zweige derselben auch durch künstliche Mittel, namentlich durch Schutzzölle, zu befördern. Unter der Herrschaft der Anschauungen des Merkantilsystems (f. d.) geschah dies hauptsächlich deswegen, weil die J. weit mehr als die Landwirtschaft geeignet ist, wertvolle Produkte für die Ausfuhr zu liefern und dadurch eine Hupater Handelsbilanz zu erzeugen. Im 19. Jahrh. dagegen verlangte List erziehenden Schutz der J. deswegen, weil der bloße Agrikulturstaat auf einer niedern Stufe stehe und sich, um mit den fortschreitenden Nationen sub auf der gleichen Höhe zu halten, zu einem exportfähigen Industriestaat entwickeln müsse. Nur die tropischen Länder seien von der Natur auf die Urproduktion als die für sie vorteilhafteste wirtschaftliche Thätigkeit angewiesen. Die Landwirtschaft soll nach dieser Ansicht, damit die Lebensmittel und Rohstoffe nicht zum Nachteil der J. verteuert werden, keinen direkten Schutz erhalten, werde jedoch indirekt durch das Vorhandensein einer zahlreichen konsumtionsfähigen industriellen Bevölkerung ebenfalls aus dem Industrieschutz große Vorteile ziehen. In der Wirklichkeit hat indes auch die Landwirtschaft Schutzzölle verlangt und in vielen Ländern auch erhalten, jedoch ohne deshalb zu der J. in einen feindlichen Gegensatz zu treten; vielmehr sind die meisten Erfolge des Protektionismus dadurch errungen worden, daß die Vertreter der J. und der Landwirtschaft sich über ihre Forderungen verständigten und sie mit vereinten Kräften Durch die mächtige Entfaltung der J. wurde das Handwerk auf vielen Gebieten fast ganz verdrängt und auf andern in eine gedrückte Lage versetzt. Alle Versuche indes, dem letztern durch künstliche Mittel zu Hilfe zu kommen, müssen zurückgewiesen werden, wenn sie die größtmögliche Ausnutzung der technischen Produktivkräfte und den Absatz der industriellen Massenprodukte erschweren, weil dann ein absoluter Ausfall in der volkswirtschaftlichen Produktion und Konsumtion entsteht, wenn auch eine Gruppe von Gewerbtreibenden dabei einen privatwirtschaftlichen Nutzen haben mag. Allerdings ist auf der andern Seite nicht zu verkennen, daß die Ausdehnung der modernen J. in sozialer Beziehung auch erhebliche übelstände in ihrem Gefolge hat. Die soziale Frage ist in ihrer modernen Gestalt gerade auf dem Boden der J. entstanden und brennend geworden. Die J. liefert den eigentlichen Typus der «kapitalistischen Produktionsweisev. Sie ist angewiesen auf die Vereinigung von großem Kapital mit großen Arbeiterscharen; die persönlichen Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeiter verschwinden dadurch fast vollständig, der Arbeiter verliert alle Aussicht auf Selbständigkeit als kleiner Unternehmer, die Arbeit wird eine Ware, deren Marktpreis die Arbeiter dadurch aufrecht zu erhalten oder zu erhöhen suchen, daß sie in geschlossenen Vereinigungen der konzentrierten Macht des Kapitals gegenübertreten. Durch ihr Zusammenwohnen in den häufig erst in der neuesten Zeit rasch aufgeschossenen Industriestädten wird den Arbeitern ihre Organisation nicht wenig erleichtert, und so stehen sich Kapital und Arbeit in fortwährender Kampfbereitschaft gegenüber. Auch ist nicht zu verkennen, daß die industrielle Arbeit wegen der weitgehenden Arbeitsteilung eine einförmigere, mehr abstumpfende und menschlich weniger befrie— digende ist als die Handwerksarbeit und daß eben wegen der Einfachheit vieler einzelnen Hantierungen die Frauen- und Kinderarbeit die der Männer oft in einer unerwünschten Ausdehnung verdrängt. Wie schwierige Probleme aber auch die durch die moderne J. hervorgerufenen ökonomischen Wider-⸗ sprüche darbieten mögen, sie dürfen in keinem Falle dazu führen, daß die Verwendung der reellen Macht— und Hilfsmittel der J. zu Gunsten weniger produktiver Arbeitsformen beschränkt werde. Obenan steht in der industriellen Entwickelung noch immer England, das sich einer glücklichen Ver— einigung der oben bezeichneten Vorzüge erfreut. Betrachtet man die Produktion von Kohle und koheisen als symptomatisch für den Stand der J. uberhaupt, so zeigt sich in England in der erstern ein Fortschritt von 103 Mill. (engl.) Tonnen im J. 1868 auf 156 Mill. Tonnen im J. 1882, in der letztern aber innerhalb desselben Zeitraums ein solcher von 4970000 auf 8493000 t. Die Vereinigten Staaten dürften in nicht allzu langer Zeit ihre J. auf eine Höhe bringen, die sie England vollkommen ebenbütig, wenn nicht überlegen macht. Ihre Kohlenproduktion war 1880 schon auf 70 Mill. Tonnen und ihre Roheisenproduktion auf 3900000 t gestiegen. Frankreich behält in gewissen Industriezweigen, die besonders Geschmack und Zierlichkeit verlangen, noch einen Vorsprung. In den Artikeln der Massenproduktion dagegen ist es bereits von Deutschland überflügelt, dessen J. in neuester Zeit außerordentliche Fortschritte gemacht hat. Die Kohlenausbeute betrug 1882 in Deutsch— land 65 Mill. Tonnen, in Frankreich 1880 nur 19 Mill. Tonnen, und die Roheisenproduktion belief sich in den genannten Jahren auf beziehungsweise 3381000 und 1733000 t (zu 1000 leg). Die spezielle Statistik der J. ist noch nicht genügend ausge— bildet und das für die einzelnen Staaten vorliegende Material wenig vergleichbar. Bei der Bearbeitung der in Deutschland am 5. Juni 1882 vorgenomme—⸗ nen Berufszählung ist unter der Bezeichnung J. eine Hauptabteilung gebildet, welche außer der Fabrikindustrie auch den der letztern in technischer und so— zialer Beziehung sehr nahe stehenden Bergbau, sowie die Baugewerbe und alle Handwerksbetriebe umfaßt. Bei einer Gesamtbevölkerung von 45 213 901 Seelen kamen auf diese Abteilung 6396 465 Erwerhthätige (darunter 4096243 Unselbständige) und mit Einschluß der Familienangehörigen belief sich die industrielle Bevölkerung auf 16058080 Köpfe. ö Vgl. Grothe, „Bilder und Studien zur Geschichte betriebo (Stuttg. 1874); von Scherzer, Weltindustriend (Stuttg. 1880).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 587Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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