FeedAusstellung
Recht & StaatBrockhaus 1882

Ausstellung, öffentliche, als Strafe, s. unter Pranger. ö‚ Kulturleben, insbesondere aus der industriellen Entwickelung der Völker hervorgegangene Instituobwohl die Erfange derselben bis in die Mitte des rakteristi einung des 19. Jahrh. darstellt, 18. Jahrh. zurückreichen. In materiellem Sinne felberi t, beruht das Ausstellungswesen auf dem⸗ — en Prinzip wie das in der Neuzeit zu enormem mfang erweiterte Inseratenwesen und die fast zum Kunstzweig ausgebildete Dekoration der Schaufenster; vom idealen Gesichtspunkt sollen die A. als Triebfedern der geistigen Regsamkeit, als Förderungsmittel der Kunst, des Gewerbfleißes, der fachmännischen wie der allgemeinen Bildung dienen. In dem Maße, als im staatlichen Leben der Völker die wirtschaftlichen Interessen in den Vordergrund Eeuba und infolge des durch den Ausbau der isenbahnnetze herbeigeführten Umschwungs in den eutbehrlich geworden die alten Märkte und Messen entbehrlich geworden sind (speziell in Deutschland seit dem Zusammentritt des Zollvereins), ist die dem Ausstellungswesen zu Grunde liegende Idee in das nationale Leben eingedrungen. Durch den kritischen Zeitgeist der Gegenwart sind die A. in ein förmliches System gebracht worden. Mit Rücksicht auf sachliche, zeitliche und 5 5 Ausdehnung unterscheidet man Privat⸗ und Kollektiv⸗, Spezial- und allgemeine, Kunst⸗, Industrie⸗ und landwirtschaftliche, periodische und permanente, lokale, nationale und internationale A. Die Privatausstellung kennzeichnet sich dadurch, daß die eingesendeten Gegenstände das Eigentum einzelner oder auch mehrerer solidarisch verpflichteten Personen (Firmen, Gesellschaften u. s. w.) sind, er Beremig die Obiekte der Kollektivausstellung einer Vereinigung von Personen, die nicht solidarisch verpflichtet zu sein brauchen, angehören. Während die allgemeine A. das ust die Spe der produktiven Thätigkeit begreift, ist die Spezial⸗ oder Fachausstellung einer bestimmten Branche gewidmet. Die Kunstausstellungen umfassen außer den Werken der bildenden und graphischen Künste häufig auch Erzeugnisse des Kunstgewerbes, namentlich Gold⸗ und Silberarbeiten, Medaillen, Gefäße u. s. w.; durch die Industrieausstellungen werden alle Zweige der gewerblichen ishen Sei von Anf künstlerischen wie von ihrer technischen Seite zur Anschauung gebracht; auf den landwirtschaftlichen A. sind die direkten und indirekten Produkte, Geräte und Maschinen des Acker⸗ und Gartenbaues vertreten. Während die periodischen A. in mehr oder minder oder an er-Zwischenräumen an dem gleichen Ort oder an verschiedenen Orten wiederkehren, haben die permanenten A. beinahe den Charakter von Renttchhen dar oder Museen, von denen sie sich im wesentlichen dadurch unterscheiden, daß ihre Gegenstände von Zeit 15 Zeit durch andere ersetzt werden. Aus den das okale Gepräge am deutlichsten zeigenden A. der Städte haben sich die der Bezirke und Provinzen, aus den letztern die Landesausstellungen gebildet. Durch das Zusammenwirken Gener Länder sind die internationalen, durch die Gemeinschaft aller Kulturvölker die die weiteste ansdelinden des Begriffs repräsentierenden Weltausstellungen entstanden. Gegenwärtig haben die A. fast in der ganzen civilisierten Welt die Runde gemacht; selbst das afrik. Kapland und die Hauptstädte Australiens sind mit in die Schranken getreten. Die fortschreitende, wenngleich durch politische, kommerzielle und finanielle Verhältnisse beeinflußte Entwickelung des usstellungswesens geht am deutlichsten hervor ˖aus einer vergleichenden Übersicht der Ziffern, welche die sieben 5dans A. aufweisen. ‚ Die erste Weltausstellung in London im J. 1851 wurde von 13 938 Ausstellern beschickt und von 6039 