Apokryphen Iarch.) bedeutet eigentlich Schriften, welche dem en man kirchlichen Gebrauche entzogen sind, weil man sie aus irgendwelchem Grunde den kirchlich recipierten Schriften nicht gleichstellt. Der Begriff des Unechten oder Falschen liegt in dem Ausdrucke ebenso wenig wie die allmählich ausgebildete dogmatische Vorstellung, daß sie nicht wie die andern biblischen Schriften vom Heiligen Geiste diktiert, also keine Gottesbücher, sondern Menschenbücher seien. Den Gegensatz zu den apokryphischen Schriften bilden die kanonischen, d. h. diejenigen, welche in die festgestellte Liste kirchlich geltender und daher auch gottesdienstlich gebrauchter Bücher gehören. Doch herrschen über die Feststellung dieser Liste in der alten Kirche bedeutende Schwankungen, und noch heute geht das Urteil der verschiedenen Kirchenparteien darüber auseinander. Nach den zwei Hauptabteilungen der Bibel muß man alttestamentliche und neutestamentliche A. scheiden. Zu den A. des Alten Testaments gehören: die drei Bücher der Makkabäer (von denen Luther nur die zwei ersten übersetzt hat), das Buch Judith, das Buch Tobias, das Buch Jesus Sirach (mit der von Luther gleichfalls nicht übersetzten Vorrede), das Buch der Weisheit Salomos, das Buch Baruch, der Brief des Jeremia (bei Luther das 6. Kapitel des Buches Baruch), das sog. dritte Buch Esra (auch Esra I., von Luther 110 übersetzt) und einige spätere diese S u den Büchern Daniel und Esther. Alle diese Schriften fanden in den hebr. Kanon der palästinensischen Juden keine Aufnahme, weil ihre Abfassung zum größten Teile in eine Zeit fällt, in welcher die Sammlung der heiligen Schriften der Juden bereits abgeschlossen war (nach der Mitte des 2. Jahrh. v. Chrh. Ein Teil der A. ist ursprünglich hebräisch geschrieben, und namentlich die Sprüche Sirachs und das erste, im dynastischen Interesse des Hasmonäischen Carstenhauses verfaßte Makkabäerbuch (Sarbeth Sar bane) schließen sich in der Zeitfolge nahe an die letzten kanonischen Schriften aus der Zeit des Judas Makkabi, das Buch Daniel und manche Makkabäische Psalmen an. Von den übrigen A. gehören das zweite Makkabäerbuch und das Buch Judith aller Wahrscheinlichkeit nach noch in die makkabäische Zeit und sind als dem Hasmonäischen Fürstenhause feindselige Tendenzschriften aufzufassen. Wie die vier genannten A., so ist auch das Buch Tobias und wahrscheinlich auch das Buch Baruch und der Brief des Jeremia ursprünglich hebräisch geschrieben, obwohl alle diese Schriften uns nur in griech. Übersetzung überliefert sind. Eine zweite Gruppe der alttestamentlichen A. bilden die ursprünglich griechisch verfaßten: die griech. Bearbeitung des Esra (Esra III.), das sog. dritte Buch der Makkabäer (die Geschichte einer Verfolgung der ägypt. Juden unter Ptolemäus Philopator), die Zusätze nisch-jüd. Religionsphilosophie geschriebene Buch der Weisheit Salomos, endlich die kurze Zeit vor Christi Geburt geschriebenen und in die griech. Übersetzung des Alten Testaments nicht aufgenommenen Pfalmen Salomos. Außerdem müssen zu den alttestamentlichen A. noch einige andere, zum Teil nur dem Namen nach bekannte Bücher gezählt werden, von denen das noch jetzt vorhandene Buch Henoch und das sog. vierte Buch Esra die wichtigsten sind. Dieselben finden sich nicht in der griech. Bibel, waren aber zum Teil schon den neutestamentlichen Schriftstellern bekannt. Beide gehören zu der sog. apokalyptischen Litteratur und sind spätere Nachbilder des Buches Daniel. (S. Apokalyptik.) Die christl. Kirchenlehrer haben, namentlich in den ältesten Zeiten, von den meisten dieser A. unbedenklich Gebrauch gemacht. Schon im Neuen Testamente werden apokryphische Schriften da und dort mit gleicher Autorität wie kanonische benutzt (so das Buch Henoch im Briefe des Judas), häufiger schon bei den sog. Apostolischen Vätern (s. d.) und unzähligemal bei Clemens von Alexandrien, Origenes, als he Tertullian, Cyprian, welche sie unbedenklich als heilige Schriften citierten. Doch fehlen sie in den Verzeichnissen der alttestamentlichen Bücher des 2. e der und schon im 3. Jahrh. war die griech. Kirche darüber einig, diese A. nur als Lesebücher ohne kanonisches Ansehen zu betrachten. Ahnlich urteilten im Abendlande noch Rufin und Hieronymus (Ende des 4. und Anfang des 5. Jahrh.), wogegen die afrik. Kirche auf einer Synode zu Hippo 393 sich für die Aufnahme der A. in den alttestamentlichen Kanon entschied. Diese Entscheidung fand allmählich auch im übrigen Abendlande Nachahmung, doch blieb das ganze Mittelalter hindurch das Urteil ein schwankendes, und erst die Kirchenversammlung zu Trient hat in ihrer vierten Session 8. April 1546 die Gleichstellung der in der lat. Kirchenbibel (der sog. Vulgata) enthaltenen