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GeschichteBrockhaus 1882

Heerwesen Europas. Während des Mittelalters wurde die Wehrkraft bei den german. Völkern durch den Heerbann aufgebracht, neben welchem, denselben fast verdrängend, in den abendländischen Reichen sodann Lehns- oder Vasallenscharen auftraten. In den Kreuzzügen fand freiwillige Heeresfolge statt, auch treten überall Söldnerscharen auf, welche bald zu einer dem eigenen Kriegsherrn und den Ländern gefährlichen Bedeutung gelangen; doch kommen zeitweilig noch immer Volksaufgebote vor. In Frankreich und England suchen die Könige den alten Heerbann als Gemeindemiliz beziehungsweise durch Aushebung der Freisassen wieder zu beleben; in den lombard., niederländ., namentlich aber in den deutschen Städten bildet die streitbare und gut bewaffnete Bürgerschaft einen wichtigen Teil der Streitmacht des Landes. Unter König Karl VII. beginnt in Frankreich die Errichtung stehender Heere (1445 Ordonnanzkompagnien, 1448 Freischützen), doch werden die Heere vorzugsweise durch Werbung, als Söldnerheere, bis in die neue Zeit hinein aufgebracht. Das byzant. Kaisertum bildete seine Heere fast durchweg aus Fremden. Bei den tatar. Völkern führten die Chane die gesamte kriegstüchtige Mannschaft ins Feld; doch errichteten die Osmanen im 14. Jahrh. zuerst ein stehendes Heer (Janitscharen) und gewannen dadurch eine entschiedene lüberlegenheit über die Sold- und Lehnstruppen der christl. Staaten. Von der Mitte des 14. Jahrh. an gibt es zuverlässige Nachrichten über die Anwendung von Feuerwaffen. Schon 1338 sind in Frankreich Ausgaben für Pulver gebucht worden, 1353 bereitete ein Jude Pulver zu Augsburg und bald darauf findet man in den Rechnungen der Städte Ulm, Nürnberg, Lübeck, Speier, sowie in engl. Kriegsrechnungen Ausgaben verzeichnet für Pulver und Büchsenmeister. Das beste Pulver wurde zu Nürnberg verfertigt, von woher es viele Städte bezogen; in Wien wurde erst 1440 eine eigene Pulverfabrik angelegt. Schon früh wurden in allen Ländern Geschütze gegossen, 1346 zu Tournay in den Niederlanden, 1356 zu Nürnberg, 1378 zu Augsburg, 1444 zu Wien, 1477 zu Dresden, in Frankreich unter König Ludwig XI., anfänglich aus Kupfer, dann aus Eisen, gegen Ende des 14. Jahrh. aus Metall. Diese Geschütze waren zuweilen von übermäßiger Größe (1378 zu Augsburg ein 127-Pfünder, 1381 zu Schweidnitz ein 253-Pfünder, 1478 in Frankreich ein 500-Pfünder, 1452 auf Mohammeds II. Befehl zu Konstantinopel ein 1200-Pfünder) und durchweg sehr schwerfällig; ihre Herstellung und Bedienung fiel einer neuen, zunftmäßig organisierten Waffengattung, der Arcolay oder Artolarey, zu, deren Mitglieder Gezeugmeister oder Büchsenmeister, im 17. Jahrh. auch Konstabler hießen. Anfänglich fertigte man nur Kanonen, im 15. Jahrh. auch Wurfgeschütze (Hauffnits und Mörser), sowie Terras⸗(Wall-)Büchsen. Alle schweren Geschütze schossen steinerne, die Wallbüchsen bleierne Kugeln. Erst im 15. Jahrh. werden Geschütze häufiger im Feldkriege angewendet, Handfeuerwaffen dagegen schon früher, nach Chroniken 1311 vor Brescia, und 1334 waren dieselben bereits in der Rüstkammer des Markgrafen Rinaldo von Este in großer Zahl vertreten. Im J. 1364 wurden zu Perugia kleine Faustrohre (Pistolen) verfertigt, dann längere Rohre (Hand⸗ und Hakenbüchsen, Arkabusen, Musketen)J. Im J. 1381 stellte im Städtekriege Augsburg 30 Büchsenschützen ins Feld, 1428 fand zu Nürnberg das erste Scheibenschießen der Bürger statt. Die