195 Personen besucht; in Paris erschienen 1855 21 779 Aussteller und 5 162 330 Besucher, in London 1862 28 653 Aussteller und 6211103 Besucher, in Paris 1867 42 217 Aus⸗ +. und 8 805 991 657 Desz in Wien 1873 39500 ussteller und 7254687 Besucher, in Philadelphia 1876 26 986 Aussteller und 9857625 Besucher, in Paris 1878 über 50000 Aussteller und 12624 100 Besucher. Die Weltausstellungen sind es namentlich, durch welche der Charakter der verschiedenen Cpochen aufs klarste zum Ausdruck gebracht wird. Während früher auf den A. die Maschinen nebensächlich figurierten, treten sie in ic it d Zeit geradezu dominierend auf, und zugleich ist diesenige Form gefunden worden, durch welche die Betrachtung derselben für den Laien eigentlich erst nutzbar gemacht wird. Man begnügt sich nicht mehr damit, einzelne kleine Maschinen vor den Augen der Menge funktionieren zu lassen, man setzt vielmehr ganze Fabriken in Betrieb, in denen das Publikum irgend ein Rohprodukt den Prozeß bis zum vollendeten Fabrikat durchmachen sieht. Einige Branchen des aschinenwesens, die früher kaum für ausstellungsfähig gehalten wurden, wie der Lokomotiv- und Dam sichitbau, sind jetzt in einer Weise vertreten, daß sie ein allseitiges Interesse und vielfach Bewunderung erregen. Im allgemeinen hat man gelernt, mehr Sorgfalt auf die übersichtliche Einteilung und das gefällige Arrangement der auszustellenden Gegenstände zu verwenden, und wenn man auch heute noch nicht berechtigt ist, von einer vollständig entwickelten Theorie des Ausstellungswesens zu sprechen, so haben sich doch aus den Ge. wonnenen Erfahrungen eine Anzahl wichtiger Gesichtspunkte ergeben, die bei der Inscenierung künftiger A. maßgebend sein werden. Die 34 m ihver lung von 1867 war die erste, welche in ihrer Anordnung das retrospektive Prinzip zur vollsten Geltung brachte und damit ein für die Kulturgeschichte hochwichtiges Moment in das System des Ausstellungswesens einführte. Durch die A. seit 1870 sind die itlihe Fortschr Regeneration, der naturwissenschaftliche Fortschritt, die Errungenschaften der Erziehungs⸗ und Gesundheitslehre aufs änzendste illustriert worden. An jede größere A. nüpft sich das Auftreten irgendeiner epochemachenden Erscheinung, die entweder zur Zeit vollständig neu war, oder durch wesentliche G5 Rehoren die den Charakter der Neuheit erhielt. Es — ören Gegendie Kunstarbeiten Indiens, die zahlreichen Gegenstände in Glas und Thon, an denen die Umdrucktechnik so Großes geleistet hat, die Glas⸗ und Sgraffitomalereien, die Cloisonnée-Emails, das als pate-sur-pate bezeichnete Dekorationsverfahren, die Erzeugnisse des berliner Kunstgusses, die engl. Werkzeugmaschinen u. s. w. Wiederholt ist die Frage e A. gebote worden, ob und inwieweit die durch die A. gebotenen Vorteile die Nachteile derselben Überwiegen. Sie verursachen einen erheblichen Aufwand an Zeit, Mühe und Kosten, stören den ruhigen Gang des Geschäftslebens, unterstützen gewissermaßen den Hang zu einer herumziehenden Lebensweise und nähren den falschen Ehrgeiz durch Prämiierungen, die nicht immer auf die Mei rteilen basieren. Dagegen sind die A. die Meilen 4* des Fortschritts, die Gradmesser für die Soöhe er Produktionsfähigkeit genannt worden. Sie spornen den Wetteifer an, in der Schönheit oder Zweckmäßigkeit der Arbeit das Höchste zu erreichen; sie lehren den Markt kennen, bilden den Geschmack und das Urteil, indem sie instruktive Vergleiche gestatten, und orientieren über die herrschende Zeitrichtung; sie vermitteln auf allen Gebieten des Könnens einen kosmopolitischen Austausch; sie stellen den Wert der Arbeit in imponierender Weise dar und erzielen dadurch einen dreifachen Gewinn: innerhalb der künstlerischen und gewerblichen