FeedArsenikalkies
NaturlehreBrockhaus 1882

Arsenikalkies, s. unter Arsen. Arsenikesser. Obwohl das Arsen in fast alleu seinen chem. Verbindungen ein sehr heftiges 9 ist, können doch kräftige Personen selbst den oft wiederholten Genuß desselben ertragen, wenn es in sehr kleinen Mengen eingeführt wird, und in Steiermark, Salzburg und Tirol sogar die Unsitte, Arsenik zu essen, jenit verbreitet. Die A. nehmen den weißen Arsenik (Hedri, Hidri, Hüttenrauch) einigemal wöchentlich nüchtern in sehr kleinen Mengen und steigern dann allmählich die Gabe, wenn das Gift in der gewohnten Dosis nicht mehr wirkt. So kommen einige bis zu Gaben von 0,8 g und darüber. Der Zweck ist dabei, ein gesundes, frisches Aussehen, Wohlbeleibtheit, größere Ausdauer bei Anstrengungen, insbesondere beim Bergsteigen, zu erlangen, und wirklich scheint es, als ob dies wenigstens teilweise erreicht würde. Hat man sich einmal an den Giftgenuß uchs hins so macht jedes Aussetzen des Giftgebrauchs hinfällig und krank, sodaß diese Menschen immer von neuem zu dem Gifte greifen müssen. Kräftige und unverwüstliche Naturen, wie man sie unter den Alplern findet, ertragen solche Gewohnheit oft sehr lange, ausnahmsweise bis ins hohe Alter, sofern sie darin Maß zu halten wissen; andere verfallen früher oder später dem Siechtum einer chronischen Arsenikvergiftung. Auch sind akute Vergiftungsfälle aus unvorsichti20 Gebrauche gar drehh selten in jenen Ge enden. uch Pferden und selbst dem Schlachtvieh wird dort vielfach Arsenik gereicht, um ihnen ein besseres Aussehen und mehr Fülle zu geben, und diese Tiere vertragen verhältnismäßi I Gaben. Doch nehmen sie nur an äußerer Fa e, nicht aber entsprechend an Fleisch und Fett zu und erkranken, sobald ihnen das Arsenik nicht — gereicht wird. Arsenikvergiftung. Alle Arsenverbindungen wirken in hohem Grade giftig auf den Organismus, trotz 4* im übrigen 10 verschiedenen Eigenschaften. Nur die Schwefelverbindungen des Arsens (Realgar und Auripigment) scheinen im chemisch reinen Zustande keine Vergiftung zu veranlassen, wahrscheinlich wegen ihrer Unlöslichkeit im Magen- und Darmsaft. Da sie aber im Handel fast immer mit arseniger Säure verunreinigt vorkommen, so dürfen sie ebenfalls als Gifte gelten. Reines metallisches Arsen, arsenige und Arsensäure nebst ihren Salzen, insbesondere arsensaures Natron und arsenigsaures Kupferoryd (Scheelesches Grün), Arsenwasserstoff und Kakodyloxyd sind sämtlich heftige Gifte und wirken alle in gleicher, nur dem Grade und der Zeit nach etwas verschiedener Weise. Im lettene sind die A., wenigstens die absichtlichen, jetzt seltener als früher, da man in den narkotischen Mitteln ebenso sichere und dabei weniger schmerzhaft wirkende Gifte gefunden hat. Zufallige Vergiftungen kommen indes noch häufig genug vor, namentlich mit der arsenigen Säure, dem sog. weißen Arsenik, und mit den arsenikhaltigen Farben u. s. w. Die Ahnlichkeit des weißen Arseniks mit Zucker, seine Farbe und Geruchlosigkeit, der wache, bei Vermischung mit Speisen ganz verwin ende Geschmack machen ihn zu einem desonders gefährlichen Gifte. Besteht aber einmal Verdacht auf eine Vergiftung, so ist kein Gift chemisch mit größerer Bestimmtheit nachzuweisen als das Arsen, und selbst Laien können dasselbe z. B. in Tapeten, Kleiderstoffen u. s. w. mit Sicherheit finden, da schon der Knoblauchgeruch beim Verbrennen das heicheinlich. des Gifts anzeigt. Es ist höchst wahrscheinli h, daß sämtliche Arsenpräparate im Organismus in ein und dieselbe, übrigens noch werd unbekannte chem. Verbindung ubergeführt werden, welche nun Mie Aurr erst die giftigen Wirkungen hervorbringt. Die Aufnahme des Gifts eschieht in den meisten Fällen vom Magen und arm aus sie kann aber auch von der Haut aus und durch Einatmen von Arsendämpfen und Arsen-Auf die äußere Haut gebracht, ruft die arsenige Säure, sobald