FeedAristotsles
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Aristotsles, einer der berühmtesten Philosophen Griechenlands, Schöpfer des abgeschlossensten, umfassendsten Systems der griech. Wisenschaft, Begründer der eigentlich naturwissenschaftlichen Studien und Stifter der Peripatetischen Schule, wurde 384 v. Chr. in der macedon. Stadt Stagira geboren, daher er bonii der Stagirit genannt wird. Sein Vater Nikomachos wie seine Mutter Phaestis waren von edler Abkunft. Nikomachos, selbst Leibarzt des Königs ar Hteiel von Macedonien, bestimmte den Sohn für dieselbe Laufbahn und unterrichtete den Knaben wahrscheinlich anfangs selbst in der Arzneikunde und der damals noch mit ihr verbundenen Philosophie. Nach dem frühen Tode des Vaters ging A. zuerst nach Atarneus in Kleinasien und dann in seinem 18. Lebensjahre nc Athen, wo er 20 Jahre lebte. Hier entwickelte si unter den Vorträgen Platos, welche A. ebenso eifrig hörte, wie er die Schriften desselben studierte, der Geist des Schülers so schnell und so gewaltig, daß er bald auch dem Meister ge enüber seine innere Selbständigkeit gewann. enn jedoch die spätern Schriftsteller von einem offenen Bruche zwischen beiden berichten und die Undankbarkeit des Schülers gegen den Lehrer gern hervorheben, so richt der stets achtungsvolle Ton, in welchem die olemik des A. gegen die Platonische Ideenlehre ehalten ist, 48 ch dagegen. Auch ist es unwahrscheinlich, daß A. schon bei Platos Lebzeiten eine eigene philos. Schule im Gegensatze zur Akademie Platos gegründet habe. Dagegen spricht namentlich der Umstand, daß A. unmittelbar nach Platos Tode (347 v. 1cen mit dessen vertrautem Schüler, Xenokrates, zu dem Herrscher von Atarneus, Hermias, ging. Nachdem letzterer jedoch durch Verrat in die Hände des Artaxerxes geraten und getötet worden war, heiratete A. dessen Nichte Pythias und ließ sich mit derselben in Mitylene nieder. Von hier rief ihn 343 v. Chr. der König Philipp von Macedonien an seinen Hof, um die n Lasse seines Sohnes Alexander durch ihn leiten zu lassen. Wie glücklich A. diese Aufgabe zu lösen wußte, davon geben der edle Sinn seines Zöglings, die umfassende Großartigkeit seiner polit. Pläne und Thaten, die Liberalität, mit welcher er Künste und Wuhmnden, unterstützte, und seine erfolgreichen Bemühungen, den Sieg griech. Kultur an denjenigen seiner Waffen zu heften, ein beredtes Zeugnis. Vater und Sohn ult Drs die Verdienste des Lehrers. Philipp stellte das zerstörte Stagira wieder her, dessen Bewohner Dantt jährlich ein Fest, Aristoteleia genannt, in dankbarer Erinnerung daran feierten, und unterstützte namentlich die naturwissenschaftlichen Studien des A.; Alexander stellte ihm 1578 Zwecke derselben eine bedeutende Summe Geldes (es wird von 800 Talenten, etwa 3 Mill. Mark berichtet) zur Verfügung. Erst später scheint sich das Verhältnis zwischen beiden durch das Verfahren des Königs gegen hapertzsch den Neffen des Philosophen, getrubt zu haben; schon vorher jedoch war A. im J. 334 wieder nach Athen übergesiedelt und gründete nun dort seine Schule, welche entweder von dem Umstande, daß es seine Gewohn2190 war, einen Teil der Vorträge im Auf⸗ und bgehen Oh retraerei) zu halten, oder von den Deifene aubgängen (grch. weotreroe), welche den rt seines Lehrens, das Lyceum, umgaben, den Namen der peripatetischen erhielt. Die Vorträge, welche er vormittags im engern Kreise seiner Schüler hielt, wurden esoterische oder akroamatische genannt; abends, wenn er alle, die ihn hören wollten, in allgemein verständlicher Weise belel rte, hielt er seine sog. exoterischen Vorträge. Aus dieser der 91l. Heidei gewidmeten Ruhe vertrieb ihn