FeedAffekt
TierreichBrockhaus 1882

Affekt (lat.) ist das Gegenteil der Gemütsruhe und bezeichnet jede durch das Gefühl hervorgerufene Hemmung und Störung des ewöhnlichen Vorstellungsverlaufs. Daher beraubt der A. den Menschen der Besonnenheit des Denkens und Wollens. Starke und heftige, vorzüglich unvorhergesehene Eindrücke, insofern sie in ihren Folgen den Gemütszustand des Menschen berühren und plötzlich verändern, sind daher die gewöhnlichen Ursachen der A., die so mannigfaltig sein können wie die Art und Weise, in welcher das innere Gleichgewicht des Menschen gestört werden kann. Die ältere Psychologie rechnete die A. zum Gefühlsvermögen, während man die Leidenschaften dem Begehrungsvermögen zuschrieb. Mit der Lehre von den verschiedenen Seelenvermögen ist aber auch diese Beziehung weggefallen. Dagegen sind die A. von den Leidenschaften genau zu unterscheiden, indem die letztern vielmehr bleibende, in dem Innern festgewurzelte Geneigtheiten zu A. sind, gleichsam ein vulkanischer Boden, aus welchem oft bei der leisesten Berührung die Flammen eines affektvollen Fühlens und Handelns hervorbrechen. Daher sind die Leidenschaften auch beharrlich, die A. vorübergehend, und der Unterschied beider geht so weit, daß nach einer oft gemachten Beobachtung die Spannfähigkeit des A. die Leidenschaft mehr oder minder auszuschließen scheint. Die A. haben verschiedene Grade. Im höchsten Grade können sie betäubend, sogar tötend wirken, wie z. B. Schreck vor Freude und vor Furcht. Die Gefühle welche den A. ausmachen, sind bald angenehm, bald unangenehm, bald aus Vergnügen und Schmerz gemischt, wie z. B. bei der überraschung. In Beziehung auf die Art, wie die Gemütsruhe gestört wird, gilt die Einteilung der A. in excitierende oder aufregende, wie Zorn, Rache, Freude, und deprimierende oder niederschlagende, wie Gram, Betrübnis u. s. w. Bei der engen Verbindung zwischen geistigen und körperlichen Zuständen pflanzt sich die im A. sich darstellende Erschütterung auch auf den Körper fort, wie sich dieses in den Gefühlen der Erleichterung, der Beklemmung, in der Schamröte, der Blässe des Zornigen u. s. w. verrät. Umgekehrt unterstützt aber auch der Körper rückwärts die Fortdauer der A. Bei den höhern Graden des A. scheint die Natur selbst, z. B. in den Thränen und im Lachen, für eine Art Ableitungsmittel gesorgt zu haben. Zu behaupten, daß nur der Mensch der A. fähig, ist kein Grund vorhanden, da sich bei Tieren ähnliche Phänomene zeigen, wohl aber ist der Mensch vermöge seiner Landig geistigen Ausbildung allein fähig, die A. zu ändigen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 171Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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