Anselm von Canterbury, scholastischer Philosoph, geb. zu Aosta in Piemont 1033, wurde nach dem Wunsch seiner frommen Mutter Ermenberga 1060 Mönch, 1073 Prior und Scholasticus, 1078 Abt des Klosters Bec in der Normandie, wohin ihn der Ruf des berühmten Lanfrane zog, und 1093, als dessen Nachfolger, Erzbischof von Canterbury in England. Er wird als der — Scholastiker betrachtet. Obgleich nächst der Bibel meist durch Augustinus angeregt, unter der Herrschaft des Kirchenglaubens stehend und in seiner gesamten Theologie von der Überzeugung getragen, daß der Glaube dem Erkennen vorausgehen und in sich unbedingt zweifellos sein müsse, stellt er doch ausdrücklich die Forderung, daß man vom Glauben zum Erkennen aufstrebe. Hierin liegt seine große Bedeutung als Dogmatiker. Seinen später sog. «ontologischendo Beweis für das Dasein Gottes aus seinem Begriffe führte A. aus in dem Proslogiumv (Anrede an seinen Geist), nachdem er in dem (Monologiump das Dasein Gottes aus der Zufälligkeit des Endlichen und die Trinität aus bloßen Vernunftgründen erwiesen hatte. Diese beiden Schriften, welche den wesentlichen Inhalt seiner Lehre enthalten, wurden zuletzt von Haas (als erster Teil von Sanct-Anselmi opuscula selectao, Tüb. 1863) herausgegeben. Zwei andere Schriften A.s: De concordia praescientiae et praedestinationiso und „Cur Deus homo 2o (herausg. von Lämmer, Berl. 1857; deutsch von Schirlitz, Quedlinb. 1861), waren dadurch von Bedeutung, daß er in der erstern die Prädestinationslehre, in der letztern die christolog. Satisfaktionstheorie dogmatisch begründete. In Betreff seiner kirchlichen Wirksamkeit ist namentlich sein heftiger Kampf mit Wilhelm dem Roten und Heinrich J. von England wegen der Investitur hervorzuheben. Hartnäckig die Ideen Gregors VII. vertretend, mußte er deshalb zweimal England verlassen. Erst unter Papst Paschalis II. kam 1107 eine Ausgleichung zu Stande. A. starb 21. April 1109, welchen Tag die kath. Kirche als seinen Gedächtnistag feiert. Durch Clemens XI. ist er 1720 ausdrücklich in die Reihe der kath. Kirchenlehrer aufgenommen worden. Die beste Ausgabe seiner Werke besorgte Gerberon (2Bde., Par. 1675 neue Aufl. 1721; auch Vened. 1744). Vgl. Frank, „A. von Canterbury, eine kirchenhistor. Monographier (Tüb. 1842); Hasse, A. von Canterburyy (2Bde., Lpz. 1843—52); Rémusat, «Saint-Anselme de Cantorbéryr (Par. 1854; 2. Aufl. 1868); Church, (Saint-Anselmep (Lond. 1870).