Einführung der Feuerwaffen verringerte die Bedeutung des Rittertums und veränderte die Gliederung und Fechtart der Heere. Das deutsche Reichsheer, für welches 1422 die erste Matrikel festgestellt wurde, war zur Zeit der Hussitenkriege bereits sehr reichlich mit Geschütz versehen (1431 gingen 150 Stücke verloren); das Fußvolk bildete „Fahneno von 100 Mann (Kumpaneien), deren 8 einen Haufeno ausmachten, die Reiter Rotten zu 32 geharnischten Lanzierern, deren 5 Reiterfahner und 4 Fahnen „Geschwaderv genannt wurden. Die Aufstellung war noch sehr tief (bis 10 Glieder), doch nahm die Tiefe derselben vurch die Wirkung der Feuerwaffen ab. Karl der Kühne von Burgund besaß das trefflichste Heer jener Zeit. Die Reiterei (der Adel nebst Gefolge) bestand aus gegen 1200 Lanzen und 3000 berittenen Schützen, gliederte sich in Kompagnien zu 100 Lanzen, welche sich aus 4 Schwadronen zusammensetzten. Das Fußvolk bestand aus 2000 Spießen und 1000 Schützen, die Artillerie aus 300 Stücken mit 1200 Mann Bedienung, ein Wagenpark von 2000 Fahrzeugen schaffte die Zelte und Munition fort. Diese ständig organisierten Truppen Burgunds wurden in Kriegszeiten durch Aufgebote (1476 nach der Schlacht bei Granson wurde der sechste Mann ausgehoben) und Söldner (Lombarden und Briten) beträchtlich (bis 60000 Mann)y verstärkt. Auch die Schweiz besaß ein geregeltes Heerwesen. Jeder Kanton stellte seine Streiter unter Hauptleuten und Vennern (Bannerträgern), die Rottmeister (Führer von 20—30 Mann) wählte die Mannschaft, welche mit eigenen Waffen (darunter namentlich lange Spieße, Morgensterne, zweihändige Schwerter) kämpfte. Geschütze und Handfeuerwaffen waren vorhanden, doch vertraute man mehr auf die blanken Waffen für die Schlacht (1386 ist Geschütz zur Bezwingung von Burgen angewendet worden). Für besondere Unternehmungen stellte man Freifahnen auf, Freiwillige (verlorene Knechte) dienten als Kundschafter, das Roßbanner war schwach, das Fußvolk stark und waffengeübt. Das stärkste Heer der Eidgenossen (bei Murten, 1476) bestand aus 3000 Hakenschützen, 27000 Spießen, Schlachtschwertern u. s. w., 1600 Reitern und 2400 berittenen Bundesgenossen nebst 10 von den Verbündeten gestellten Geschützen. In Schweden hatte König Karl VIII. das Heerwesen zeitgemäß geordnet. Der achte Mann wurde ausgehoben, Rüstung und Bewaffnung waren gleichmäßig, Büchsengießer werden schon 1431 erwähnt. Unter Gustav Wasa wurde 1526 das Einkommen als Maßstab für militärische Leistungen eingeführt (von 400 Mark Silber waren 6 Knechte gerüstet zu stellen). In Rußland wurde das Heerwesen erst nach der Befreiung von der Mongolenherrschaft geordnet. Die Hauptmacht bildete die von den Bojaren gestellte Reiterei, Kaufleute und Bürger stellten das mit Spieß und Bogen bewaffnete Fußvolk, das Landvolk wurde niemals zum Kriegsdienst herangezogen; Feuergewehre hatten Deutsche 1389 nach Rußland gebracht, doch waren diese Waffen noch selten. Die Kasaken (s. d.), welche die Ukraine gegen die Tataren unter selbstgewählten Führern verteidigten und der Krone Polen treffliche Dienste leisteten, waren von Kasimir IV. zu Lehnsleuten der Krone erhoben und dem poln. Adel gleichgestellt worden, der das Heer aufzubringen hatte (die Szlachta). Das poln. — bestand aus leichter Reiterei, erst nach der ereinigung mit Litauen (1386) kommt das Fußvolk zu einiger Bedeutung, Geschütze sind schon 1410 im Felde (gegen den Deutschen Orden, bei Tannenberg) verwendet worden. In Ungarn hatte König Sigismund 