Anästhesieren heißt die Anwendung von Mitteln, welche den Körper unempfindlich machen und deshalb anästhetische Mittel oder Anästhetika genannt werden. Schon in frühester Zeit bestrebten sich die Chirurgen, solche Mittel zu finden, welche Unempfindlichkeit bei Operationen herbeiführen. Doch alle Versuche, das Problem zu Chen „fielen ungenügend aus, bis endlich 1846 der Chemiker und Geolog Charles Jackson zu Boston die Entdeckung machte, daß die Einatmung von Dämpfen des Schwefeläthers in einen Zustand der Empfindungslosigkeit versetzt. Nachdem das Mittel eine Zeitlang von ihm und seinem Freunde, dem Zahnarzt Morton, unter Geheimhaltung beim Ausziehen der Zähne benutzt worden, teilte Jackson 13. Nov. 1846 die wichtige Entdeckung der pariser Akademie der Wissenschaften mit. Man beann alsbald zu experimentieren, teils um das esen der Athernarkose genauer kennen zu lernen, teils um das Verfahren zur Erzielung des Atherismus zu verbessern. Es wurden eine Menge Apparate zur Einatmung des äußerst flüchtigen Stoffs erfunden. Dieselben bestehen in der Hauptsache aus einem dem Munde und der Nase gut anpassenden Ansatzstücke und aus einem — Gefäße oder einer Blase, in welchem der Ither verdunstet. Bei der Anwendung sind jedoch gewisse Vorsichtsmaßregeln zu berücksichtigen. Vor allem muß der Ather ganz rein sein und soll wenigstens im Anfang nur stark mit Luft verdünnt eingeatmet werden. Hat der Patient eine Zeitlang (6 —8 Minuten) den Ather inhaliert, so hört er auf, die ihm vorgelegten Fragen zu beantworten, während er selbst das atit einer angenehmen Behaglichkeit und Leichtigkeit im Körper emfindet. Er bemerkt selbst, wie ihm die Sinne chwinden; sie versagen allmählich ganz ihre Dienste, insbesondere erlischt die Empfindung der Haut für Schmerz. Mit dem Eintritt dieser Betäubung der Sinne erwacht ein Traumleben mit bald heitern, bald unangenehmen Bildern. In diesem Zustande atmet der Kranke beschleunigter, sein Puls ist schneller, die Haut wärmer. Es rötet sich das Gesicht, die Pupillen verengern sich; einzelne Patienten fangen an zu sprechen, andere ben nch Her lebhaft, andere singen; bisweilen stelen sich Delirien ein. Gewöhnlich ist jedoch die Aufregung nur gering, und plötzlich wird das Atmen wiederum regelmäßiger, die Pulsschläge sinken wieder auf ihre normale Zahl herab, und die Gesichtszüge erhalten den Ausdruck einer großen Schläfrigkeit. Die Augenlider senken sich, die Gesichtsfarbe erblaßt, der Kopf neigt sich, der Rumpf sinkt zusammen, und der Kranke verfällt in einen tiefen, dem Scheintode ähnlichen Schlaf. In diesem Stadium der Narkose, in welcher der aufgehobene Arm willenlos niederfällt (Stadium der vollständigen Paralyse), können die schmerzdaß der Operationen vorgenommen werden, ohne daß der Kranke irgendetwas empfindet. Nachdem die Unempfindlichkeit einige Zeit (½ —20 Minuten) angedauert, kehren allmählich die Sinnesthätigkeit, die 4„ur der Muskeln und das Bewußtsein zurück. Nur zuweilen bleibt etwas Eingenommenheit des Kopfes und Übelkeit zurück. Bald darauf stellte man mehrfache Versuche an, ob nicht auch andere Stoffe, insbesondere die übrigen Ätherarten, eine gleiche Wirkung haben. Der Chlorwasserstoff⸗ oder iereben (auch Chlorelan genannt) zeigte zwar dieselben Wirkungen, gelangte aber wegen seines weit höhern Preises nicht zu ausgebreiteterer Anwendung. Mit desto besserm Erfolge bediente man sich bald darauf des Chloroforms (s. d.), welches der edinburgher Professor Simpson 10. Nov. 1847 in die Praxis einführte, und das wegen seiner entschiedenen Vorzüge den Schwefeläther bald fast ganz verdrängte. Das Chloroform läßt sich angenehmer einatmen, die Empfindungslosigkeit tritt schon nach ½—5 Minuten ein; ferner ist das Stadium der Aufregung milder und flüchtiger. Ueberhaupt entfaltet es die unnd Läre an Wirtung sicherer und vollkommener und läßt auch etwaige üble Rachwirkungen flüchtiger vorübergehen. Eine An1916 plötzlicher Todesfälle, welche infolge der Chloroformierung vorgekommen waren, führten jedoch zu der überzeugung, daß das mit Enthusiasmus aufgenommene Anästhetikum in der Hand des Ungeübten und Unvorsichtigen weit gefahrvoller sei als der Schwefeläther. Besonders ward darin gefehlt, daß man während der Einatmung der Chloroformdämpfe dem Patienten die atmosphärische Luft gänzlich entzog und hierdurch eine Art Erstickungstod, eine mühne. ⸗Man