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ErdkundeBrockhaus 1882

Jonier nannte sich ein sehr ausgedehnter Zweig des griech. Volks, der vor der sog. dorischen Wanderung hauptsächlich über die Nord⸗ und Ostküste des Peloponnesos, über Megaris, Attika und Euböa verbreitet war, aber auf Grund der dorischen Wanderung und ihrer weitern Folgen sich a sah, mit Ausnahme von Attika das griech. estland zu räumen und (nach jetziger Annahme) ld nach der Mitte des 10. Jahrh. v. Chr. über die Inseln des AÄgäischen Meeres und über die mittlern Teile der Westküste Kleinasiens sich als Auswanderer zu verbreiten. Nach ihnen ward seitdem der Küstenstrich Kleinasiens vom Flusse Hermos an bis südlich des Mäandros, mit Einschluß der Inseln Chios und Samos, Jonien Mütes genannt. Eine Art religiöser und polit. ittelpunkt der großen und blühenden ion. Zwölfstädte bildete das sog. Panionion, ein Heiligtum des Poseidon am Vorgebirge Mykale bei Priene, wo alliährlich das Fest der Panionia gefeiert und auch Beratungen über gemeinsame Anelegenheiten gepflogen wurden. Auch fanden Festversammlungen im Tempel des Apollon auf der Insel Delos statt. Der bedeutende Reichtum, u welchem die meisten dieser Städte infolge der ruchtbarkeit des Landes und mehr noch durch ihren ausgedehnten Seehandel, ihre Kolonisationen und ihre Industrie gelangten, weckte später die Eroberungslust ihrer Nachbarn. So gelang es (um 560 v. Chr.) dem König Krösus von Lydien, die sämtlichen ion. Städte des Festlandes sich zu unterwerfen, und als dann Cyrus diesen König gestürzt und sein Reich erobert hatte (549 v. Chr.), brachte dieser mit leichter Mühe bis 540 auch die sämtlichen griech. Städte Kleinasiens und der benachbarten Inseln (außer Samos) in seine Gewalt. Der Versuch, welchen die J. unter Fuhrung des Aristagoras von Milet 500 v. Chr. machten, mit Unterstützung von Athen und Eretria und in Verbindung mit den griech. Städten am llespont, in Aolis, in Karien und auf der Insel pros das pers. Joch abzuwerfen, mißlang. Die Städte wurden insgesamt durch die Feldherren des Königs Darius I. wieder unterworfen, 495 v. Chr. nach hartem Widerstande auch Milet, und anfangs hart behandelt und entwaffnet, dann aber denselben Perse ahlung eines bestimmten Tributs an den genheiten Überlassen. Die spätern Niederlagen bei Salamis, Platää, Mykale und am Curymedon brachten den griech. Städten Kleinasiens die Freiheit von Persien und veranlaßten sie, sich dem athenischen Seebunde anzuschließen. Nach der Auflösung desselben gegen Ende des Peloponnesischen Kriegs kamen sie zunächst in die Gewalt der Spartaner, die sie schließlich in dem sog. Antalkidischen Frieden (387 v. Chr.) wieder den Persern preisgaben. Nach der Zertrümmerung des Perserreichs durch Alexander d. Gr. teilten sie unter den sog. Diadochen die Schicksale der übrigen Bruchstücke des macedon. Weltreichs. Mit Besiegung des Königs Antiochus d. Gr. von Syrien durch die Römer wurden sie größtenteils für frei erklärt (189 v. Chr.), endlich aber 129 v. Chr. zur neu eingerichteten röm. Provinz Asia geschlagen und gediehen unter der Herrschaft der röm. Kaiser noch einmal zur Blüte. Gegenwärtig sind, zum Teil infolge der Jahrhunderte andauernden türk. Herrschaft, jene einst so blühenden Städte, mit Ausnahme von Smyrna, verödet, zu elenden Dörfern herabgesunken oder verkommen. Während Jonien seit seiner Unterwerfung unter die ut niemals wieder eine größere selbständige polit. Rolle gespielt hat, ist es für die Entwickelung der griech. Kultur von der höchsten Bedeutung gewesen. Es ist die Wiege der epischen wie der elegischen Poesie, und ihm gehören die Anfänge der Geschichtschreibung (Logographen) und der Philosophie, sowie auch der rationellen Medizin (Hippotrates) und anderer Wissenschaften an. Auch ist Jo ein eigentümlicher Stil der Architektur, die Jonische Baukunst, ausgebildet worden der in den großen Tempeln zu Samos, Ephesos, Milet u. s. w. seine glänzendste Vertretung fand. Endlich nimmt auch die Jonische Malerschule, durch deren Meister (Zeuxis, Parrhasios u. a.) das Malerische im engern Sinne und der Reiz der Illusion in die Kunst eingeführt wurde, eine wichtige Stelle in der Entwickelung der griech. Malerei ein.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 651Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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