1435 jeder Gespanschaft die Stellung einer bestimmten Zahl von Mannschaften, deren Ausrüstung und Verpflegung dem Adel oblag, auferlegt. Im J. 1453 wurde zur Abwehr der Türken eine Portalordnung erlassen, wonach von je 100 Thorwegen 4Reiter und 2 Fußgänger zum Heere gestellt werden mußten. Matthias Corvinus reorganisierte die Banderialverfassung und ließ den 20. Mann für die Reiterei ausheben (Huszaren), das Fußvolk wurde durch Söldner (die schwarzen Banden, 6000 Mann stehende Truppen) vermehrt und die Artillerie trefflich organisiert. Geldmangel nötigte später zur Entlassung der stehenden Truppen, die Portalmiliz kam nicht recht zu Stande, und 1526 ging das Heer unter (Schlacht bei Mohacs). Das Heer der Osmanen hatte anfänglich nur aus Reiterei bestanden, doch errichtete Sultan Murad I. nach der Einnahme von Adrianopel 1361 aus christl. Gefangenen ein Fußvolk, die Janitscharen (s. d.) als stehende Truppe und 1376 besoldete Reiterei, die Sipahi; daneben bestand die Lehnspflicht der mit Grundbesitz in den eroberten Ländern ausgestatteten türk. Krieger (Timarioten). Alljährlich wurden im ganzen Reiche Christenkinder ausgehoben und im Islam erzogen, um später im Heere oder als Beamte dem Großherrn zu dienen. Die Reiterei (Sipahi, Timarioten und unregelmäßiges Aufgebot) war sehr zahlreich, die Janitscharen das beste Fußvolk der Welt, in Ortas geteilt und schon frühzeitig mit Feuergewehren bewaffnet. Das türk. Heer besaß auch viele Geschütze, die von bestimmten Janitscharenabteilungen bedient wurden. Das Heer wurde systematisch in fünf Teile, die unter bestimmten Befehlshabern standen, für die taktische Verwendung gegliedert: Vorhut, Hauptmacht, rechte Hand, linke Hand und Zurückbringer (Nachhut, auch zum Aufhalten Fliehender bestimmt). Am Schlusse des Mittelalters gab es in Europa nur noch wenige lehnspflichtige Ritter, da die Verpflichtung zur Heeresfolge fast überall abgelöst worden war; doch diente der Adel um Sold im Heere, und unter den Landsknechten (s. d.) befanden sich Grafen und Herren. Die handwerksmäßigen Söldner hörten auf, die Heere wurden großenteils aus Landeskindern aufgebracht, neben denen geworbene Scharen (Schweizer und deutsche Landsknechte, nach der Niederlage der Schweizer in der Schlacht bei Pavia fast nur noch Deutsche) unter bewährten Feldhauptleuten in allen Staaten verwendet werden. Aber noch immer wurde das Heer bis auf kleine Leibwachen der Fürsten und schwache Besatzungsstämme für die Festungen nach dem Friedensschlusse entlassen; doch finden sich bereits die Anfänge stehender Truppen. Die Einführung der Feuerwaffen hat dem Fußvolk die erste Stelle zurückgewonnen, die leichte Reiterei und die Artillerie haben namhafte Bedeutung erlangt, und die Entscheidung der Schlachten liegt nicht mehr bei der schwergerüsteten Kavallerie. Kriegsverordnungen und Kriegsartikel haben die Organisation der Heere und die Mannszucht der Truppen verbessert. Das mit Spießen bewaffnete Fußvolk kämpfte in tiefen Haufen, in Geviertordnung, alle Fahnen in der Mitte, die Hauptleute im ersten und letzten Gliede, ringsum verteilt die Hakenschützen, von denen ein Teil als verlorener Hauf (Blutfahne) voranzog und den leichten Dienst that. Zuweilen (bei Pavia) entschied das Fußvolk die Schlacht, zuweilen zog es aus verlorener Schlacht ungebrochen ab (Spanier bei Ravenna, Schweizer bei Marignano). Die schwere Reiterei kämpfte in tiefen Geschwadern, nur die französische griff gliederweise mit großen Abständen