Bleivergiftung (Bleikrankheit, Malerkrankheit, Saturnismus). Das Blei ist eins der schlimmsten Gifte, und die Vergiftungen mit demselben sind wegen der vielfachen Verwendung dieses Metalls nicht selten. Am häufigsten ist die Vergiftung mit Bleiweiß, Bieme mit Bleiglätte und Mennige; doch kann jede Bleiverbindung sowie die Einführung von metallischem Blei in den Körper Vergiftung zur Folge haben. Die letztere kommt dadurch zu Stande, daß das in den Körper eingeführte Blei sich außerordentlich leicht mit den Eiweißkörpern des Organismus verbindet, als Bleialbuminat in die Blutmasse aufgenommen und dann in den verschiedensten Organen (Hirn, Leber, Nieren u. s. w.) deponiert wird, wodurch es zu den mannigfachsten Störungen der normalen Funktionen kommt. Am gefährlichsten, weil am ft chal. und schnellsten wirkend, ist die Einatmung bleihaltigen Staubes (in Bleihütten, Silberhütten, Bleifabriken, bei Verpackung von Bleipräparaten u. s.w.). Hierbei gelangt der bleihaltige Stoff teils in die Atmungswege, teils mischt er sich dem Speichel bei und wird mit diesem verschluckt. Daher muß bei jenen Beschäftigungen die Mund⸗ und Nasenöffnung durch angefeuchtetes Zeug verhüllt werden, und die Arbeiter dürfen nur außerhalb des Arbeitsortes und nach Ausspülung des Mundes essen oder trinken. Zugleich muß durch gute Ventilation für stetige Erneuerung der Luft gesorgt werden. Auch das häufige Angreifen bleihaltiger Stoffe ist schädlich, daher Schriftsetzer und Schriftschleifer häufig an Bleikrankheiten leiden. Die Maler und Anstreicher sind, wenn sie viel mit Bleifarben zu thun haben, der Vergiftung nicht minder ausgesetzt. Schnupfen von Tabak, welcher in Blei verpackt war, ist zu meiden; ja selbst der Gebrauch bleierner Stockknöpfe oder Griffe muß widerraten werden. Die Gefäße, in welchen die Speisen Etehenlaf werden, sind nicht selten bleihaltig. Stehenlassen von sauern Speisen in Bleigefäßen oder solchen mit stark uuchen. 1 Zinnbelege kann die Speisen giftig machen. Geringer Bleigehalt des Belegs (unter 10 Proz. der Belegmasse) scheint jedoch nicht zu schaden. Auch durch die Bleiröhren der Wasserleitungen hat man B. entstehen sehen, jedoch nur dann, wenn das Wasser längere Zeit mit der Luft in Berührung in den Röhren oder Reservoirs stagnierte; zwar erteilen die Bleiröhren dem Trinkwasser einen geringen Bleigehalt, wenn das letztere nicht s es schwefels Kalk enthält, der das Blei als unlösliches schwefelsaures Blei niederschlägt; indessen ist dies bei gut fließendem Wasser ganz ohne Belang; zudem greifen die harten Wässer, welche Kohlensäure und wohlensuuern Kalk gelöst enthalten, das Blei weniger an. Ebenso gibt der Genuß mit Blei ucker verfälschter Weine sowie das Reinigen der zeinflaschen mit Schrot leicht Veranlassung zu Vergiftung. Wiederholt sind „Epidemien von B. durch den Genuß von bleihaltider Mühlsteine mit Blei ausgefüllt waren und so beim Mahlen feinverteiltes metallisches Blei dem Mehl beigemischt wurde. Auch der medikamentöse Gebrauch des Bleies kann in manchen Fällen ver-Die Disposition zur Bleikrankheit ist eine verschiedene. Manche verfallen trotz unvorsichtigem Umgange mit bleihaltigen Stoffen doch nicht der Vergiftung; bei andern tritt dieselbe sehr bald ein. nen die Dn Trunksucht und andere Exeesse scheinen die Disposition zu erhöhen. Einmalige Erkrankung läßt eine große Geneigtheit zum Wiederausbruch der Krankheit zurück, der selbst dann noch bei irgend einer Gelegenheitsursache erfolgen kann, wenn der Kranke längst nicht mehr mit Blei zu thun gehabt hat. Die Bleikrankheit ist fast immer eine