des Körpers mit Chloroform herbeiführte. Man 227 vielmehr stets darauf bedacht sein, daß die Chloroformdämpfe gehörig mit Luft verdünnt werden. Auch während des Zustandes der Betäubung hat der Arzt fortwährend darauf zu achten, ob Atmung und Puls gleichmäßig bleiben; denn sollte der Atem röchelnd werden, Puls⸗ und Herzschlag aussetzen und das Gesicht eine blaue Färbung bekommen, so droht Gefahr, und man muß sogleich den Patienten durch schnelles Zuführen von frischer Luft, nötigenfalls durch Einleitung der künstlichen Respiration zum Leben zurückführen. Man ist seitdem bemüht gewesen, andere Stoffe, die meist der chem. Gruppe der Kohlenwasserstoffverbindungen angehören, zu anästhesierenden Einatmungen an die Stelle des Chloroforms zu setzen, wie Salpeteräther, Essigäther, Jodäther, Aldeh d, Benzin, Amylen, auch Schwefelkohlenstoff, Bromoform, odoform u. s. w., doch haben sich dieselben, mit Ausnahme des Methylenbichlorids, nicht als genügend erwiesen. In neuester Zeit wurden wieder zahlreiche dstofe mit der Einatmung absolut reinen Stickstoffoxyduls (Lustgas) gemacht, nachdem seine Anwendung zum Zweck der Anästhesierung seit der Entdeckung dieser Eigenschaft (1799 durch Davy) bereits mehrmals wieder aufgegeben wurde. Die Narkose tritt bei der Einatmung des Stickstofforydulgases schon nach ½½—1 Minute ein, hält aber auch nur kurze Zeit an und ist deshalb nur für kleinere Operationen verwendbar. Üble Empfindungen hinterläßt die Narkose mit Lustgas . nicht. Die Nachteile der Stickstoffoxydulnarkose bestehen in kurzer Dauer derselben, in dem hohen Preise und in der Unsicherheit der Wirkung dieses Mittels, vor allem aber in der Gefahr, die auch bei seiner Anwendung nicht fehlt, ja sogar größer als bei der Chloroformnarkose zu sein scheint. Bei langandauernden Operationen verbindet man jetzt die Chloroformeinatmungen häufig mit gleichzeitigen Morphiumeinspritzungen. Die Vorteile, welche aus dem A. insbesondere in der chirurgischen Praxis sowohl für den Patienten wie für den Arzt erwachsen, sind außerordentlich, obwohl eine jede Narkose mit gewissen Unannehmlichkeiten und selbst mit Gefahren verbunden ist. Namentlich ist dann große Vorsicht geraten, wenn der Kranke sehr vollblütig und fettleibig oder durch Krankheit erschöpft ist, oder wenn er an einer großen Reizbarkeit des Nervensystems, an Gehirn⸗ oder Herzkrankheiten leidet. Auch die ausgedehnte Anwendung, welche man von der Anästhesierung anfänglich in der Geburtshilfe machte, hat man auf sehr schmerzhafte und schwie⸗ — Operationen beschränkt. Der praktische Arzt chloroformiert überdies bei heftigen Schmerzen, welche von verschiedenen innern Krankheiten herrühren, bei Konvulsionen, Brustentzündung, Lun-Danpt wa eia Croup, Neuralgie u. s. w., überaupt wo eine beruhigende Einwirkung auf das sensible Nervensystem ausgeübt werden soll. Gefühllosigkeit läßt sich indes auch noch auf andere Weise als durch Einatmung von Dämpfen der genannten Flüssigkeit erzielen. Dahin gehört vor allem die Methode des sog. Hypnotismus . d.). Zur Erzeugung einer örtlichen Anästhesie hat man verschiedene Mittel vorgeschlagen. Auf Empfehlung Arans in Paris (1850) wandte man sich zu diesem Zwecke einer dem Chloroform nahe-Lebenden Gruppe chem. Substanzen zu, unter welchen sich besonders die unter dem Namen Liqueur des Hollandais bekannte Flüssigkeit, das sog. Elaylchlorür, bei äußerer Anwendung nützlich zeigte. Die Benutzung der Elektricität zur Aufhebung oder Verringerung von Operationsschmerzen (3. B. beim Zahnausnehmen) hat sich nicht bewährt. Mit 1 kann Aufhebung der Empfindung an einer begrenzten Stelle des Körpers nur durch die Kälte bewirkt werden. Es gelang, kleinere Operationen schmerzlos zu vollziehen, nachdem man zuvor durch Aufschläge von Eis den betreffenden Teil gefühllos gemacht hatte. Statt des Eises oder Schnees kann man 0 auch der sog. Kältemischungen, z. B. 2 Teile Eis und 1 Teil Salz, bedienen, oder man wendet nach dem Vorgange von Richardson die Verdunstungskälte an, indem man durch einen besondern Apparat (sog. Pulverisateur) leicht verdunstende Flüssigkeit (in der Regel Ather) in Staubform auf die zu anästhesierende Stelle appliziert. Vgl. Weber, «über die Anwendung der schmerzstillenden Mittel im allgemeinen und des Chloroforms im besondernv (Berl. 1867); Kappeler, «Anästhetikav (Stuttg. 1880). sper in ihre Grundstoffe.