FeedAmeisen (Formicida)
TierreichBrockhaus 1882

Ameisen (Formicida), eine Familie aus der Ordnung der Hautflügler (Hymenoptera), die mit den übrigen Hautflüglern vier von Adern durchzogene, häutige Flügel, vollständige, kauende Mundteile und eine vollständige Verwandlung gemein haben, indem aus dem Ei fußlose Larven schlüpfen, später eine ruhende Puppe bilden, die sog. Ameiseneier, aus denen nach einiger Zeit das vollkommene Insekt schlüpft. Die A. leben stets in Gesellschaften, welche aus dreierlei Individuen zum wenigsten bestehen: aus ungeflülosen verkümmerten Weibchen, sog. Geschlechtsosen oder Arbeiterinnen, welche die größte Mehrzahl bilden; aus geflügelten Männchen und Weibchen, die nur zu gewissen Zeiten erscheinen. Zuweilen kommen auch zwei Arten von Geschlechtslosen vor, sog. Soldaten mit großem und Arbeiter mit kleinem Kopfe. Der Kopf aller A. ist groß, dreieckig, deutlich von der Brust geschieden, mit kleinen, runden Augen und pinselförmigen, geknickten Fühlhörnern versehen; die Kinnbacken sind meist durch breitgedrückt, schneidig; die Brust ist lang, durch eine einfache oder doppelte Schuppe oder ein Häutchen mit dem meist länglichen Hinterleibe verbunden. Hiernach unterscheidet man unter den vielen Arten die Gruppen, sowie man nach dem Vorhandensein oder Fehlen eines Stachels die Stechameisen (Myrmica) von den eigentlichen A. (Formica), die nur ein Giftbläschen Henste trennt. Die Nester werden an den verschiedensten Orten und mit dem verschiedensten Material angelegt: in und auf der Erde, in Mauern, auf Bäumen, im Holze; jede Art hat hierin, wie in der Größe der Gesellschaft, ihre Eigentümlichkeit. Es gibt Arten, die nur Nester von 30 — 40 Individuen haben, andere, wo die Zahl der Kommunisten hoch in die Tausende steigt. Im ganzen kann man sagen, daß ein Nest aus einem System verschlungener Gänge besteht, die zu innern Kammern führen, welche verschiedenen Zwecken dienen: dem Aufenthalte der Weibchen, die nach einem ersten Ausfluge, wo sie sich mit dem Männchen begatten, stets in dem Neste bleiben und Eier legen, den Eiern, den Larven, die aus den Eiern hervorgehen und die im Neste gefüttert werden, den Puppen, welche bis zu ihrem Ausschlüpfen sorglich gehütet und bald nach oben an die Wärme, bald nach unten in die Tiefe geschleppt werden. Den Arbeiterinnen liegt die ganze Sorge des Haushalts ob. Sie bauen das Nest, bewahren seine Eingänge, schließen und öffnen dieselben nach Bedürfnis und bewachen und verteidigen es mit Wut auf Gefahr ihres Lebens. Sie gehen nach Nahrung aus, wozu sie süße Säfte vorziehen, sonst aber auch alle tierische und pflanzliche ib benagen; sie füttern zu Hause aus ihrem Munde die Weibchen, die wurmförmigen, fußlosen Larven und die eben ausgeschlüpften, noch weichen Arbeiterinnen, die sie auch putzen, reinigen und umherschleppen. Keine Ameise legt Vorräte an; im Winter erstarren die meisten in der Tiefe ihrer Nester. Von besonderm Interesse ist das Verhältnis der A. zu den festsitzenden, Pflanzensäfte saugenden Insekten, wie namentlich Blatt⸗ und Schildläusen. Sie suchen dieselben auf, streicheln sie mit den Fühlern und Vorderfüßen, bis sie aus Röhren oder Offnungen am Hinterleibe ein Tröpfchen hellen Zuckersaftes austreten lassen, das die A. begierig aufschlucken. Die A. sorgen förmlich für die Blattläuse wie für Melkvieh, setzen sie von abgewelkten Zweigen auf frische, bauen über sie Gewölbe aus Faden oder bringen sie im Herbst auf die Wurzeln der Gewächse in die