FeedAberglaube
Sitten & ModeBrockhaus 1882

Aberglaube (superstitio) ist zunächst der Etymologie nach soviel wie falscher Glaube. Da aber, was den «wahren Glaubeno» ausmacht, für verschiedene Völker und zu verschiedenen Zeiten sehr verschieden ist, so erscheint dem einen das als A., was dem andern wahrer Glaube ist, und umgekehrt. Auf den höhern Religionsstufen werden immer die den niedern Stufen eigentümlichen Anschauungen, sofern sie mit den höher entwickelten Vorstellungen in Widerstreit geraten, sich als A. darstellen, also namentlich die Überbleibsel früherer sinnlicher Vorstellungen, sofern dieselben als Verunreinigung des geistigen und sittlichen Glaubens erscheinen. Als Überrest der alten Naturreligion bezieht sich der A. deshalb meistens auf das Walten geheimer Naturmächte; er sieht entweder rein passiv in irgendwelchen Naturvorgängen Vorzeichen der eigenen Schicksale (omina), und deutet Dinge, die mit den menschlichen Verhältnissen keinen Zusammenhang haben, wie den Flug der Vögel, den Befund der Eingeweide geopferter Tiere u. s. w., zu Anzeichen für das Gelingen oder Mißlingen menschlicher Thätigkeiten um, oder er sucht mehr aktiv durch geheimnisvolle Handlungen welche ohne natürlichen Einfluß auf die Sache selbst sind, dem Eintritt befürchteter Ereignisse vorzubeugen und denjenigen gewünschter Naturvorgänge herbeizuführen oder zu beschleunigen. Im letztern Falle nimmt der A. die Form der Zauberei und der Magie (s. d.) an, wie bei unen, De man Beschwörungen und solchen Handlungen, die man im gemeinen Leben als Sympathie zu bezeichnen pflegt. Auf dem Standpunkte des Christentums stellen namentlich die Reste aus dem Vorstellungskreise der heidnischen Vorzeit als A. sich dar, welche im olksglauben noch heute in größerer oder geringerer Ausdehnung erhalten sind. Aber auch innerhalb der christl. Religion selbst werden durch die fortschreitende Läuterung und Vergeistigung des religiösen Bewußtseins die sinnlichen Vorstellungen der Vergangenheit in dem Maße, als sie als Hemmnis der reinen Dal. Adolf Wut erscheinen, als A. Boftanberglan Vgl. Adolf Wuttke, «Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwartv (Berl. 1869) Pfleiderer, Die Theorie des A.» (Berl. 1872).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 42Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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