die polit. Leidenschaft der Athener, welche den ihnen wegen seiner macedon. Gesinnung verdächtigen Philosophen unter dem Vorwande der Gottesleugnung vor Gericht zu stellen drohten. A. verließ Athen, indem er mit Anspielung auf den Tod des Sokrates sagte, er wolle den Athenern einen zweiten Frevel an der Philosophie ersparen. Nach Chalcis auf Euböa, wohin er sich begab, Mittero ihm die meisten seiner Schüler, in deren Mitte er nur noch wenige Monate weiter lehrte, da ihn noch in demselben Jahre (322 v. Chr.) eine Magenkrankheit hinwegraffte. A. durchaus edler Charakter hat entstellenden Angriffen nicht ezu Pla können, wozu namentlich sein Verhältnis zu Plato und zu seinem großen Zögling und seine Ehe mit der Nichte seines Freundes den Vorwand hergeben mußten. Was diesen schwankenden Nachrichten gegenüber seine Schriften erkennen lassen, zeigt einen tiefen Ernst reinster Wahrheitsliebe, einen klaren, offenen Blick für das Wirkliche und seine wesentlichen Zusammenhänge, einen rastlosen Eifer in der Aufsammlung der Thatsachen und dabei eine bewunderungswürdige Sicherheit systematischer Anordnung und fruchtbarer Verteilung des Stoffs. Er erscheint in seinem ganzen Wesen dem idealen Schwunge Platos gegenüber nüchterner, verstandesmäßiger; die Philosophie der iher Ju tritt bei ihm aus der idealen eer Männihrer über Dier in den klaren Ernst reifer Männlichkeit über. Die Nachrichten über das Leben des A. sind aus dem Altertume mit vielen Schwankungen hauptsächlich durch Diogenes Lartius und einige pseudonyme und anonyme Schriften überliefert. Vgl. Buhle, «Vita Aristotelis per annos digestap im 1. Bande der Ausgabe von A. Werken (Zweibr. 1791); Stahr, «Aristotelia (1. Bd.: „Das Leben des A. von Stagirav, benst 1830); Engelbrecht, «über die wichtigsten Lebensumstände des A. und sein Verhältnis zu Alexander» (Eisl. 1845). Die zahlreichen S —— 3 des A. umfassen beinahe das ganze Gebiet des damals zugänglichen Wissens, welches er in philos. Beziehung tiefer begründet, systematisch geordnet und nach der empirischen Seite hin bedeutend vermehrt hat. Manche dieser Schriften hatte er bei seinen Lebzeiten nicht mehr bekannt gemacht; eine große Anzahl anderer ist ihm später untergeschoben worden. Aber auch die ihm sicher angehörigen 4. sich durchaus nicht überall in zweifellosem ustande, und diese Unsicherheit suchten sich schon die Alten durch eine abenteuerliche Geschichte der Manuskripte des A. zu erklären. Die erste Gesamtausgabe, lateinisch mit den Kommentaren des arab. Philosophen Averrös (s. d.), ist 1489 in Venedig erschienen, die erste griech. Ausgabe von Aldus Manutius (5 Bde., Vened. 1495—98) besorgt worden; dann folgte unter Aufsicht des Erasmus eine Ausgabe (Bas. 1531), eine andere von 4578 15 (Frankf. 1584) und viele mehr. Am Ende des 18. Jahrh. gab Buhle eine neue griech. und lat. Ausgabe heraus (5 Bde., Zweibr. u. Straßb. 1791—1800). Im 19. Jahrh. lut die berliner Akademie eine fünfbändige, volltändige Ausgabe der Schriften, Kommentare, Scholien und Fragmente veranstalten nPa (Berl. 1831—71), auf 4— sich auch die in Paris bei Didot erschienene (5 Bde., 1848—74) stützt. Eine Art Ergänzung bildet Roses «Aristotelis pseudepigraphuso (Lpz. 1863). Von den verloren gegangenen Werken des A. (vgl. Brandis, De perditis Aristotelis de ideis libriso, Bonn 1823; Em. Heitz, „Die verlorenen Schriften des A.v, Lpz. 1865) ist der Verlust aller 1 rt der Platonischen Schriften mehr an das große Publikum gerichteten Werke, unter den Lehrschriften, die sonst allein in unfertigem Zustande erhalten sind, besonders derjenige der Politienoꝰ, eines Werks über 158 alte Staatsverfassungen, Gesetze, Verordnungen