sie sich zu lösen — — eine hestie Entzündung und Blasenbildung Woer Ist die Haut der schützenden Oberhaut Epidermis) beraubt, oder wird das —— auf eine Geschwürsfläche gebracht, so ist die Wirkung noch heftiger, und die Entzündung steigert sich schnell zum Brand. Man benutzt daher die arsenige Säure als Atzmittel, um krankhaft entartete Hautstellen, bösartige Geschwüre, Krebse u. s. w. gründlich zu zerstören. Im unde verrät sich die arsenige Säure nur durch einen Reae süßlichen Geschmack. Gelangen sehr kleine engen arseniger Säure (3—5 mg) in den Magen, so stellt sich meist ein leichtes brennendes am Er in der Magengegend ein, welches zu reichlicherm Essen veranlaßt, daher man früher sehr irrig die arsenige Säure für ein magenstärkendes Mittel brung ulen gehalten hat. Wiederholt sich die Einfü rung kleiner Mengen des Gifts sehr oft, so tritt endlich eine dauernde Störung der Verdauung, Appetitlosig⸗ [keit, Druck und Schmerz in der Magengegend ein. Die Mund-aund Rachenschleimhaut wird trocken, es zeigt alf ein Gefühl von Trockenheit und Brennen im Halse, Heiserkeit, bisweilen Speichelfluß oder Geschwürsbildung im Munde. Die Appetitlosigkeit steigert sich allmählich zum Ekel. Erbrechen, Leibschmerz, Diarrhöe treten hinzu, und infolge der dadurch bedingten mangelhaften Ernährung wird allmählich der ganze Organismus in Mitleidenschaft gezogen. Schon 7⁷ tritt oft ein trockener Husten, bisweilen mit blutigem Auswurf, und Atemnot hinzu. Der Puls wird frequent, die Haut Rhs und trocken, der Schlaf unruhig, mit ängstichen Träumen, kurz alle Zeichen einer schweren, konstitutionellen Krankheit entwickeln sich. Unter fortschreitender Abmagerung bilden sich wassersüchtige Anschwellungen, Hautausschläge oder Geschwüre mit Brand, Haare und Nägel fallen bisweilen aus. Schon früher oder erst sezt stellen sich Gliederschmerzen, Zittern, Zuckungen oder Lähmungen ein, das Gedächtnis und alle Geisteskräfte aukommn ab, und endlich tritt, bisweilen 27 ukommender Lungentuberkulose, der Tod ein. Hört ie Einführung des Gifts noch zeitig genug auf, so kann mehr oder minder vollständige eilung eintreten; Oie bleiben jedoch unheilbare Folgen sen ie Behandlung hat sich, neben der strengten Verhütung abermaliger Einwirkung des Gifts, lediglich nach den eben 8 Hauoig Krankheitserscheinungen zu richten. Das auptgewicht ist aber auf die Hebung des Kräftezustandes durch eine reizlose, eiweiß-und fettreiche Nahrun zu Rer Außerdem kann man, wie bei chronischen Y etallvergiftungen, warme Bäder in Anwendung bringen. Die beschriebene Form der A. unterscheidet man als chronische von der akuten A., welche infolge von einmaliger oder rasch wiederholter Ein rung einer größern Quantität arseniger Säure auftritt. Je nachdem das Gift gelöst oder ungelöst eingenommen wird, tritt nach einigen Minuten oder erst nach längerer Ene heftiges Erbrechen zunächst von genossenen Speisen, weiterhin von galliger oder selbst blutiger Flüssigkeit ein. Gleichzeitig stellt sich das Gefühl von großer Trockenheit, Brennen und Zusammens chnüren im Schlunde nebst Schlingbeschwerden und heftiger Schmerz in der Magengegend ein. Der letztere verbreitet sich bald ber den ganzen Leib, welcher aufgetrieben erscheint heftige Diarrhöe, zum Teil von blutiger Flüssigkeit, gesellt sich Puls Dabei wird die Haut kalt und kleberig, der uls unregelmäßig, klein und frequent, das Atmen rasch und mühsam. Bisweilen zeigen sich Harnbeschwerden und Blutharnen, kurz das ganze Krankheitsbild hat große Ahnlichkeit mit der Cholera und Faher bereits mit dieser verwechselt worden. er oder später treten Zittern, Krämpfe, Ohnmachten hinzu. In andern Fällen treten die Erben mehr vom Magen und Darm zurück hinter den mehr nervösen Symptomen, d. h. Muckel Kopfschmerz, Delirien, Ohnmachten, uskelschwäche, Krämpfe, Lähmung, Unempfindlichkeit, und der Tod