Joseph I., röm.⸗deutscher Kaiser, 170511, der ältere Sohn Leopolds I. (s. d.), geb. zsu Wien 26. Juli 1678, empfing schon 1689 die ungar. und 1690 die röm. Königskrone. Mit Kraft und Eifer setzte er den von seinem Vater überkommenen Spanischen Erbfolgekrieg gegen Frankreich fort, und es gelang ihm auch, durch Eugens und Marlboroughs Waffensiege die Franzosen nach und nach aus Italien und den Niederlanden zu vertreiben, ja Ludwig XIV. so gefährlich in dessen eigenen Grenzen zu bedrohen, daß dieser wiederholt um Frieden bitten mußte. Um aber während der Zeit des Kampfs nicht gehindert zu werden, verglich er sich unter Englands Vermittelung mit dem Schwedenkönig Karl XII., der 1706 auf dem Wege von Polen nach Sachsen rücksichtslos seinen Weg durch Schlesien genommen hatte, und gewährte in den 1707 geschlossenen Traktaten den schles. Protestanten Religionsfreiheit und die Rückgabe von 220 ihnen von den Jesuiten früher entrissenen Kirchen. Zugleich zwang er den Papst, seinen Bruder Karl als König von Spanien anzuerkennen. J. sprach über die Kurfürsten von Mant und Köln 1706, sowie über den Herzog von Mantua 1708, weil diese ihrer Reichspflichten zuwider mit dem Reichsfeinde sie verbunden hatten, die Acht aus, bemächtigte sich des Kurfürstentums Bayern und begann dasselbe u zerteilen. Auch gelang es ihm, den Aufstand er Ungarn, der voc bei Lebzeiten seines Vaters von Frankreich angeschürt, sich erneuert hatte, zi besiegen. Seine Fürsorge für das Reich bewies er dadurch, daß er die Fortdauer des Reichstags von Regensburg befestigte, die Thätigkeit des Reichskammergerichts neu belebte und die Reichsstandschaft der im Dreißigjährigen Kriege durch Bayern mediatisierten Stadt Donauwörth wiederherstellte. Dem Bauernstande suchte er bereits manche Erleichterungen der Leibeigenschaft zu verschaffen. J. war ein kenntnisreicher und einsichtsvoller Herrscher, voll deutscher Gesinnung, bei aller Anhänglichkeit an die Lehren seiner Kirche gegen Andersdenkende tolerant. Leidenschaftlich liebte er die Jagd. J. starb 17. April 1711 an den Blattern. Ihm folgte als Kaiser sein Bruder Karl VI. (s. d.). Joseph II., röm.⸗deutscher Kaiser, Sohn Kaiser Franz' J. und Maria Theresias (s. d.), wurde in Wien 13. März 1741 geboren. Am 6. Okt. 1760 vermählte er sich mit der Prinzessin Marie Luise von Parma, welche schon 27. Nov. 1763 starb. Auch seine zweite Che, die er mit der Prinzessin Marie Josephe von Bayern 22. Jan. 1765 schloß, ward bald wieder (28. Mai 1767) durch den Tod aufgelöst. Seine einzige Tochter starb im achten Lebensjahre 23. Jan. 1770. Nach dem Hubertusburger Frieden wurde J. zum röm. König gewählt und gekrönt (27. März und April 1764), und nach dem Tode seines Vaters folgte er diesem auf dem Kaiserthrone (18. Aug. 1765). Zugleich erklärte Maria Theresia ihn zum Mitregenten der österr. Monarchie. Doch behielt sie die eigentliche Regierung und überließ dem Sohne vollständig nur die Oberleitung des gesamten Kriegswesens. In diesem Wirkungskreise machte er mit Hilfe des Grafen Lascy, zum Teil nach dem Muster Friedrichs II., viele zweckmäßige Einrichtungen. Um sich für seinen Regentenberuf umfassender vorzubereiten, un— ternahm er Reisen ohne Gepränge, meist unter dem Namen eines Grafen von Falkenstein. So befsuchte er Ungarn, Böhmen, Mähren, Italien, Spanien, Frankreich, Holland, und benutzte eine dieser Reisen, um 25. Aug. 1769 Friedrich d. Gr. im Lager bei Neisse einen Besuch zu machen, den derselbe 3. Sept. 1770 im Lager zu Mährisch-Neustadt erwiderte. Aller Herzen gewann J. durch sein den e Wesen, namentlich bei seinem Besuch in den Niederlanden 1776 und bei seiner Anwesenheit zu Paris 1777. Ein Beweis seiner landesväterlichen Fürsorge war es, daß er bei Gele— genheit einer Hungersnot in Böhmen und Mähren 1770 die Kriegsmagazine öffnen, wohlfeiles Ge— treide aus Ungarn nach Böhmen einfuhren und die reichen Landbesitzer gegen festgesetzte bare Zahlung zur Auslieferung eines bestimmten Quantums Korn zur Verteilung an die Armen zwingen ließ. In der auswärtigen Politik war es vorzugsweise J.s Einfluß, welcher die bedächtige Maria Theresia bewog, bei der ersten Teilung Polens mitzuwirken. Damals erwarb Esterreich das Königreich