FeedAnachronismus
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Anachronismus (grch.) heißt ein sauders wider die Chronologie. Er findet sich besonders häufig in Werken der Dichtkunst und wird hier entweder mit Absicht angewendet, um irgendeine Wirkung (z. B. das Komische) zu erzielen, oder er ist nur zufällig, indem der Dichter aus Unkunde irgendeine Begebenheit, Sitte, Gebrauch u. s. w., der einer Rte 1a Zeit angehört, bereits in einer frühern gelten läßt. So läßt Shakspeare in seinem «Julius Cäsaro die Turmglocke drei Uhr schlagen, und Schiller spricht in den Piccolominivon dem Blitzableiter, obgleich dieser erst im 18. Jahrh. erfunden wurde. Nachteiliger ist der A. in dichterischen Werken, wo zwar das äußere Leben einer verschwundenen Zeit mit pedantischer Genauigkeit ausgemalt, hingegen die ganze Gesinnungs- und Denkweise der Gegenwart in die Vergangenheit hineingetragen wird. An diesem Fehler leidet die ganze ältere Tragödie der Franosen, ebenso viele histor. Romane. Anders müssen die Anachronismen der Volkspoesie und der Dichtungen des Mittelalters beurteilt werden. In der epischen Volkspoesie ist der A. oft Habt ein ein charakteristisches Merkmal. In ihr bleibt ein Achilles stets jung, eine Helena stets schön. Durch Jahrhunderte hindurch begleitet Rustem in der persischen und Marko in der serb. Heldensage die Schicksale seines Volks, ohne zum Greis zu werden, stets in ungebeugter Manneskraft. Ebenso faßte das Mittelalter die ganze Welt nur in dem Spiegel seiner Zeit auf, und die dichterischen Bearbeitungen antiker Stoffe, wie z. B. die Aneides des Heinrich von Veldeke, die Schilderung der Thaten Alexanders d. Gr. vom Pfaffen Lamprecht, sind in Sitten und Kostüm Bilder aus der Zeit des Dichters, aber nicht aus der Zeit der geschilderten Helden. Auch die Maler des Mittelalters und der Renaissance lassen in ihren Bildern von Christus und den Heiligen die Ritter, Städte und Burgen ihrer Zeit erscheinen und gewinnen damit für ihre Gemälde den Reiz traulichster Innigkeit.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 596Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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