Archangelsk, Hauptstadt des gleichnamigen russ. Gouvernements, liegt 64 34 nördl. Br. und 56 33 östl. L. (von Wer de lang und schmal hingebreitet am rechten Ufer der Dwina, 40 km oberhalb deren mehrarmiger Mündung in die Dwinabai des Weißen Meers. Sie ist der wichtigste Handels⸗ und Hafenplatz an der Nordküste des Reichs, Sitz eines Civilgouverneurs, eines Bischofs, einer Admiralität und zählt w19540 E. Die Stadt hat 16 Kirchen, eine Kathedrale, ein Kloster, ein Seminar, ein Gymnasium, eine Kreisschule, ein Irrenhaus, ein Denkmal Lomonossows, 116 Warenma-Ceehof eine Schiffahrtsschule, Schiffswerfte, ein eehospital, ein großes steinernes Kaufhaus, sonst meistenteils hölzerne Häuser. Die Bevölkerung unterhält bedeutende Seilerwerkstätten, Thransiedereien sowie Segeltuch⸗, Zucker⸗ und andere Fabriken. Bedeutend ist der Margaritinskische Jahrmarkt vom 1. Sept. bis zum 1. Ott., mit einem Umsatze von 2½ Mill. Rubel. Schon seit dem 10. Jahrh. hatten Normannen in der Gegend von A. Handelsniederlassungen. Bekannter wurde der Ort erst, als 1553 Engländer dof einer Expedition zur Auffindung einer Nordostdurchfahrt den Seeweg nach der Dwina gefunden hatten, an der damals ein kleines Kloster des heil. Nikolaus stand. Eine mit Bewilligung Iwans II. gegründete engl. Faktorei vermittelte den Handel über Moskau nach Persien und Ostindien. Der infolge dessen sich lebhaft entwickelnde Handelsverkehr veranlaßte 1584 die Erbauung eines Forts an der Nikolausbucht, und der dabei sich erhebende Ort wurde nach dem von dessen Ringmauern mit Michael un Kloster des Erzengels (archangelus) Michael nun Archangelskoi-Gorodo oder das Neue Kastell des Erzengels St. Michael genannt. An 120 Jahre war die Stadt der einzige Seehafen Rußlands und der einzige Stapelplatz für die Ausfuhr . Produkte und die Einfuhr europ. Waren und Kulturgegenstände in das Moskowiterreich. Der Zar Boris Godunow (1598—1605) erlaubte allen Nationen den Handel über A. nach Moskau. Infolge dessen siedelten sich nun auch Holländer und Deutsche an; 1660 erhielten die Reformierten, 1683 die Lutheraner ihre Kirche. Seit 1668 ließ Alexei Michaelowitsch das große und feste Kaufhaus piele Tau-Gorod erbauen, an dem 16 Jahre lang viele Tausende gefangener Tataren arbeiteten. Der Verkehr mit Wechseln, die damals in Rußland noch unbekannt waren, wurde 1670 zu A. eingeführt. Peter d. Gr. besuchte 1693 und 1694 die Stadt, um größere Fahrzeuge in offener See zu sehen. Als Peter seiner neuen Hauptstadt Uen vel Stapel erteilte, dasen A. mit höhern Zöllen belastete und die reichten Einwohner dieser (1708 zur Gouvernementsstadt erhobenen) Stadt zur übersiedelung nach Petersburg zwang, sank der Handel sehr, bis 1764 die dem tresslic Bestimmungen wieder aufgehoben und dem trefflichen Nordhafen alle Vorrechte des petersburger Hafens eingeräumt wurden. Seitdem Der sich mit der wachsenden Bevölkerung Rußlands der Ein⸗ und Ausfuhrhandel an der Dwina immer mehr gehoben, und A. ist jetzt für Sibirien der Hauptstapelplatz, der durch Kanäle mit Moskau und Astrachan in Verbindung steht. Gewöhnlich schon im Mai, da das Eis der Dwina im April bricht, kommen die fremden Schiffe an und segeln meist im September wieder ab. Die Hauptausfuhrartikel sind Getreide, Leinsäat, Flachs, Teer, Pech, Thran, Holz und Felle; die Haupteinfuhrartikel aber Wein, Maschinen, Kolonialwaren u. s. w. Die Ausfuhr beläuft sich jährlich auf 10 Mill. Rubel. An dem Handel nimmt auch die Bjelo-More⸗(Weißes-Meer⸗)Compagnie teil, welche zu-Dam eine große Schneidemühle besitzt und die ampfschiffahrt auf der Dwina und den Handel mit den Produkten des Walfischfangs betreibt. Ein großes Hindernis des Handels ist die Sandbank vor dem sonst sichern Hafen, dessen Einfahrt früher durch die im J. 1863 aufgehobene Festung Nowodwinskaja geschützt wurde. Die Admiralitätsgebäude und Kasernen der Matrosen liegen auf der Insel Solombala, welche der Fluß Kusnetschicha bildet. Von hier gehen viele Winter auf im Sommer auf den Fischfang, im Winter auf die Jagd bis nach Spitzbergen und Nowaja Semlja, bis zur Lenamündung und weiter. Während des Orientkriegs wurde A. 1854 und 1855 nebst den andern Häfen des Weißen Meers (Onega, Kem und Spechen Aiies von den Engländern blockiert. Oberhalb A. liegt die ehemalige Kreisstadt Cholmogory, vor Erbauung von A. Hauptstadt des Landes und Hauptemporium des Dwinahandels; etwas nördlich von A. auf Felsen- und Sandinseln das berühmte Wallfahrtskloster Solowezk.