FeedJagd
Sport & SpielBrockhaus 1882

Jagd oder Weidwerk. Die J. umfaßt die Kunst der regelrechten Verwertung des nützlichen Wildes, indem dasselbe nach bestimmten Grundsätzen geschont oder erlegt wird, und der zweckmäßigsten Verminderung der Raubtiere. In den ältesten Zeiten nur dem Triebe der Selbsterhaltung entsprungen, und dann, wie auch noch heute bei vielen wilden Völkern, aus dem Bedürfnis nach Nahrung, Kleidung und zum Schutze der Herden mit Cifer betrieben, ist die J. nach und nach ein männliches Vergnügen geworden, das fortwährend bei fast allen ciwilisierten Nationen in hohem Ansehen steht. Durch allmähliche Ausbildung der Grundbesitzverhältnisse wurde indes die ursprünglich für jeden Mann freie J. gewissen Beschränkungen unterworfen, woraus das Jagdrecht (s. d.) und die Jagdgesetze entstanden. Auch stellte man gewisse Regeln fest, nach denen sie ausgeübt werden sollte, und es entwickelte sich allmählich die Jagdwissenschaft, die in den meisten Staaten einen Teil der Forstwissenschaft ausmacht. Die Jagdwissenschaft zerfällt in Jagdzoologie, Wildschutz, Wildzucht, Jagdkunde und Jagdtechnologie. Die Jagdzoologie oder Uides muußt d des nützlichen und schädlichen Wildes umfaßt die Benennung und systematische Einteilung der jagdbaren Tiere, die Kenntnis ihres innern und äußern Baues, ihrer Abänderung nach Alter und Geschlecht, ihrer Fortpflanzung, Lebensweise, Nahrung, ihres Aufenthalts, ihrer Fährten (s. d.) und Spuren. Die Wildzucht beschäftigt sich mit den zweckmäßigsten Mitteln, in den Jagdrevieren einen normalen Wildstand zu erhalten, und setzt daher genaue Kenntnis des richtigen Verhältnisses der Geschlechter, der zuträglichsten Nahrung, der günstigsten Standorte und der Krankheiten des Wildes voraus. Der Wildschutz hat die Aufgabe, das nützliche Wild vor schädlichen Einflüssen zu bewahren, besonders Raubtiere zu vertilgen, Wilddiebereien und Aasjägerei fernzuhalten, Beunruhigung der Reviere während der Satz- und Brütezeit zu vermeiden. Die Jagdkunde umfaßt die Lehre von der regelrechten, echt weidmännischen Ausübung der verschiedenen Jagdarten behufs der vorteilhaftesten Benutzung des Wildes und zugleich der zweckmäßigsten Schonung des Wildstandes. Die Jagdtechnologie endlich behandelt die Kenntnis der Mittel, um des Wildes habhaft zu werden, als: Schußwaffen, Fallen, Schlingen, Jagdzeug (Tücher, Netze, Lappen). Man teilt die J. in hohe und niedere, in Ar Staaten in hohe, mittlere und niedere ein. Diese Einteilung hatte in frühern Zeiten eine wichtige Bedeutung, indem nur gewissen Ständen die eine oder andere Jagdart gestattet, die hohe meistens ausschließliches Recht des Landesfürsten war. Gegenwärtig wird diese Einteilung wenig berücksichtigt; sie ist auch ganz willkürlich und weder auf eine wissenschaftliche noch praktische Basis gestützt. Zur hohen J. rechnet man Hochrot-⸗(Hirsche) und Niederrotwild (Rehe), Elen⸗, Dam⸗ und Schwarzwild (edel), Bären, Luchse und Wölfe (unedel); Stein- und Gamswild sowie Moufflon sollen ebenfalls zur hohen J. gezählt werden; an Federwild: Schwäne, Trappen, Kraniche, Auer⸗ Birk⸗ und Haselwild, Fasanen, große Brachvögel, Foken Nachtreiher), sämtliche große Raubvögel, die zur J. verwendet werden können (als edel, die übrigen