an. Leichte Reiter bedienten sich im Scharmützel des Faustrohrs; Kaiser Max I. schaffte die Armbrust bei denselben gänzlich ab. Die Artillerie beginnt in der Schlacht beherrschende Stellungen aufzusuchen und wird schon zur Einleitung angriffsweise verwendet; meist sind die Geschütze noch verteilt, doch kommen auch schon Batterien (bei Cerisolles 2 zu je 8 Stücken) vor. Beim Beginn der neuen Zeit waren Spaniens Heer für den Westen, das osmanische für den Osten Europas das Muster, später, nach der Befreiung der Niederlande, für die nördl. Staaten das niederländische, während Deutschland und das südl. Europa die span. Heereseinrichtungen beibe— hielten. Erst von 1630 ab wurde das schwed. Kriegswesen, welches König Gustav Adolf auf eine hohe Stufe gebracht hatte, das maßgebende Vorbild für die europ. Heere, doch trat Frankreich, dessen unter König Ludwig XIV. reorganisiertes Heer sich unter ausgezeichneten Führern als die stärkste Kriegsmacht Europas erwiesen hatte, an dessen Stelle, und die Kriegsterminologie bediente sich vorzugsweise franz. Bezeichnungen. Erst zu Anfang des 18. Jahrh. erwies sich, im Spanischen Erbfolgekrieg, das kaiserl. Heer dem französischen ebenbürtig, und von der Mitte des 18. Jahrh. bis zur Französischen Revolution wurde Preußen durch die treffliche Heeresorganisation König Friedrich Wilhelms J. und das Feldherrngenie König Friedrichs d. Gr. Europas erste Militärmacht, deren Einrichtungen in allen Ländern nachgeahmt wur— den. Im J. 1789 stand das Heerwesen aller Staaten nahebei auf gleicher Höhe. In den Niederlanden traten den geworbenen Heeren Spaniens 1572 zuerst Truppen, welche durch das Aufgebot der kriegstüchtigen Mannschaft des Landes aufgebracht waren, entgegen; doch wurden neben diesen auch Söldnerscharen verwendet. Im Dreißigjährigen Kriege bestanden die Heere aus geworbenen Mannschaften aller Länder, neben denen aber schon Nationaltruppen auftraten (schwed. Regimenter, Landesaufgebot in Brandenburg, Defensioner in Sachsen, Husaren und Kroaten im kaiserl. Heere). In Schweden und einigen deutschen Ländern be— stand außerdem eine Miliz für die Landesverteidigung. Nach dem Westfälischen Frieden werden die — entlassen, aber bald neue Truppen errichtet. ankreich beginnt 1665 mit der Aufstellung eines stehenden Heers, dessen Mannschaft teils geworben, teils ausgehoben wird, die übrigen Staaten folgen. Allmählich wird überall die Werbung mehr eingeschränkt und die Aushebung vorzugsweise für die Ergänzung der Truppen verwertet; militärische Landeseinteilung (Kantonreglements) bildet die Grundlage für die Aushebung, von welcher freilich viele Klassen der Bevölkerung befreit sind. Bis zum Beginn des 18. Jahrh. führte ein großer Teil der Infanterie noch Spieße, deren Abschaffung im kaiserl. Heere im Türkenkriege, im franz. Heere 1703, bald danach in England, bei den nordischen Mächten 1721 erfolgt ist. Die Landsknechte verschwanden um 1600, mit ihnen ö schied das Pistol aus der Bewaffnung des Fußvolks, und gleichzeitig trat an die Stelle der Arkebuse die schwerere Muskete. Diese wurde von König Gustav Adolf erleichtert und blieb bis um 1700 mit dem Luntenschloß allgemein im Gebrauch, dann wurde das Steinschloßgewehr, die Flinte, eingeführt, seit 1732 mit Bajonett versehen und [ dadurch auch als Stoßwaffe brauchbar. Die Einführung eiserner Ladestöcke 1730 (zuerst in Preußen auf Anregung des Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau), dann cylinderförmiger Ladestöcke (1773) und trichterförmiger Zündlöcher (1781) verbesserte die Waffe; Versager wurden selten, und die preuß. Infanterie erreichte eine Feuergeschwindigkeit von sieben Schuß in der Minute. Um 1700 werden einzelne Schützen, sowie die Jägertruppe mit gezogenen Büchsen bewaffnet. Schwert und Degen des Fußvolks werden verkürzt und erhalten gekrümmte Form, in einigen Heeren werden dieselben abgeschafft, Helm und Rüstung verschwinden im 17. Fehen mit den Spießen, dagegen kommen vorübergehend Handgranaten beim Fußvolk zur Verwendung, und nachdem diese im Anfang des 18. Jahrh. aufgegeben wird, bleiben die Grenadiere als Kerntruppe (Kompagnien, welche im Kriege zusammengestellt werden) bestehen. Die Kavallerie hatte zunächst ihre Rüstungen wegen der Schußwaffen verstärkt, legte um 1600 allgemein die Lanze ab und führte dafür Feuerwaffen (neben der Pistole die Arkebuse, den Karabiner, sogar Bajonettflinten) ein. Bis zum Schlusse des 17. Jahrh. trugen die schweren Reiter noch den vollen Harnisch, späterhin den Küraß und Helm. Die Artillerie verbesserte ihre Geschütze und führte um 1600 im Felde Schlangen (Kanonen), Kartaunen und Kammergeschütze, jede dieser Gattungen in verschiedenen Kalibern, daneben zuweilen Orgelgeschütze. n Frankreich wurde die übermäßige Zahl der Kaiber zuerst eingeschränkt, am einfachsten war die österr. Artillerie organisiert. Im 17. Jahrh. gab man die leichten Geschütze der Infanterie bei und stellte die schweren zu Positionsbatterien zusammen, die Feldartillerie bestand aus schweren und leichten Kanonen, sowie Haubitzen. König Friedrich d. Gr. errichtete 1758 zuerst reitende Artillerie, welche nur leichte Kanonen führte. Im 16. Jahrh. begann die Zusammenstellung des Fußvolks in Regimenter, welche im 17. Jahrh. fast berall die Stärke von 10 Kompagnien erhielten und in 2 Squadronen (im 18. Jahrh. Bataillone genannt) gegliedert wurden. Auch die Kavallerieregimenter wurden in Squadronen und Kompagnien eingeteilt, doch war ihre Stärke und Gliederung in den einzelnen Heeren verschieden. Im Kriege wurden aus je 2 Infanterie- oder Kavallerieregimentern Brigaden zusammengestellt, deren mehrere im 18. Jahrh. unter Zuteilung von Artillerie zu Korps oder Divisionen vereinigt wurden. Aber die Einteilung in Korps war noch keine feste und wurde im Laufe eines Feldzugs häufig verändert. Als die Artillerie militärisch organisiert wurde, bildete dieselbe ebenfalls Regimenter, Bataillone und Kompagnien. Die Offiziere der Kompagnie waren der Hauptmann, Lieutenant (später zwei) und Fähnrich, das Regiment hatte sodann drei Stabsoffiziere (Oberst, Oberstlieutenant und Oberstwachtmeister [später Major genannt!]), die Generalität bestand ebenfalls aus drei Rangstufen, dem General, Generallieutenant und Generalwachtmeister (später Generalmajor genannt). In Frankreich gab es außerdem noch andere, für den hohen Adel geschaffene militärische Stellungen, für deren Vorhandensein in der Heeresorganisation kein Bedürfnis vorlag. Marschall hieß anfänglich der Befehlshaber der Reiterei, später der Oberfeldherr eines Heers, Feldzeugmeister der Befehlshaber der Artillerie, in osterreich der General, ebenso in Osterreich der Generallieutenant Feldmarschalllieutenant. Die Unteroffiziergrade wurden vermehrt (Feldwebel, Wachtmeister, Sergeant, Unteroffizier, Korporal), und im 18. Jahrh. bildete sich an der Hand der schärfer durchgeführten Strafbefugnisse eine strenge Mannszucht heraus. Mit Errichtung der stehenden Heere wurden