Abfuhr, f. charriage, m. engl.carrying, conveyance. Im Allgemeinen die Thätigkeit des Abfahrens. In Gesundheitspflege und Verwaltungswissenschaft nennt man so zunächst die Entfernung aller „Abfallstoffe“ (s. d.). Insbesondere aberbezeichnet Abfuhr, Abfuhrsystem, frz.systeème, m. dés fosses mobiles, engl. sewage, die Entfernung der Fäkalmassen, d. h. des Inhaltes der „Abtrittsgruben“, (s.d.), in großen Tonnen od. ähnlichen Gefäßen. Die möglichst schleunige, unbemerkbare und weite Entfernung sowol der Abfälle des Konsumes u. der Fabrikation wie der Fäkalstoffe ist aus Gesundheitsrücksichten geboten, weil beide Stoffe zu mehr od. minder schnellen Zersetzungen neigen, wobei sie dann Brutstätten, nicht nur für Fäulniserreger, sondern auch für Verbreiter ansteckender Krankheiten werden (s. Desinfektion), ferner weil sie giftige Stoffe enthalten (Arsen, Bleiverbindungen u. s. w.) oder der Selbstentzündung ausgesetzt sind (feuchte Lumpen). Die Abführung der genannten Stoffe bis in unschädliche Entfernung wird auf sehr verschiedene Weise ausgeführt: a. die schlechteste Art ist, alle festen Abfälle der Nachbarschaft auf einen (Dünger-) Haufen zu werfen, und die flüssigen mittels offener RRinnenabfließenzu lassen. — b.besserist es schon‚ wenn eine Auswahl getroffen wird, so daß man die weniger unangenehmen und schädlichen Wasch- und Spülwässer in offenen Rinnen abfließen läßt, welche letztere dann täglich mit reinem Wasser ausgespült u. gefegt werden müssen, während man unangenehmere Stoffe, wie die stäubende Asche, den übelriechenden Haus- und Küchenkehricht, den Inhalt der Abtrittsgruben und den Urin auf besondere, verschiedene Weise beseitigt, durch Wegtragen in, zu bestimmter Zeit vorüberfahrende, Wagen, durch theilweises Ansammeln auf der Straße in Haufen und theilweise verdeckte Entfernung in Wagen, nebst theilweisem Ab fließen in unterirdischen Kanälen. Diese Art der Entfernung ist immer noch sehr roh und vielfach unangenehm, hat aber den Vortheil, daß die Dungstoffe für Garten und Feld gewonnen werden u. die Einrichtung nicht sehrtheuer ist. Freilich ist sie so gut wie gar nicht zu überwachen, weilzu zahlreiche Personen nach einanderod. gleichzeitig thätig sein müssen. In Deutschland ist diese Art der Abfuhr in den meisten Städten verbreitet. In Frankreich pflegt man für die wenig nachtheiligen Wirthschaftswässer kurze offene Rinnen als Einführungen u. lange unterirdische Kanäle als eigentliche Abzugsmittel zu verbinden, während die festen Stoffe besonders entfernt werden. — C. In England, Hamburg, Brüssel, Danzig, Frankfurt hat man für alle flüssigen u. halbflüssigen Stoffe, also für Wirthschaftswässer, Urin, Fäkalmassen, Regen-u. Schneewasser ein durch kurze Ansatzrohre im Innern der Häuser mündendes System unterirdischer Kanäle, der „Schwemmsiele“ (s. d.)“ eingeführt, und nur für Asche, Sand, trockenen Kehricht u. Bauschutt noch d.Abfuhr beibehalten. Dieses Schwemm-⸗ system ist für die Bewohner der Häuser dann sehr gefährlich (durch Entwickeln des Darmtyphus), wenn die Ansatzrohre nicht gut verschlossen sind, während er ohne alle Gesundheitsnachtheile bleibt, vielmehr den Hausbewohnern das Erhalten guter Luft ermöglicht, wenn durch doppelten Wasserschluß (s. d.) das Eindringen der Kanalluft in das Haus vollständig vermieden wird. Da reichliches u. kräftiges Spülen der Kanäle mittels Wasser unbedingt nothwendig ist, so ist mit dem Schwemmsiel die Wasserleitung unzertrennlich und die für den Hausbewohner angenehme Einrichtung der Waterclosets nicht nur erlaubt, sondern fast geboten. Das ganze System ist der Gesundheitspflege sehr förderlich, wenn es gut ausgeführt wird, und spart in großen Städten jährlich Tausende von Erkrankungen und Hunderte von Todesfällen. Sein größter Vorzug ist die durch wenige Personen leicht auszuführende Ueberwachung. Der Preis für die Herstellung ist hoch, für die Unterhaltung mäßig; im Allgemeinen ist es theurer als das unter berwähnte System der Auswahl, und billiger als das unter d zu besprechende System der reinen Abfuhr. Der bedeutendste Einwand gegen d. System der ausschließlichen Abführung durch Schwemmsiele besteht darin, daß alle Dungstoffe den Feldern u. somit auch dem Staatshaushalt verloren gehen, was z. B. in London täglich 140 Tons beträgt. Haben übrigens die Schwemmsiele nicht genügenden Fall, werden sie nicht kräftig mit Wasser ausgeschwemmt und ist engen Straßen der Bewohnerschaft sehr nachtheilig werden. Ferner muß der Inhalt der Siele weit von der Stadt weggeführt werden, soll er nicht die Umgebung der Stadt verpesten und das Wasser des Flusses, in welchen man ihn