als unedel). Zur Niederjagd zählen: a) Haarwild: Hasen, Kaninchen, Biber, Eichhörnchen (edel), Dachse, Ottern, Füchse, Marder, Iltis, Wiesel, wilde Katzen (unedel); b) Federwild: Schnepfen, Hühner, Gänse, Enten, Wachteln, Schnären, alle Drosseln, kleine Brachvögel, Lerchen und alle kleinen Vögel (edel), Busarde, kleine Culen und alle Rabenarten (unedel). Zur Mitteljagd rechnete man Rehe und Schwarzwild, Wölfe, Birk⸗ und Haselhühner und große Brachvögel. Die gebräuchlichen Jagdarten sind folgende: 1) Eingestellte Jagen, bei denen das abzujagende Revier mit Tüchern (Zeug) und Lappen eingefaßt wird. Dieselben sind bestätigt, wenn man durch die mit 7½5 angestellte Vorsuche genau weiß, wie viel Wild in dem abzujagenden Bezirke steht; nicht bestätigt, wenn das Revier, ohne daß sich die Jäger fruher genau von dem darin enthaltenen Wildstande überzeugt haben, mit Tüchern umstellt wird. Die eingestellten Jagen sind gegenwärtig besonders wegen der großen Auslagen für Tücher und der bedeutenden Arbeit selten. Man hat sie vorzüglich für Rot⸗, Dam⸗, Reh⸗ und Schwarzwild in Anwendung gebracht. 2) Parforce-Jagen, bei denen das Wild mit Meuten von Parforce-Hunden, die von Hatzleuten (Piqueurs) überwacht werden, gejagt und von den berittenen Jägern so lange verfolgt wird, bis es sich stellt oder von den Hunden gefangen wird. Diese Jagdart ist besonders auf Hirsche, Sauen und in England auch auf Füchse gebräuchlich. Ahnlich ist die Hasenhetze mit Windhunden, an die sich das Bugsieren der Hasen anschließt, bei dem ein paar Reiter den Hasen auf freiem Felde so lange verfolgen und sich ihm bei seinen Wendungen vorwerfen, bis er sich duckt und fangen läßt. 3)Treib⸗ oder Klapperjagen, bei denen das Wild durch Treiber, zuweilen mit Klappern versehen, aufgescheucht und den Jägern zugetrieben wird. 4) Jagen mit Wildbodenhunden oder Bracken, wobei die Hunde das Wild aufsuchen und unter stetem Bellen (Geläute) verfolgen; es wird dann von den an den Wildwechseln aufgestellten Jägern erlegt. 5) Der Anstand (s.d.), bei dem sich der Jäger morgens oder abends an betannten Wildwechseln, besonders an Orten, wo das Wild zur Asung aus dem Walde tritt, aufstellt und dasselbe schießt. 6) Das Pirschen (Bürschen) oder der Pirschgang (lauch Weidwerken genannt) wird vom einzelnen Jäger betrieben, wobei er mit Berücksichtigung der Jägerregeln in Bezug auf Wind, Standort u. s. w. das Wild anschleicht und erlegt. Sowohl beim Anstand als beim Pirschgang kann während der Brunftzeit der Hirsch durch Nachahmen des Brunftgeschreies, der Rehbock durch den künstlichen Laut der Ricke (das Blatten), der Fuchs durch das Nachahmen des Tons eines geängstigten Hasen oder einer Maus (Reizen) vom Jäger zum Schusse gebracht werden. 7) Die Suche mit dem Hühnerhund ist eine der angenehmsten Jagdarten, wobei ein wohldressierter Hühner⸗ oder Vorstehhund im Galopp oder im Trabe kreisend das Wild sucht, wenn er es gefunden hat, ruhig steht oder ihm langsam nachzieht, bis dasselbe, wenn es aus dem Lager . oder auffliegt, geschossen wird. Die Suche wird vorzüglich auf Hasen, Rebhühner, Wachteln, Schnepfen und Fasanen ausgeübt. 