die Soldverhältnisse allenthalben fest geregelt, bei der Anwerbung wurde ein oft beträchtliches Handgeld gezahlt und die Bekleidung von der Militärverwaltung seit dem 17. Jahrh. übernommen. Es begann der Bau von Kasernen, den Garnisonstädten wurden gewisse Leistungen auf—⸗ gelegt und die Verpflegung in Marschquartieren geregelt. Im 18. Jahrh. wurden die Truppen allgemein, auch im Kriege, aus Staatsmagazinen verpflegt und das Kriegsmaterial möglichst im eigenen Lande beschafft; im Kriegshaushalt greift höchste Sparsamkeit Platz, da die Einkünfte der Staaten sonst nicht die Mittel gewährten, die verhältnismäßig sehr starken stehenden Heere zu unterhalten. Die taktische Gliederung und Ausbildung der Trupven machte außerordentliche Fortschritte. Moritz von Oranien stellte das Fußvolk, welches bisher in tiefen Massen gekämpft hatte, in 10 Glieder, König Gustav Adolf in 6 Glieder, die franz. Infanterie focht seit 1703 in 4 Gliedern, die preußische seit 1730 in3 Gliedern. Kolonnen wurden nur für den Marsch, nicht in der Schlacht, gebildet, man kämpfte in entwickelter Linie. Jede Kompagnie bestand aus 3 Trupps u 2 Pelotons. Im 18. Jahrh. werden Reglements fur die taktische Ausbildung erlassen, um dieselbe gleichmäßig zu machen, man übt sehr künstliche Bewegungen ein und legt vorzugsweise Wert auf das Nuarate mi der in Linie entwickelten Bataillone; Ingriffe mit der blanken Waffe kommen selten vor. Auch die Kavallerie verringert die Tiefe ihrer Aufdezelo⸗ auf 8—4 Glieder, König Gustav Adolf stellt ieselbe in 3, König Friedrich d. Gr. im Siebenjährigen Kriege auf 2 Glieder. Die Bewegungen waren schwerfällig, das Feuergefecht wurde mit Vorliebe gepflegt; aber König Gustav Adolf und König Friedrich d. Gr. bringen die Waffe zu einer nicht weiter gesteigerten Höhe der Ausbildung, lassen dieselbe den Erfolg im geschlossenen Angriff im vollen Lauf und raschen Bewegungen suchen und entscheiden durch dieselbe wiederholt die Schlacht. Seit der Mitte des 18. Jahrh. kämpfen auch die Dragoner nicht mehr zu Fuß, und die preuß. Husaren sind das Muster einer überaus leistungsfähigen, vielseitig brauchbaren leichten Reiterei geworden. Die Feldartillerie begann erst unter König Gustav Adolf während der Schlacht taktische Bewegungen auszuführen, war indessen noch schwerfällig und konnte deswegen nicht häufig ihre Stellung verändern. Die schweren Batterien wurden wegen ihrer geringen Beweglichkeit und mangelhaften Bespannung in der Regel nach großen Schlachten die Beute des Siegers. Erst die von König Friedrich d. Gr. errichtete reitende Artillerie war manövrierfähig und geeignet zur Verwendung im Verbande mit der Kavallerie. Genietruppen waren nur sehr spärlich vorhanden und wurden, so- wie die Ingenieure, fast nur im Festungskriege verwendet; für Stromübergänge war man auf die Benutzung der vorhandenen Brücken und Schiffsgefäße angewiesen, doch war die Kavallerie auch im Durchschwimmen breiter Gewässer geübt und kannte in ihrer Ruhm⸗ und Glanzperiode unter König Friedrich d. Gr. für ihre weitausgreifenden Züge kaum ein Bewegungshindernis. Das Heerwesen der neuesten Zeit ist aus der Macht der Verhältnisse, nicht aus dem Willen einzelner Fürsten oder Feldherren zu der gegenwärtigen Stufe der Entwickelung gelangt und hat sich zweimal (nach der Beendigung der Napoleonischen Kriege und nach der Wiederaufrichtung des Deut— schen Reichs) in allen größern Heeren nahezu gleich— artig gestaltet. Die Anregung zu den tief einschneidenden