Galizien )und Lodomerien (1772), und bald darauf erzwang man von der Türkei die Abtretung der Bukowina e (1777). Dagegen schlugen J.s Pläne auf Bayern infolge der Intervention Friedrichs II. (s. Bayrischer Erbfolgekrieg) fehl, und im Frieden zu 9.Teschen (1779) mußte Osterreich sich mit dem Innviertel begnügen. In der innern Regierung der österr. e Staaten hatte Maria Theresia sich die Entscheidung d vorbehalten und gestattete ihrem Sohne, abgesehen „ von dem Militärwesen, nur einen sehr geringen uSpielraum für seine Reformpläne. Nach dem Tode Maria Theresias (29. Nov. 1780) ward J. Alleinherrscher der österr. Monarchie. Bezüglich der auswärtigen Politik war er seit dem Frieden von Teschen gegen Preußen erbittert und suchte dagegen eine Stütze an Rußland. Im Juni bis Juli 1780 besuchte er die Kaiserin Katharina II. zu Mohilew und Petersburg, und hier ward eine polit. Verbindung angeknüpft, welche sich mit der Zeit noch enger gestaltete. Zunächst begann J. Händel mit der Republik Holland, indem der sog. Barriere-Traktat gekündigt wurde und die holländ. Besatzungen die Grenzfestungen in den österr. Niederlanden (Belgien) räumen (1781) mußten. Auch forderte er, daß die vertragsmäßige Sperrung der Schelde aufhöre, und als Holland dies verweigerte, drohte er mit Krieg. Doch kam unter franz. Vermittelung zu Versailles 8. Nov. 1785 ein Vertrag zu Stande, demgemäß die Schelde für die Schifffahrt geschlossen blieb, sterreich aber eine Entschä— digungssumme von 10 Mill. Fl. erhielt. Um dieselbe Zeit nahm J. mit Unterstützung Rußlands seine Pläne gegen Bayern wieder auf, indem er einen Austausch von ganz Pfalz-Bayern gegen die österr. Niederlande in Vorschlag brachte. Die Sache scheiterte indes abermals an dem Widerstande Friedrichs II., welcher 1785, um weitere österr. Übergriffe in Deutschland zu verhindern, den Fürstenbund (s. d.) stiftete. Zuletzt dachte J. sich im Osten zu vergrößern. Nach einem abermaligen Besuche bei der Kaiserin Katharina II. zu Cherson Mai 1787 erklärte er als russ. Bundesgenosse im Febr. 1788 den Krieg gegen die Türkei, der von österr. Seite mit wechselndem Glück geführt wurde, aber J. erlebte das Ende desselben nicht; erst Leopold II. schloß 1791 den Frieden zu Sistowa. Wichtiger und erfolgreicher war die Regententhätigkeit I.s im Innern seines Reichs, wo er sich als entschiedenster Vertreter des aufgeklärten Des⸗— potismus bewies und ein System des Centralismus einführte. Um die Abgesondertheit seiner einzelnen Staaten, die der Anwendung gleichmäßiger Verwaltungsprinzipien und Reformen hinderlich war, aus dem Wege zu räumen, verband er zum ersten mal die österr. Länder zu einem in 13 Regierungsbezirke geteilten Staatsganzen (Gesamtstaat) und suchte dasselbe durch Gleichheit der Einrichtungen zu befestigen. Er verordnete Begründung der Abgaben auf die Grundsteuer, nach Umfang und innerm Wert des Bodens, drang auf Aufhebung der Leibeigenschaft, setzte die gegenseitige Freizügigkeit in den böhm.⸗österr. deutschen Landen fest und veranstaltete seit 1783 die Ausarbeitung einer allgemeinen Gerichts-und Konkursordnung und neuer Gesetzbücher, in denen Gleichheit vor dem Gesetze und statt der Todesstrafen Zwangsarbeit, Brandmarkung und Anschließen im Gefängnis anbefohlen wurde. Große Fürsorge widmete J. auch den Interessen der Gewerbe und des Handels. Er ließ neue Fabriken anlegen, ermunterte die Industrie durch Geldvorschüsse und Belobungen, hob fesselnde Monopole auf, machte Fiume zu einem Freihafen, legte einen neuen Hafen zu Carlopago in Dalmatien an und verschaffte seinen Unterthanen die freie Schiffahrt auf der Donau bis ins Meer. Ebenso förderte er Künste und Wissenschaften und belebte die Akademie der bildenden Künste durch ausgesetzte Preise. Er stiftete Bibliotheken, Sternwarten, Wohlthätigkeitsanstalten und eine Menge Schulen für Bürger und Landmann, gründete die Universität zu Lemberg und die Medizinisch-chirurgische Militärakademie zu Wien. Er milderte den Preßzwang, indem er die Büchercensur aus den Händen der Geistlichen in die freisinniger Gelehrter übertrug und die Tagespresse ganz frei gab. ö Hauptsächlich aber richtete sich seine reformatorische Thätigkeit gegen das