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ErdkundeBrockhaus 1882

Abruzzen, benannt von Abruzzo (Aprutium), dem mittelalterlichen Namen der Stadt Teramo (Interamna), heißt der nördlichste Teil des ehemaligen Königreichs Neapel, welcher im N. an die arken und Umbrien, im W. an Latium, im NO. an das Adriatische Meer, im SO. an Apulien und im S. an Terra di Lavoro grenzt und mit Molise ein Compartimento von 17290 akm mit (1878) 1333056 C. bildet, zerfällt in drei, auch nach ihren Hauptstädten benannte Provinzen: 1) Abruzzo citeriore oder Chieti im SO. (2861,5 Akm, 1876 mit 345224 C.); 2) Abruzzo ulteriore Loder Teramo im NW. (3324½½ qkm mit 250711 E.): 3) Abruzzo ulteriore II oder Aguila im W. (6500 qbm mit 347448 CE.). Das Hochland der A. bildet den wildesten und höchsten Teil des a enninischen Gebirgssystems mit dem höchsten Gipfel der Halbinfel, dem 2909 m hohen Gran-Sasso d Italia. (S. Apenninen.) Die gespaltene Kette umfaßt ein tief eingeschnittenes Längenthal, von dessen beiden Enden der Aterno nördlich und der Gizio südlich einander entgegenfließen, um dann vereint als Pescara die höhere östl. Kette zu durchbrechen. Das Gebirge zeigt die eigentümlichen, höchst malerischen Formen des Kalks; die Höhen stürzen nach der einen Seite in mächtigen Wänden ab, während sie nach der andern Seite sanfte Oiose zeigen mit trefflichen Matten, auf denen sich viele Alpenpflanzen finden. Doch sind die Hänge im ganzen ebenfalls steil und durch wilde welher zerrissen. Dagegen zeigt der Subapennin, we cher sich westlich vom Lago-Fucino an den Hauptstock anlegt, einen sanftern, aud: Schner b Aufbau. Das Klima der A. ist rauh; Schnee bedeckt die Saldrn der Berge vom Oktober bis April; dichte Wälder von Eichen, Buchen, Ulmen und weiter oben Nadelbäumen krönen die Höhen und bergen Wölfe, Bären, Wildschweine und zahlreiches Dam-⸗ und Rotwild. Nur die Thäler sind fruchtbar, und Mandel⸗, Nuß- und andere Obstbäume gedeihen überall, Olbäume in den Gegenden. Die Hauptbeschäftigung der Abruzzesen ist Viehzucht, aber auch der Anbau von Korn, Reis, Gemüsen und allerlei Küchengewächsen, von Färberröte, Safran und Wein ist verbreitet. Die Industrie wie die Maulbeer⸗ und Seidenzucht machen gute Fortschritte. Auch bereitet man Pökelfleisch, Würste und vortreffliche Schinken. Militärisch bedeutend werden die A. dadurch, daß in ihnen nur eine, für eine Armee äußerst bes chwerliche, Heerstraße in das Neapolitanische und gar keine ähnliche über das Gebirge vom Ufer des Mittelländischen Meers nach dem des Adriatischen führt. In neuerer Zeit ist eine Kunststraße von Gasta gegen Norden nach der centralen Hochebene eröffnet und so eine für die Interessen des Verkehrs wie der Strategie gleich wichtige direkte Verbindung des Hochlandes mit dem Tyrrhenischen Meere hergestellt worden. Erst 1871 begann man den Bau einer Eisenbahn von Pescara an der großen Linie Bologna-Brindisi über Chieti, Popoli, Aquila und Celano nach Rieti, von welcher die Strecke bis Aquila 1875 eröffnet wurde. Die Abruzzesen, früher als Banditen und Räuber berüchtigt, sind ein Hirtenvolk von patriarchalischer Einfachheit, den heimatlichen Gebirgen treu anhänglich, abergläubis und gastfrei. Sie haben weder die Deutschen no die Franzosen oder Spanier gehindert, in Neapel einzudringen. Nur 1798 erhoben sie sich gegen die siegreich vorrückenden Versuh W. aber ohne nachhaltigen Erfolg. Der Versuch Murats, 1815 einen Volkskrieg gegen die Osterreicher in den A. zu erregen, mißlang ebenso wie 1821 der der Konstitutionellen. Auch 1848 und 1849 haben die Abruzzesen der Reaktion keinen nachhaltigen Widerstand entgegengesetzt. Seit der Einverleibung Neapels in das Königreich Italien sind die A. wiederholt Schauplatz von Unthaten der von der bourbonischen Reaktion unterhaltenen Räuberbanden gewesen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 67Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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