Erde. Bei Ameisenarten besteht die Sklaverei. Die Arbeiterinnen einer rotgelben Art (Polyergus) bei uns, die Huber Amazonen genannt hat, arbeiten nicht, sondern gehen nur auf Raub aus, was man an heißen Sommertagen beobachten kann. Ein solcher Kriegszug stürzt sich auf ein Nest der grauen Mauerameise, dringt in alle Sffnungen und raubt die Puppen. Diese werden nach Hause 40I Und schlüpfen im Neste der Amazonen aus. Die dort ausgeschlüpften grauen Mauerameisen besorgen nun alle Geschäfte im Haushalte der Amazonen und schleppen selbst ihre doppelt so großen Herrinnen —— die sie füttern. ö Die meisten unserer einheimischen A. schwärmen im August aus, und die gehenere A Männchen und Weibchen bilden oft ungeheuere Wolken. Die befruchteten Weibchen werden, wenn sie in der Nähe eines Nestes niederfallen, von den Arbeitern ihrer Flügel beraubt und dann in das Nest gebracht; die welche an andern Orten niederfallen, entledigen si selbst — lügel und bilden ein neues Nest. Obgleich die Arten ihre Nester gegen Eindringlinge verwahren, 55 gibt es doch oft fremde Einwohner darin, die teils ihrer Säfte wegen gefangen gehalten werden (Stutzkäfer, Blattläuse), teils als unschädlich geduldet werden (Larve des Goldkäfers, Oetonia aurata, die den Mulm der Holznester frißt), oder endlich solche, die von den A. gehalten, gefüttert werden und ohne sie nicht leben könnten (Keulenkäfer, Clariges). Man hat alle diese als Ameisenfreunde bezeichnet. ö‚ Die A. besitzen eine große Intelligenz und die Fähigkeit, sich mittels ihrer Fühler zu verständigen. Sie bauen Wege, Brücken und Gewölbe und sind äußerst sinnreich in Auffindung der Mittel, durch welche sie zu einem vorgesetzten Zwecke gelangen. Ihre Häufigkeit auf Gewächsen, Sträuchern und Bäumen zeigt dem Gartenwirte, daß die Pflanzen krank oder von schädlichen Insekten bewohnt sind. Höchst lästig sind sie in Häusern und Vorratskammern, wo sie oft kaum zu vertilgen sind. In heißen Ländern können sie so überhandnehmen, daß der Mensch vor ihnen weichen muß. Dort gibt es auch A. von höchst auffallender Lebensweise, wie z. B. Wanderameisen (Atta cephalotes), welche auf ihrem Zuge alles Lebende anfallen, die schädlichen Insekten fressen und selbst kleine Säugetiere überwältigen, und die man deshalb gern kommen sieht, während die Hueewiwn (Formica saccharivora) in den uckerpflanzungen Westindiens sehr gefürchtet ist. Früher benutzte man sie zur Bereitung der Ameisensäure, die man jetzt reiner und wohlfeiler auf chem. Wege erzeugt. Die Ameiseneier (Puppen) sind als Vogelfutter, besonders für Nachtigallen, gesucht. Man legt in die Nähe der Haufen der großen Waldameisen, die ihre Nester besonders auf Tannennadeln bauen, auf einen sonnigen Platz Reiser über eine Vertiefung, die man beschattet, gräbt rasch das Nest aus und schüttet den Inhalt daneben in die Sonne. Die Arbeiterinnen tragen sogleich alle Puppen in die beschattete 255 Hue Große Verdienste um die Beobachtung des Haushalts der A. hat sich Huber von Genf erworben, dessen Recherches sur les fourmis indigènes v (Genf 1810) 3• heute klassisch sind. Seither haden besonders Forel durch Beobachtungen und Sir John Lubbock durch sinnreiche Versuche unsere Kenntnisse von den europ. Ameisen wesentlich bereichert. Die südamerikanischen A. sind besonders von Bates beobachtet worden.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 532Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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