überwuchernde Kirchenwesen. Der österr. Hierarchie wurde jede Verbindung mit Rom und jede Korrespondenz mit der päpftl. Kurie ohne höhere Erlaubnis untersagt. Alle päpstl. Bullen und sonstigen kirchlichen Erlasse bwurden dem Placetum regium unterworfen. Insbesondere verordnete er, die Bullen Unigenitus (s. d.) und In coena domini (ss. d.) aus allen Ritualen herauszunehmen. Auch begann er eine Reform des Klosterwesens. J. hob 1782—-90 an 700 Klöster auf, verminderte die Zahl der Ordensgeistlichen von 63000 auf 27000 und stellte die ältern Mönchsorden unter die Aufsicht der Bischöfe, denen er auch alle zeither vor das Forum des Papstes gehörigen Dispensationen in Ehesachen übertrug. Zugleich erließ er 13. Okt. 1781 das berühmte Toleranzedikt, welches den Protestanten und nicht⸗ ö unierten Griechen freie Religionsübung verstattete. Selbst den Zustand der Juden verbesserte er. Papst Pius VI. glaubte durch persönliche Besprechung mit dem Kaiser diesen schnellen Gang der Reformen hemmen zu können, und kam Ostern 1782 selbst nach Wien. Derselbe vermochte jedoch nichts durchzusetzen. Indessen stieß die Durchführung der Josephinischen Reformen selbst in den deutschen Erblanden auf hartnäckigen Widerstand, der vom kath. Klerus möglichst geschürt wurde. Besonders in Tirol kam es zu offener Widersetzlichkeit. Noch schlimmer gestalteten sich die Verhältnisse in den außerdeutschen Landen. In Ungarn verschmähte er es, sich als König besonders krönen zu lassen; er ließ die Krone des heil. Stephan nach Wien abführen. Das Land wurde als Provinz behandelt, nach deutsch-bureaukratischer Weise reorganisiert, und sogar die deutsche Sprache, als Universalsprache des Reichs, sollte hier in allen amtlichen Geschäften eingeführt werden. Die Beschwerden der Ungarn und die Bitten um Einberufung des ungar. Reichstags blieben unerhört, sodaß wiederholt Unruhen ausbrachen. Namentlich in Siebenbürgen entbrannte 1784 ein furchtbarer Aufstand der walach. Bauern unter Horjah gegen den magyar. Adel, welcher mit Waffengewalt niedergeschlagen werden mußte. In den österr. Niederlanden geriet J. zunächst mit der kath. Geistlichkeit in Konflikt durch seine Kirchenreformen und die Stiftung des Generalseminariums zu Löwen (1786). Dann wollte er auch das Gerichtswesen und die Verwaltung umgestalten, und da die Stände widerstrebten und gar Unruhen ausbrachen, wurde die alte Landesverfassung (Joyeuse entrée) ganz aufgehoben (Juni 1789). Es brach darüber ein allgemeiner Aufstand los unter Leitung der Advokaten van der Noot und van der Vonck, und bis zu Ende 1789 waren alle belg. Provinzen insurgiert und erklärten sich für unabhängig; nur Luxemburg blieb in des Kaisers Gewalt. Auch in Ungarn war die Unzufriedenheit so hoch gestiegen, daß man einen Ausbruch befürchten mußte. Um diese Gefahr zu beschwören, erklärte J. im Jan. 1790 alle während seiner Regierung für Ungarn erlassenen Verordnungen, mit Ausnahme des Toleranzedikts und der Abschaffung der Leibeigenschaft, für aufgehoben. Damals siechte der Kaiser schon hin, von körperi Leiden, Familienunglück und dem schmerzlichen Bewußtsein einer fruchtlosen Lebensthätigkeit aufgerieben. Er starb zu Wien 20. Febr. 1790. Sein Nachfolger in Osterreich wie in der deutschen Kaiserwürde war sein Bruder Leopold II. (s. d.). Auf dem ehernen Standbilde J.8, das ihm sein Neffe, Kaiser Franz I., 1807 in Wien setzen ließ. stehen die Worte: Josepho secundo, qui saluti licae vixit non diu, sed totus. Bgl. Groß-Hoffinger, Lebens⸗ und Regierungsgeschichte J.8 II.» (Stuttg. 1835—37): Schlosser, (Geschichte des 18. Jahrh.y (5. Aufl., 8 Bde., Heidelb. 1864—66); Arneth, „Geschichte Maria Theresias v (7 Bde., Wien 1863—76); derselbe, Maria Theresia und J. II.5 (3 Bde., Wien 1867); derselbe, „J. II. und Katharina von Rußland. Ihr Briefwechselo Wien 1869); derselbe, J. II. und Leopold von oscana. Ihr Briefwechsel 1781—90 (2 Bde., Wien 1872); Beer, J. II., Leopold II. und Kaunitz. II. Ein Lebensbilde (Berl. 1875); Leistner, Kaiser J.S II. unvergeßliche Gedanken, Aussprüche (im Reuen Plutarcho, Bd. 9, Lpz. 1882). Eine eingehende Würdigung von J.s deutscher Politik gibt Ranke in Die deutschen Mächte und der Fürstenbunde (Bd. 1, Lpz. 1871).