erfolgt weit vascher, bisweilen schon nach einigen Stunden. Meist jedoch endet die Ver⸗ — erst • bis drei Tagen mit dem Tode, esonders 4* der Magen⸗ und Darmentzündung. Nur sehr rasche Hilfe kann bisweilen noch retten, und es ist dann vollständige Genesung 4.5. lich; bisweilen jedoch bleiben einzelne Leiden, z. B. verlan der W rück. Nicht immer ist der Krankheitsverlauf der A. ein so charakteristischer, daß derselbe nicht mit andern Krankheiten verwechselt werden könnte, und es gehört daher stets der bestimmte Nachweis des Gifts im Erbrochenen oder in der Leiche dazu, um mit Sicherheit eine Vergiftung behaupten zu können. Dieser Nachweis des Arseniks im Mageninhalte gelingt in der Regel leicht, wenn es in hinreichender Menge eingefürrt wurde. Die kleinen, griesähnlichen, weißen Körnchen sind geradezu charakteristisch. In allen Fällen wird man sich jedoch noch des von Marsh angegebenen Verfahrens (s. unter Arsen) bedienen, um das Vorhandensein von Arsenik absolut festzustellen. Mittels desselben kann das Arsen in längst begrabenen Leichen mit Sicherheit noch nachgewiesen werden. Die Behandlung der akuten A. hat zunächst die schleunigste Wiederentfernung des Gifts aus dem Organismus und, soweit dies nicht möglich, seine Neutralisierung durch Gegengifte, sodann die Heilung der trotz alledem eingetretenen Krankheitserscheinungen zu bezwecken. Sobald Arsenik genommen worden ist oder wenigstens dringender Verdacht der Vergiftung besteht, suche man vor allem Erbrechen herbeizuführen durch Kitzeln des Schlundes und reichliches Trinken von lauem Wasser, lauer Milch, Eiweißlösung, Olivenöl oder irgendwelchem schleimigen Getränke. Zugleich reiche man Brechmittellschwefelsaures Zinkoxyd, Ipecacuanha), oder man bediene sich, wo dies gerade möglich ist, der Magenpumpe. Wenn das Gift ungelöst genommen worden, wie dies z. B. bei der schwerlöslichen arsenigen Säure meist der Fall ist, so kann auf diese Weise oft der größte Teil desselben wieder entfernt werden. Um die arsenige Säure, die am haäufigsten bei der akuten Vergiftung in Betracht kommt, im Magen und Darm unschädlich — machen, gibt man Eisenoxydhydrat mit heißem Wasser gemischt in möglichst großen, oft wiederholten Gaben, oder in * ben Weise das durch Anrühren der gebrannten Magnesia mit Wasser gewonnene Magnesiahydrat so lange, bis das heftige freiwillige Erbrechen nachläßt oder man sonstwie annehmen darf, daß das Gift genügend neutralisiert sei. Bei Ver938 06 mit Arsensäure verfährt man ebenso. das Gegengift der arsenigen Säure 19055 tidotum arsenici) der deutschen Pharmakopöe wird dargestellt, indem 60 Teile Liquor ferri sulfurici oxydati mit 120 Teilen Wasser verdünnt, andererseits 7 Teile gebrannte Magnesia mit 120 Teilen Wasser innig verrieben und beide Flüssigkeiten gemischt werden; es wird nur zum augenblicklichen Gebrauch bereitet. Dagegen ist bei Vergiftungen mit arsenigsauren Salzen das Ferrum hydrico-aceticum in aqua, eine Mischung von zwei Teilen Eisenorxydhydrat und einem Teil essigsaurer Esfelweite vorzuziehen, und zwar wird dasselbe eßlöffelweise gereicht. Die Hauptvorschrift für den Laien i bei diesen wie bei allen raschen Vergiftungen folgende: Man schicke sofort gleichzeitig zum Apotheker und zum Arzte und übersende, wenn noch ein Teil des angewandten Gifts vorhanden ist, dasselbe dem Bifte sonitt oder wenn man von dem genommenen Gifte sonstwie Kenntnis hat, melde man wenigstens dies, damit sogleich das Gegengift herbeigeschafft werden kann und der Arzt dasselbe bereits zur Anwendung vorfindet. Bis der Arzt kommt, befördere man das Brechen auf alle Weise und reiche, wenn die Ankunft des Arztes sich verzögert, das Gegengift sofort selbst.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 2, S. 11Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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