Inhalation (lat.), Inhalieren, in der Heilkunde die Anwendung gas⸗, dampf⸗ oder staubförmiger Arzneistoffe durch die Atmungsorgane zur Heilung von Krankheiten. Aufgabe und Heilzweck der Inhalationskur ist einesteils die Beseitigung gewisser örtlicher Affektionen der Luftwege (Kehlkopf, Luftröhre, Lungen), insofern es durch diese Methode ermöglicht wird, die Schleimhaut der Luftwege bis in die feinsten Verzweigungen der Luftröhre hinein mit den fein zerstäubten Arzneimitteln in unmittelbare Berührung zu bringen, andernteils die Erzielung bestimmter Wirkungen auf den Gesamtorganismus, insofern es leicht gelingt, durch die J. dem Blute gasförmige Arzneistoffe, wie z. B. Amylnitrit, Chloroform, Ather, Stickstoffoxydul u. s. w., ungemein schnell durch die in den Lungen befindlichen dünnwandigen Blutgefäße zuzuführen und hiermit auf kürzestem Wege auf das Centralnervensystem, auf die Gefäßnerven u. s. w. einzuwirken. (S. Anästhesieren.) J. in einfacherer Form sind früher schon vielfach im Gebrauch gewesen, so unter anderm das Einatmen heißer Wasserdämpfe durch einen Trichter, die von Thomas Beddoes in England (1754 — 1808) unter der Bezeichnung Anemopathie angewendete Einatmung von Gasen, besonders salpetrigsauren Dämpfen, die namentlich von Raspail (s. d.) empfohlenen, in Form von Cigaretten gerauchten Kampferdämpfe, weiterhin die noch heute vielfach gerühmten narkotischen, mit Belladonna, Opium oder Stramonium versetzten Cigarren gegen und katarrhalische Beschwerden u. dgl. m. Allein die ausgedehntere Benutzung arzneilicher Inhalationsmittel datiert erst von dem franz. Arzt Sales-Girons (1858), welcher in mehrern Schwefelthermen Frankreichs (zu Amelie-les-Bains und Vernet, zu Mont-d'ore, Royat u. a.) Inhalationssäle (Salles d'aspiration) für Brustranke herstellte, in welchen die Luft mit den der Quelle entströmenden Gasarten gemischt wurde, und bald darauf auch einen Apparat (Pulverisateur des liquides) konstruierte, welcher dazu bestimmt war, medikamentöse Flüssigkeiten in feinen Wasserstaub zu zerteilen und diesen durch Einatmen in die Luftröhre einzuführen. Seitdem sind eine große Anzahl derartiger Inhalationsapparate beschrieben worden, die sich, abgesehen von unwesentlichen Modifikationen, hauptsächlich dadurch voneinander unterscheiden, daß bei den einen, den sog. Pulverisateuren (s. beistehende Fig. 1), die medikamentöse Flüssigkeit (a) aus einer feinen Offnung (b) durch einen Strom komprimierter Luft, den man durch Zusammendrücken eines mit Ventilen versehenen Gummiballons (e) erzeugt, fortgerissen und als feiner Nebel zerstreut wird (Apparate von Matthieu, Bergson, Listers Sprayapparat u. a.), wohingegen bei den andern, den sog. Dampfinhalationsapparaten (s. Fig. 2), die gelösten Arzneistoffe durch den in einem kleinen Kessel (a) vermittelst einer Spiritusflamme (b) erzeugten Dampf des kochenden Wassers in einer Glasröhre, welche rechtwinkelig zum Dampfrohr angebracht ist (e), angesaugt und sodann fein gestäubt und durch ein besonderes cylindrisches Mundstück von Glas (x) in eine bestimmte Richtung geleitet werden (Apparate von Siegle, Lewin u. a.). Bei der Anwendung dieser Apparate sitzt der Kranke in angemessener Entfernung vor dem Nebelstrom und zieht mittels tiefer Atemzüge die zu inhalierenden Arzneistoffe ein; eine solche Sitzung dauert in der Regel 12—15 Minuten. Die günstigste Wirkung entfalten die J. bei allen katarrhalischen und entzündlichen Affektionen der Kehlkopf- und Luftröhrenschleimhaut bis in deren feinste Verzweigungen hinein, namentlich beim akuten Katarrh, bei welchem sich J. mit einfachem Wasserdampf‚, Milch, Lindenblütenthee und Olemulsion nützlich erweisen, während chronische Katarrhe Einatmungen von Kochsalz, Salmiak und Höllensteinlösungen erfordern; bei Lungenblutungen versetzt man die einzuatmende Flüssigkeit mit Eisenchlorid, Tannin und andern blutstillenden Stoffen, bei starkem Reiz⸗ und Stickhusten, bei Keuchhusten und Asthma mit Opium, Bittermandelwasser und ähnlichen narkotischen Heilmitteln; bei Krupp und Diphtheritis leisten Einatmungen von chlorsaurem Kali, Kalkwasser, Carbolsäure und Milchsäure oft treffliche Dienste. Weniger bewährt dagegen haben sich die J. gewisser Gasarten, welchen man eine Zeit lang besondere Heilkräfte zuschrieb; so haben weder die Kohlensäuregasinhalationen, welche reizmildernd auf die Nerven der Atmungsorgane wirken sollten, noch die gegen den Keuchhusten viel empfohlenen Einatmungen von Leuchtgas, noch die gegen die Lungenschwindsucht angepriesenen Stickstoffinhalationen die erwarteten guten Erfolge gezeigt. Auch die von Lender in Berlin gegen Blutkrankheiten aller Art, Gicht und Rheumatismus empfohlenen Ozoninhalationen haben durchaus nicht den gehegten Erwartungen entsprochen. Dagegen äußern die Einatmungen von Komprimierter Luft (s. d.), die man neuerdings vermittelst der «Pneumatischen Apparates von Hauke, Waldenburg, Fränkel u. a. vornehmen läßt, anerkannt auf asthmatische Leiden einen wohlthätigen Einfluß. Schließlich kann man auch den von den Ärzten jetzt mehr und mehr bei vielen Krankheiten empfohlenen Aufenthalt in einer vom Arom der Kiefer geschwängerten Luft ebenso als Inhalationskur bezeichnen, wie den zu Heilzwecken häufig vorgeschriebenen Aufenthalt an den Gradierhäusern und den Genuß der Seeluft an den Küsten des Meers. Litteratur. Roß, «Atmopathy and hydropathys (Lond. 1848); Sales-Girons, &Thérapeutiquè respiratoires (Par. 1858); Siegle, (Behandlung durch Einatmungen» (Stuttg. 1865); Waldenburg, «Die lokale Behandlung der Krankheiten der Atmungsorganey (Berl. 1872); Ortel, aHandbuch der respiratorischen Therapiey (Lpz. 188²).