Kreise ein uan lehr elbstvertrauen, außerhalb derselben einen lehrreichen Einblick in alle Sphären des Schaffens, auf beiden Seiten Überwindung der Vorurteile für oder gegen die vaterländische Then K Wenn in Bezug auf die A. gesagt worden ist, daß sie wenig Neues bieten, r trifft dies nur für diejenigen Besucher zu, denen ihr Beruf Gelegenheit gibt, sich durch Fachjournale, Patentschriften u. s. w. über jede Neuheit sofort nach dem diese it es derselben zu instruieren; allein selbst ben diese ist es von nicht geringer Wichtigkeit, auf den A. in natura zu sehen, was ihnen bisher nur durch Beschreibung und Abbildung bekannt war. Mancher Fachmann erhält hier ganz unerwartete Fingerzeige für seinen Beruf, indem er die Verfahrungsarten anderer Der wird davo kennen lernt, und mancher Erfinder wird davor bewahrt, Zeit und Geld an die Ausführung einer Idee zu wenden, die er hier bereits verkörpert sieht. Die ahrendn Entwickelung der Gewerbe verdankt den A. ihre rasche Förderung; viele Zweige derselben sind durch sie entweder ins Leben gerufen oder weitern Kreisen zugänglich gemacht worden. Durch die A. werden Einblicke in die wirtschaftlichen Verhältnisse aller Industriestaaten eroffnet, wie sie durch das eifrigste Studium der Ein⸗ und Ausfuhrtabellen, der Konsularberichte u. s. w. nicht gewonnen werden, und zur Beratung mancher wirts chaftlichen eselben haben die A. Anlaß gegeben. Endlich sind dieselben auch von polit. und humanitärer Bedeutung, indem die civilisierten Nationen der Welt einander näher geführt werden und sich in ihren speziellen wie in ihren gemeinsamen Interessen verstehen und würdigen lernen; sie dienen somit der großen Kulturaufgabe, den Menschen zum Weltbürger zu erziehen und die Völker durch das Band des Friedens zu verbinden. Damit die A. ihrer vielseitigen Bestimmung entsprechen, dürfen sie jedoch nicht in ein bloßes Schaugepränge ausarten; sie müssen die m auch die udenn wie sie wirklich ist. Mit Recht ist auch die Forderung aufgetreten, insbesondere die Weltausstellungen nicht so schnell aufeinander folgen zu lassen, wie dies in neuester Zeit geschah, einesteils des bedeutenden Kostenaufwands wegen, andernteils damit man auf allen Seiten Zeit gewinnt, aus den Ergebnissen Nutzen zu ziehen. „Die Resultate der A. werden in Rhielen Berichten zusammengefaßt, die mit den in Büchern und Zeitschriften erscheinenden wein dur dit rbeiten einen ausgedehnten Spezialzweig der Litteratur bilden. Hrreereen sind besonders: „Bericht über die Weltausstellung zu Paris im J. 1867, herausg. durch das k. k. Osterreichische Centralkomitee ⸗ (4 Bde. mit Atlas, Wien 1869); „Offizieller Weltausstellungsberichto (95 Hefte, Wien 1873—78); „Amtlicher Bericht über die Wiener Weltausstellunge (3 Bde., Braunschw. 1874 — 77); die Berichte über die Weltausstellungen in Philade en 1876 und in Paris 1878 (26 u. 9 Hefte, Wien 1877—79); ferner die Illustrirten Kataloger der Weltausstellungen in London 1862, in Paris 1867 und 1878 (Lpz. 1863—64, 1867 1880); Exner, „Die Aussteller und die A.y (2. Aufl., Weim. 1873); wen elbe, Die neuesten Fortschritte im Ausstellungswesend» (Weim. 1868). Durch die Strenge und Offenheit, mit der sich Reuleaux (s. d.) in seinen für die »Rationalzeitunge» geschriebenen Berichten w. sammelt als Briefe aus Philadelphia˖, Braunschw. 1877) über die Mängel der deutschen Industrie auf der Weltausstellung in Philadelphia ausgesprochen, wurde eine fre. Erörterung des usstellungswesens sowohl in der periodischen Presse wie in zahlreichen Broschüren hervorgerufen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 2, S. 251Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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