8) Das Frettieren ist nur bei Kaninchen üblich, wobei die vom Frettchen aus dem Bau gejagten Kaninchen in vor den Röhren aufgestellten Netzen gefangen oder beim Herausfahren aus dem Baue geschossen werden. Die Baize (s. d.) ist eine in Europa fast gar nicht mehr gebräuchliche J. mit Falken auf Reiher, Feldhühner, Enten, Hasen u. dgl. Dachse werden im Spätherbst, Füchse besonders zur Zeit, wenn sie Junge haben, mit Dachshunden in den Bauen aufgesucht, ausgegraben und totgeschlagen; Fischottern mit Otterhunden gefangen und mit Spießen totgestochen oder geschossen. Raubtiere, als Wölfe, Juchse, Marder, Iltise, werden mit Eisen (Schwanenhals, Teller⸗ und Wechseleisen) oder in Fallen gefangen; Auer⸗ und Birkhähne auf der Balz geschossen; kleine Vögel mit Garnen, Schlingen, Dohnen u. s. w. gefangen. Jeder Jäger soll genaue Kenntnis vom Verbrechen, Aufbrechen, Zerwirken und Zerlegen des Wildes, vom zweckmäßigsten Wildtransport und dem vorteilhaftesten Herrichten und Aufbewahren der Wildhäute haben. In den meisten Staaten müssen die Berufsjäger nach der Lehrzeit sich einer Prüfung unterziehen und erhalten bei befriedigenden Kenntnissen einen Freibrief. Vgl. Döbel, «Neueröffnete Jäger-Praktika (4. Aufl., 3Bde., Lpz. 1828); Bechstein, Vollständiges Handbuch der Jagdwissenschafto (2. Aufl., 4 Bde., Gotha 1820—22); Jester, «Die kleine J., zum Gebrauch angehender Jagdliebhabero (5. Aufl. von Riesenthal, Lpz. 1884); Hartig, «Lehrbuch für Jäger» (11. Aufl., 3 Bde., Stuttg. 1877); aus dem Winckell, «Handbuch für Jäger» (4. Aufl. von Tschudi, 2 Bde., Lpz. 1865; 5. Aufl. 1878); Gräße, „Jägerbrevierd (2. Aufl., Wien 1869), hierzu als Band 2Hubertusbrüdero (2. Aufl., Wien 1875); Dunoyer de Noirmont, «Histoire de la chassen (3 Bde., Par. 1868); Gödde, «Die J. und ihr Betriebo (Berl. 1874); Miller, Das Jagdwesen der alten Römer und Griechend (Münch. 1883); Schwappach, «Grundriß der Forst- und Jagdgeschichte Deutschlandso (Berl. 1883). Von Zeitschriften ber I. sind zu nennen: Jagdzeitungo (gegründet von Albert Hugo, Wien 1857), «Deutsche Jagdzeitunge (gegründet von von Ivernois, Berl. 1872), „Illustrierte Jagdzeitungo (gegründet von W. H. Nitzsche, Lpz. 1873). agdbar heißt im allgemeinen jedes wilde Tier, welches nach Gesetzen, Verordnungen, Herkommen in den Bereich des Jagdbetriebes fällt; im speziellen jedes nützliche Wild, welches je nach den verschiedenen Landesgesetzen, nach Alter, Geschlecht und Jahreszeit erlegt werden darf. Bei der deutschen hohen Jagd heißt ein Hirschjagdbar, wenn erwenigstens 12 Enden hat und 300 Pfd. wiegt, mit 10 Enden ist er schlecht jagdbar, darunter nicht jagdbar oder gering (auch Schneider). Bei der sog. französischen oder Parforcejagd weicht das Ansprechen der Hirsche vom dritten Lebensjahr an von dem bei der deutschen Jagd gebräuchlichen ab. Er heißt dann, wenn er das zweite Gehörn aufsetzt, Hirschvom zweiten Kopf, im vierten Jahre vom dritten Kopf, im fünften vom vierten Kopf; im sechsten Jahre also, wenn er das dritte mal sein Gehörn erneuert hat, wird er schlecht jagdbar, im nächsten siebenten jagdbar, im achten Jahre vom zweiten Kopfe jagdbar, im neunten Jahre vom dritten Kopfe jagdbar u. s. f. genannt.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 770Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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