Veränderungen ist von Frankreich aus— gegangen und dort durch die Kriege der ersten Re— publik, welche das durch die Revolution in seinem innern Halt erschütterte, eines großen Teils seiner Offiziere beraubte franz. Heer nicht zu führen vermochte, aus innerer Notwendigkeit entstanden. Die übrigen Mächte folgten nach und reorganisierten ihre Heere, mit deren Hilfe sie dann das franz. Joch abschüttelten. Nur Preußen betrat hierbei eigentümliche Bahnen durch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, brachte während der auf die Napoleonische Kriegszeit folgenden Friedens-⸗ periode sein Heer auf eine hohe Stufe der Ausbildung, entwickelte sein Heerwesen alsdann entsprechend dem Geiste der nationalen Wehrverfassung abermals nach dem Regierungsantritt des Königs Wilhelm und machte nach drei siegreichen Kriegen dieselbe zum Gemeingut des deutschen Volks, sowie zu dem allerwärts von den großen Militärmächten Europas nachgebildeten Vorbilde für die Organi— sation des Kriegswesens. Der Italienische Krieg von 1859, namentlich jedoch die Erfolge des aus der allgemeinen Wehr— pflicht hervorgegangenen preuß. Heeres im J. 1866 veranlaßten große Veränderungen in der Organisation der europ. Heere. Man strebte, wenige Staaten (Großbritannien, Belgien, Niederlande) ausgenommen, die militärische Ausbildung der gesamten kriegsdiensttauglichen männlichen Bevölkerung an; doch konnte dies Ziel erst nach Verlauf einer Reihe von Jahren einigermaßen und vollständig nur in denjenigen Staaten erreicht werden, die auf die gründliche militärische Ausbildung der Mannschaft verzichten und deshalb die gesamte diensttaugliche Ersatzmannschaft unter starker Ab— kürzung der aktiven Dienstzeit im Frieden an den Waffenübungen teilnehmen lassen. Mit dem längern Bestehen der allgemeinen Wehrpflicht gewannen allmählich auch diejenigen Truppenverbände der Heere, die erst bei der Mobilmachung aufgestellt werden und für welche Friedensstämme nicht vorhanden sind, festern Zusammenhalt und wurden deshalb brauchbar zur Verstärkung der Feldarmee. In Preußen war die Landwehr bereits 1866 und in großem Maßstabe während des Deutsch-Französischen Kriegs in diesem Sinne zur Verwendung gelangt, und in Ssterreich⸗-Ungarn, Frankreich und Italien wird in Zukunft ebenfalls ein nicht unbeträchtlicher Teil der Landwehr, resp. Honved, Territorialarmee und Mobilgarde, zur Verstärkung der Feldarmee dienen. Griechenland, sowie die nach dem Russisch-Türkischen Krieg selbständig gewordenen oder doch durch Gebietszuwachs verstärkten christl. Staaten des Balkangebiets vergrößerten ihre Heere und verbesserten gleichzeitig deren Organisation durch Erhöhung der Friedensstärke. Das Nähere über das Heerwesen der einzelnen Staaten findet sich in deren Spezialartikeln, wäh— rend die beiden folgenden Tabellen eine vergleichende übersicht über die Kriegsstärke der europ. Heere in den J. 1859 und 1884 gewähren. enrop. Heere zu Beginn des Jahr rvetruppen. Für angriffsweise Kri taatsgebietes verfügbar. (Kopfstärke i Stärke der zum Kampfe bestimmten T ö Feld⸗ und und Kavalleri Mann Gebirgs⸗ Jäger 2956 792.ä2290 432 1887⁷ 416 15²29 218 1859 6³ 14⁵3 268 —0 8 6⁴ 11 26 72 10 2 76 2⁴4 67 3 tzungs- und Ersatztruppen. (Kop Stärke der zum Kampfe bestimmten T Überhaupt Infanterie Mann geschuge Jäger 1906 12⁰ 1561 109 22⁰6 118 1623 331 1319 16 114 72 530¹ 308 4230 62¹ 1430 — 1240 140 150 — 150 —. 