einzuführen pflegt, verderben. Neuerlich hatman diesen Uebelständen zu begegnen u. den Inhalt der Siele zugleich nutzbar u. unschädlich zu machen gesucht, indem man ihn durch „Berieselung“ (s. d.) zum Düngen von Wiesenflächen verwerthete. — d. Das System der ausschließlichen Ab-⸗ fuhr. Bei diesem System wird Alles gesammelt und dann gemeinsam auf die Felder als Dünger gebracht. Hier geht nichts verloren, die Abfälle werden also in bester Weise benutzt, und daher ist er in solchen Städten des flachen Landes, wo die Bewohner meist Ackerbauer sind, eingeführt; ebenso in Gratz, Flandern, China, Japan. Auch bei ausschließlicher Abfuhr kann die Einrichtung verschieden sein. Meist mündet das Fallrohr des Abtrittes in ein weites Gefäß (Holztonne, Cylinder aus Zinn od. verzinntem, sehr starkem Eisenblech oder emaillirtem Eisen), in dessen Deckel eine Oeffnung ist, die mittels eines Schlauches mit dem Fallrohr luftdicht verbunden ist. Dieses Aufnahmegefäß wird von Zeit zu Zeit gewechselt. Zu diesem Zweck muß statt der Abtrittsgrube eine halb unterirdische, von außerhalb des Hauses zugängliche, gegen das innere Haus luftdicht verschlossene Kammer eingerichtet werden, welche Raum genug bietet, daß zwei Männer das leere Gefäß statt des gefüllten luftdicht unter dem Fallrohr des Abtrittes anbringen, und das gefüllte luftdicht für d. Transport verschließen können. Dies wird meist durch Verstreichen des Deckels mit Lehm und Einschieben eines Holzkeiles unter eisernem Bügel, auch wol durch Aufschrauben des unten m. Filz beschlagenen Deckels hervorgebracht, also mit sehr geringem Aufwand an Zeit und Kosten. In Frankreich ist der eiserne Cylinder mit einer Siebscheidewand versehen, welche ihn der Längsachse nach in einen größeren und kleineren Theil scheidet (also auf der Grundfläche ein Segment abschneidet); dieses Trennungssieb (Diviseur) läßt Urin und andere Flüssigkeiten in den kleineren Theil und aus diesem in den Kanal laufen, während die festen Exkremente, Papier u. dgl., im größeren zurückbleiben. Für einzelne Gebäude oder Gebäudekomplexe in einer größeren Stadt oder auf dem Lande entspricht die ausschließliche Abfuhr, bei sehr sorgfältiger Ueberwachung, jeder Anforderung der Gesundheitspflege. Der Innenraum d. Aufnahmegefäße kann desinfizirt werden; völlig luftdichter Verschluß und luftdichte Fallrohre sichern vor üblem Geruch; Verbindung der Fallrohre mit einem Abzugsrohr, in welchem eine Gasflamme brennt, läßt die Abortbrille sogar saugend, also luftabführend und dadurch indirekt luftreinigend wirken; endlich gehen die Fäkalstoffe nicht verloren, sondern können den Feldern sämmtlich zugeführt werden. Ganz anders stellen sich die Verhältnisse, wenn in einer ganzen Stadt die Abfuhr eingerichtet werden soll. Ist die Stadt eng gebaut, so fehlt es an Raum für die Aufnahmegefäßkammer; der Zugang zu dieser Kammer ist dann nicht von außen u. zu ebener Erde, sondern vom Innern des Hauses und über die Treppe; ein Pesthauch übler Dünste ergießt sich in das Haus, sobald der Verschluß nicht tadellos luftdicht ist u. beim Transportiren der schweren Gefäße über die Treppe wird wol auch von deren eklem Inhalt verschüttet. Dazu kommt die für den Einzelnen nicht unbedeutende Ausgabe, welche für die erste Einrichtung der in eine Aufnahmegefäßkammer umzuwandelnden Grube, mindestens 120 Mk. fürzwei Tonnen, und Anschluß unter das Fallrohr, mindestens 6075Mk., erheischt; die Unterhaltungskosten sind noch erheblicher. Etwas niedriger stellen sich die Kosten bei einer neuerdings aufgetauchten Art der Abfuhr. Es wird hier das Ansammlungsgefäß nicht gewechselt, sondern bei beabsichtigter Entleerung mit dem Wagen durch einen Schlauch oder ein Röhrensystem verbunden, und mittels einer Pumpe oder mittels Luftdrucks wird der Inhalt des Gefäßes in einen auf dem Abfuhrwagen ruhenden eisernen Cylinder, der ähnlich einem Dampfkessel konstruirt ist, fast ganz geruchlos und ziemlich schnell eingesaugt. Die Neuheit der Sache, die ziemlich bedeutenden Kosten und die schwierige Ueberwachung erschwerten bis jetzt die vollständige Einführung dieses Systems in größeren Städten, wo auch der Absatz des wasserreichen und daher nur wenig düngenden Inhalts der Gefäße nur schwer zu erreichen ist, besonders so lange die Magistrate solcher Städte, in Vorurtheilen befangen, es verbieten, daß man die durch das erwähnte Theilungssieb gesonderten wässerigen, bei Waterclosets namentlich sehr verdünnten Theile durch das allgemeine Schleusensystem der Stadt mit dem Regenwasser, Gußsteinwasser 2c. abfließen läßt. — Eine Abart der Abfuhr ist das System von Liernur, s. „Kanalisation“. Rm.