FeedJohannes der Presbyter
GeschichteBrockhaus 1882

Johannes der Presbyter, Erzbischof oder riester Johannes hieß im Mittelalter ein christl. Fürst im Innern Asiens, dessen Person jedoch mit so vielen Sagen umsponnen ist, daß man dieselbe in neuerer Zeit als eine mystische Fiktion angesehen hat. Die Sage von einem mäch— tigenwchristl. Fürsten dieses Namens in Innerasien brachte zuerst 1145 der Bischof von Gabala (in Syrien) nach Europa, und der Chronist Otto von Freising war der älteste Geschichtschreiber, der diese Kunde verbreitete. Plötzlich kam auch ein langes, lateinisch abgefaßtes, vom Chronisten Alberich 1165 erwähntes Schreiben des rätselhaften Presbyters an die abendländ. Fürsten zu Tage. Dieses Schreiben ist offenbar das Werk eines nestorianischen Christen und verrät Spuren von dem Einflusse der damals im Morgenlande schon sehr bekannten und auch in die Märchensammlung «Tausend und eine Nachto aufgenommenen fabelhaften Reisen des Seefahrers Sindbad. Das Zeitalter nahm jedoch an den Wunderdingen des Sendschreibens keinen Anstoß, und Papst Alexander III. schrieb sogar 1177 an den Priesterkönig eine Antwort, die sein eigener Leibarzt Philippus zu bestellen beauftragt wurde. Ferner erhielten verschiedene christl. Rönche, die im 13. Jahrh. aus polit. und religiösen Gründen nach Asien zu den Chanen der Mongolen geschickt wurden, wie 1246 Plan Carpin vom Papste Innocenz IV., 1248 André de Lonjumel und 1253 Ruysbroek oder Rubruquis vom König Ludwig IX. von Frankreich, den Auftrag, dem Priester Johannes nachzuforschen. Besonders eifrige Forschungen stellten die Portugiesen an. Das äußerste Ziel, welches Heinrich der Seefahrer anfänglich im Auge hatte, war das Land des afrik. Erzpriesters Johannes, also das christl. Abessinien, welches die Geographen damals das dritte Indien nannten. Mit dem christl. Abessinien oder Athiopien unterhielt man schon früh von Rom aus schriftlichen Verkehr, und seit 1243 wurden dorthin Missionen gesendet. Seit Mitte des 14. Jahrh. übertrug man auf die Könige Athiopiens geradezu den Titel Erzpriester Johannes, und Botschafter derselben erreichten nicht bloß die röm. Kurie, sondern auch die Höfe weltlicher Fürsten, z. B. 1427 König Alfons V. von Aragonien. Während Bartholomäus Diaz 1486 die ganze Westküste Afrikas befuhr und dessen Südende entdeckte, gingen Alfonso Paiva und Pero de Covilham als Botschafter Johanns II. von Portugal über Kairo nach Abessinien, um bei dem Erzpriester Johannes (Preste Joäo) günstigen Empfang für künftige Entdecker zu erbitten. Paiva starb unterwegs zu Kairo, aber Covilham schlich sich 1487 nach Abessinien durch und wurde dort auf Befehl des sog. Erzpriesters zurückgehalten. Zur See gelangten die Portugiesen erst 33 Jahre spater nach Abessinien, und 16. April 1520 wurden sie in dessen Ausfuhrhafen Massaua feierlichst empfangen. Hier erreichten sie also das ursprüngliche Ziel Heinrichs des Seefahrers. Statt eines mächtigen Reichs fanden sie aber nur ein ärmliches Gebiet, rohe Bewohner und ein verwahrlostes jakobitisches Christentum. Abessinien blieb nun bis ins 17. Jahrh. unter dem Namen Regnum presbyteri Joannis bekannt. In neuerer Zeit machte man viele, aber mißlungene Versuche, das Rätsel von dem asiat. Priesterkönig zu lösen (z. B. Karl Ritter in einer berühmten Abhandlung Bd. 1 der «Erdkunde von Asien »). Erst dem deutschen Orientalisten Gust. Oppert, Bruder des Keilschriftforschers Jul. Oppert, gelang es in der Schrift „Der Priester Johannes in Sage und Geschichtes (Berl. 1864; 2. Aufl. 1870) durch Vergleichung aller abendländ. und morgenländ. Berichte das Dunkel aufzuhellen. Hiernach bezieht sich die im 12. Jahrh. nach Europa gelangte Kunde von einem mächtigen christl. Staate, dessen Beherrscher den Titel Priester Johannes führte, auf das Reich des Kur-Chan von Karakitai oder Chorchan der Carachitanen, von dem der erwähnte Ruysbroek spricht. Die Ljao-Dynastie der Kitan beherrschte 906—1125 den Norden Chinas, bis die tungusischen Dschurdschen, die Vorfahren der heutigen Mandschuren, deren Reich zerstörten und die Dynastie Kin gründeten. Den von den Abendländern nicht verstandenen Titel Kur-Chano mochte man mit Juchan, der syr. Form von Jochanan (Johannes) verwechseln. Der jakobitische Bischof Barhebräus (1126— 86) identifizierte zuerst den «König Juchanan» mit dem Ung-Chan des Mongolenstammes Kerait, welcher Stamm nach seiner Angabe bereits 1007 das nestorianische Christentum annahm; wie denn auch Raschid-eddin, der berühmte pers. Hofhistorioph der Mongolen, ausdrücklich von diesem tamme sagt, daß er sich zur Lehre Jesu bekannt habe. Aber Ung-Chan, der von Dschingis-Chan vernichtet wurde, ist nie nach Karakitai gekommen, und der Usurpator Kutschluk kann daher nicht der erste König-Presbyter des unter ihm zu Grunde gegangenen Staats gewesen sein. Seitdem J. nicht mehr in Athiopien oder Indien zu suchen war, folgten die Gelehrten der Angabe des Barhebräus. Vgl. Zarncke, Der Priester Johannes» (Lpz. 1876); Schott, «Kitai, Karakitai und der Priester Johanneso in Ermans Archiv für wissenschaftliche Runde von Rußlando (Bd. 23, Berl. 1864).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 870Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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