45 — 40 3 553 40 48⁵ 30 1059 — 9⁵⁰ 20 450 — 400 12 264 24 196 21 163 8 87 14 168⁵5 — 13⁵50 175⁵ 191 — 160 18 90 W 90 — 796 — 749 38 Sicilien, Kirchenstaat, zarma, Modena und Tr Mit Luxemburg und Limburg, ohne Lauenburg. iegführung auch außerhalb des eigenen Hunderten.) Truppen, ohne Trains 9 und niere, Pio⸗ Verwal⸗ 1 — artillerie Genie⸗ Parks und 2²3 89 630 5068 189 45 ( 431 3387 116 24 190 2077 366 12⁵ 8²2 6867 130 158 137 1996 2 — 5 8⁰ 14 — 5 31 4 2 5 81 25 11 69 8⁵⁴4 40 21 77 85⁷ 52 9 94 f1055 15 6 28 299 256 96 470 485⁵50 68 18 61 9²2⁴ 32 10 24 562 26 4 18 440 75 12 79 8⁵² 38 2 23 408 13 — 10 148 2⁵ 2 39 364 ofstärke in Hunderten.) ruppen, ohne Trains Städe, Parlilerte Genie⸗ Parks und koslen 17¹ 6⁵ 138(2044 2¹³ 39 149 [2355 145⁵ 17 39 1358 31¹⁴ 136 230 (5531 42 8 50ö1480 2 3 12 263 13 8 13⁰ 68¹ — — 20 170 1 1 2 47 30 8 20 573 7⁵5 14 27 1086 90 18 681079 33 3 12 189 291 79 (491 (2516 32 6 15 465⁵ 39 8 15 279 57 5 7 17⁰ 136 2⁴ 134 (1819 5 8 10 201 — W 2 9² 9 * 20 816 zuxemburg und Limburg. — 2 Mit Kaukasien. »Kolonialtruppen. — s Mit den Mittelmeer-Kriegsstärke der enrop. Heere um d Feldreservetruppen. Für an, (Stärke in Hunderten der Mannsc Stärte der zum Kampfe bestimmten Trm Mann 1056146288840 88 282 30 88(240 12 579 530120(484 25 968 780262854 25 30⁵ 39 96(260/ 20 188 28 80158 12 361 971 234246 50 und Ersatztruppen. (Stärke in § Stärke der zum Kampfe bestimmten Trup Mann lerie 5107245 504 (3890227 2301 [90 266 (1874 64 6866 446456 (5485 355 Mit Kaukasien. — 2 Ohne Agypten. — 3 O Mittelmeergarnisonen. zum Teil auf Schätzung und dürfte annähernd zutreffendes Bild Staate ischen Leistungsfähigkeit dergibt, it erstärkung der für angriffs-Ungarr in Rußland und Italien Deutsch iffen, und erst im J. 1886! rungen igriffsweise Kriegführung u. s. w. ppen, ohne Trains und artillerie 974 290 95080051420 2952 9 32 (106701162 216 96 62 389150(ö26130 293 12 8 10 5 ( 131 15 22 8 7840 3600 70 40 30 70 60649/ 113 10⁰ 36 18080(2144 308 7¹ 18ö 10760öä1075/0 138 26 9 4130(372 78 70 24 (2501801144 327 15 10 47353520 74 15 3 27 20215 48 58 7 68 [50429/ 147 dunderten der Mannschaft und Pferde.) ppen, ohne Trains Artillerie Ponto-Einschl.] niere, Belage-Pioniere tillerie nietrup. 16 4 40 8(763 40 8 10 20 5938 5 — — 20 5220 5 6 2 20 5 (16018 1⁵ 11 2⁵ 5(643 10 289 74 64 18 (2365108 114 6⁰ 80(20 201097 38 2 20 5 ( 392 22 90 12 15 3 (997/ 36 9 13 23 4 368 31 71 6 25⁵ 5( 34525 57 8 8 2(190 2 2 Ir 8 1 1⁵50 3 9 7 86 15 1440 53 Kolonialtruppen. — 4Nebst Algerien, ohne Koinsbesondere die Kavallerie dieser beiden in der Stärke, welche die Tabelle 2a an-Felde erscheinen können. In Ssterreichwird die Feldartillerie wahrscheinlich dem120 Geschütze verstärkt werden. Die im Reiche seit 1874 eingetretenen Verändebeschränken sich auf eine geringe Vermehrung der Infanterie, Feldartillerie und Pioniere im J. 1881, sowie auf die Bereitstellung einer Anahl bereits militärisch einigermaßen vorgebildeter Waumichajten für die erst bei der Mobilmachung aufzustellenden Ersatztruppen der Fußtruppen (Ersatzreserve erster Klasse). Das in der Reorganisation begriffene Heer des Osmanischen Reichs würde die oben angegebene etatsmäßige Kriegs— stärke in nächster Zeit noch nicht erreichen können. Alle Landsturmformationen sind bei den Armeen der Großmächte außer Ansatz geblieben; in Griechenland, der Schweiz und Serbien bilden dieselben den größten Teil der Besatzungstruppen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 6Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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