u. dgl., der empirischen Ergänzung der erhaltenen «Politik' zu beklagen. Vgl. Stahr, „Die % der Aristotelischen rum ordine et autoritaten (Lpz. 1854); Bonitz, Aristotelische Studien‘ (4 Bde., Wien 1862—66). Die noch erhaltenen Schriften des A., zu welchen leider von den für das weitere Publikum bestimmten, z. B. den Dialogen, Untersch gehört (obwohl die von den Alten verfolgte Tdurchnsm in exoterische und esoterische Schriften durchaus nicht streng gewesen zu sein scheint und keinesfalls eine Verschie111107 der Lehre involviert hat), zeigen in ihrer stilistischen Durchführung durchaus kein gleichartiges Gepräge. Selbst innerhalb der einzelnen Schriften machen einige Partien den Eindruck einer vollständig für die Publikation bestimmten Ausarbeitung, während andere Teile wieder mehr umrißartig stziert sind; noch andere endlich lassen die Vermutung entstehen, daß sie die Aufzeichnungen des Lehrers zum Behufe seines Vortrags gewesen sind an manchen Stellen auch wohl, wie namentlich die Eudemische Ethik, aus den Nachschriften seiner Zuhörer entstanden oder wenigstens mit Hilfe derselben überarbeitet sind. Seine gesamten Schriften verteilen sich nach der Gliederung des Aristotelischen Systems in vier Klassen, von denen die erste die lagiß propädeutischen, die zweite die metaphysischen und naturwissenschaftlichen, die dritte die ethischen Werke, die vierte nur die Poetik und Rhetorik enthält. Die Bücher der ersten Klasse D3 von den Schülern des A. unter dem Namen des „Organono zusammengefaßt; es umfaßt die Schriften von den Kategorien, De interpretationep, die beiden Analytikeno, die Topikar und das Buch aliber die rn Sese der Sophisteno. Die Echtheit der ersten beiden ist angezweifelt; das ganze Organono hat Waitz (2 Bde., Hannov. 1844—46) herausgegeben, Zell (7 Bdchn., Stuttg. 1836—41) übersetzt; die Kategorieno haben Zenker (Lpz. 1846) und Bekker (Berl. 1843) Wten, gegeben. Die «Kategorieno und die »Analytikeno hat Kirchmann übersetzt (Lpz. 1876—79). Von den Schriften zur terste Phil Philosophie ist die Me⸗ (4WB80 oder erste 9. Bonf von Schwegler (4 Bde., Tüb. 1847—48), Bonitz (2 Bde., Bonn 1848—49), die Physiko von Bekker Verl. 18⁴3) und Prantl (Lpz. 1879), deutsch von Weise (Lpz. 1829), die Tierkundey mit Übersetzung von Aubert und Wimmer (2 Bde., Lpz. 1868), die Zeugung und Entwickelung der Tierey (mit übersetzung) von Aubert und Wimmer (Lpz. 1860), die Meteorologier von Ideler (2 Bde., Berl. 1834), die Drei Bücher von der Seeler von Trendelenburg (2. Aufl., Berl. 1877) und Torstrik (Berl. 1862) herausgegeben und von Kirchmann (Lpz. 1872) übersetzt. Aus der praktischen Philosophie ist die »Nikomachische Ethiko von Zell (2 Bde., Heidelb. 1820), Michelet (Berl. 1829—35), Bekker (3. Aufl., Berl. 1861), Ramsauer (Lpz. 1878) herausgegeben, ins Deutsche von Garve (2 Tle., Bresl. 17981806) und Kirchmann (Lpz. 1876) übertragen; die «Politiko von Göttling Jena 1824), Bekker (Berl. 1855) und Susemihl 6 pz. 1872), deutsch von Garve (2 Tle., Bresl. 1794—1802), Lindau (ls 1843) und Bernays (Berl. 1872) erschienen. Die Poetiko liegt in Conversations-Lexikon. 13. Aufl. I. Ausgaben von G. Hermann Lpz. 1802), Vahlen (Berl. 1874), Christ Feen die »Rhetoriko von Spengel (Lpz. 1844), beide zusammen von Bekker Berl. 1859) vor; erstere ist von Susemihl (2.Aufl., pz. 1874) und M. Schmid: (Jena 1875), letztere von Stahr (Stuttg. 1862), beide zusammen von Knebel (Stuttg. 1840) ins Deutsche übertragen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 895Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 1

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Literatur & Sprache 6