A. (außer dem 3. und 4. Esrabuche) mit den übrigen Schriften des Alten Testaments ausgesprochen. Dagegen achtete Luther, obwohl er die A. mit wenigen Ausnahmen ins Deutsche übersetzte und als Anhang —1. Alten Testamente herausgab, dieselben für ücher, eso der Heiligen Schrift nicht gleichzuhalten und doch nützlich und gut zu lesen sind». Bei dieser Ansicht ist die prot. Kirche in der Hauptsache stehen geblieben. Dagegen hat der schott. Puritanismus und neuerdings en Kieh sog. Low-Church-Partei in der Anglikanischen Kirche (s. d.) jede Benutzung der A. als eine Verfälschung des göttlichen Wortes verworfen, daher auch die Englische Bibelgesellschaft nur Bibeln ohne die A. verbreitet. Die griech.⸗orient. Kirche hat umgekehrt seit Ende des 17. Jahrh. die göttliche Inspiration der A. anerkannt. Von weit geringerer Bedeutung als die A. des Alten Testaments sind die sogenannten A. des Neuen Testaments. Unter diesem Namen faßt man insgemein eine vielverzweigte Litteratur untergeschobener Cvangelien, Apostelgeschichten, Apokalypsen und Briefen zusammen, welche zum Teil bis ins 2. Jahrh. hinaufreichen, sich aber samt und sonders durch Abenteuerlichkeit des Inhalts und abgeschmackte Üübertreibung der Wundergeschichten von den neutestamentlichen Schriften sehr unvorteilbeh⸗ unterscheiden. Die apokryphischen Evangelien ehandeln meist die Kindheitsgeschichten Jesu (so das sog. Protevangelium Jakobi, der falsche Matthäus, das Evangelium des Thomas u. a.); die früher unter dem Namen Evangelium des Nikodemus bekannten Pilatus-Akten (aus der Mitte des 4. Jahrh.) erzählen die Passions⸗ und en. Dußerdem geschichte Jesu mit fabelhaften Zusätzen. Außerdem gibt es eine ganze Reihe apokryphischer Apostelgeschichten, wie die Akten des Paulus und des Petrus, des Andreas, des Matthäus, des Thomas, des Philippus, des Johannes und des Bartholomäus. Dieselben stammen zum Teil aus judenchristlichen, zum Teil aus ½. Quellen und wurden im Interesse des kath. Volks, das an den Wundergeschichten ein gläubiges Interesse nahm, vielfach überarbeitet, verkürzt und von ihrem ketzerischen Inhalte möglichst gereinigt. Nach dem Vorgange des Peeonnen haben neuerdings Thilo und Tischendorf egonnen, diese neutestamentlichen A. zu sammeln und herauszugeben; doch ist ein großer Teil noch immer ungedruckt. Ein beliebtes Lesebuch der lat. Kirche waren seit den Zeiten Gregors von Tours die aus jenen apokryphen Apostelgeschichten hervorgegangenen passiones apostolorumv, welche unter dem Namen des Abdias öfters gedruckt worden sind; vgl. Rud. Hofmann, Das Leben Die⸗ nach den A. erzählte (Lpz. 1851); Stichart, «Die kirchliche Legende über die heiligen Apostel (Lpz. 1861). Weit bedeutender für die Geschichte der Bildung der neutestamentlichen Schriftensammlung sind eine Reihe anderer altchristl. Schriften, welche in verschiedenen Gegenden längere Zeit hindurch im kirchlichen Gebrauche waren. Die wichtigsten unter ihnen sind das sog. Evangelium der Hebräer (welches dem Matthäus-Evangelium nahe verwandt war und von den judenchristl. Parteien benutzt wurde), das Evangelium der Agypter, das Petrus-Evangelium, die Apostolischen Afollichen Au und fast sämtliche Schriften der Apostolischen Väter, namentlich der Brief des Barnabas, der Brief des röm. Clemens und der sog. Hirt des Hermas. Diese letztern Denkmäler der christl. Urzeit finden sich zum Teil auch in alten Bibelhandschriften, wurden aber, weil nicht von Aposteln herrührend, aus dem neutestamentlichen Kanon ausgeschieden. Eine Art von Mittelstellung zwischen kanonischen und apokryphischen Büchern endlich nehmen die sog. Antilegomenen, d. h. angezweifelten oder ungewissen . chriften des Neuen Testaments, ein, wohin die ältere griech. Kirche den zweiten Brief des Petrus, den Brief des Judas, den zweiten und dritten Brief des Johannes und die Offenbarung des Johannes, die ältere abendländ. Kirche den Hebräerbrief rechnete. Mit dem überhandnehmen der Unkritik seit Ende des 4. Jahrh. wurden jedoch überall in der morgenländ. wie in der abendländ. Kirche die frühern Bedenken zurückgedrängt und jene Schriften zu gleicher kirch⸗ . Geltung mit den übrigen kanonischen Büchern gebracht. Erst Luther, welcher die sieben Antilegomenen der alten Kirche in den Anhang seiner deutschen Bibel verwies, und die älteste luth. Dogmatik, welche en jene Schriften keine Beweise gründen wollte, stellten den Unterschied wieder her, der aber durch die schroffere Inspirationslehre der Folgezeit bald wieder zur Bedeutungslosigkeit herabgedrückt wurde, bis die neuere Kritik auch hier die alten Zweifel an der apostolischen Abfassung jener Schriften nicht nur erneuerte, sondern auch auf eine Anzahl anderer, von der alten Kirche niemals bean⸗