schronische, d. h. langdauernde, schleichende Krankheit, die jedoch von Zeit zu Zeit heftigere Ausbrüche macht. Dieselbe kennzeichnet sich teils durch eine Beeinträchtigung des Wohlbefindens und der Ernährung des Gesamtkörpers (Bleikachexie, Bleianämie), teils noch In ersterer Bezie ung sind die allgemeine Abmagerung, schlechte, gelbliche Hautfarbe, Schlaffheit der Haut, Appetit⸗ und Verdauungsstörungen, trübe Gemütsstimmung, unruhiger Schlaf, Abnahme der Geistes- und Muskelkräfte zu 15 folend on den örtlichen Zeichen sind besonders folgende hervorzuheben: das Zahnfleisch entfarbt sich an der Grenze der Zähne, wird bläulich, später fast grau, oft zugleich gewulstet und leicht blutend. Die Zähne nehmen eine schmutzigbläuliche Farbe an, besonders nach der Wurzel hin. Daneben besteht haäufig ein widerlicher, süßlicher, aus dem Munde Geschmack und häßlicher Geruch aus dem Munde. Hierzu tritt in den meisten Fällen die 0 Bleikolik, d. h. besooher⸗ oft unerträglicher Schmerz im Bauche, esonders in der Nabelgegend. Starker Druck auf den Bauch lindert gewöhnlich die Schmerzen, die meist parorxysmenartig, in einzelnen, von schmerzlosen Pausen unterbrochenen Anfällen auftreten. Dabei ist der Leib meist eingezogen, brettartig hart, der Stuhl hartnäckig verstopft. Nächst den Koliken sind die Gliederschmerzen und Muskelkrämpfe besonders häufig. Sie treten leicht nach Erkältungen und überanstrengungen auf, am häufigsten in den Beinen. Nicht selten bleibt nach ihrem Verschwinden teilweise Lähmung (sog. Bleilähmung) zurück, welche in schweren e zum völligen Schwund der gelähmten Muskeln führen kann. Anästhesie, d. h. Empfindungslosigkeit einzelner Hautpartien oder Sinnesorgane (Blindheit, Taubheit) tritt häufig, jedoch nästhesie bej meist nur vorübergehend auf; die Hautanästhesie be onders leicht an denjenigen Stellen, mit denen das Blei direkt in Berührung kam. Schriftsetzer und Schrifts leifer leiden daher häufig an Empfindungslosigkeit der Finger. Lähmungen einzelner Muskeln, Duween, derjenigen, welche die Finger und die Hand trecken, werden sehr oft beobachtet. überhaupt treten die Lähmungen häufiger in den Armen als am übrigen Körper auf; bisweilen auch in den Stimmmuskeln (Stottern, Stimmlosigkeit). Endlich sind noch die durch das Blei bewirkten Hirnstörungen, Delirien, Schlafsucht, allgemeine Krämpfe (Bleiepilepsie) zu erwähnen. Die Bleikrankheit kann vollständig heilen, um so sicherer, je kürzere Zeit die Vergiftung angedauert hat. Mit der Länge der Krankheit wird die Aussicht auf vollständige Heilung immer geringer. Der Tod ist ein sehr seltener Ausgang des Leidens. Ein Spezifikum gegen die Krankheit, das die Wirkungen des Bleies aufheben könnte, gibt es nicht, allenfalls kann man durch den länger fortgesetzten Gebrauch des Jodkaliums die Ausscheidung des in den Körper eingeführten Bleies etwas beschleunigen. Daher muß das Hauptgewicht auf die Verhütung der Krankheit gelegt werden. Die Verhütungsmaßregeln .. vo sich aus den obenangeführten Ursachen der B. von selbst. Alle, welche mit Blei zu thun haben, sollen mit besonderer Sorgfalt auf Reinlichkeit, guten Luftwechsel des Arbeitslokals, möglichst häufigen Wechsel der Beschäftigung, Vermeidung aller Excesse, Erkältungen und überanstrengungen halten. Alle Bleiarbeiten sollen in hohen, luftigen Lokalen ausgeführt und die Arbeitszeit der einzelnen Arbeiter möglichst gekürzt werden. Sohald sich die ersten Spuren der Krankheit zeigen, muß aller Umgang mit bleihaltigen Stoffen absolut aufhören und der Kranke unter möglichst günstige Lebensverhältnisse gebracht werden, d. h. gesunde, leichte Kost, gute Luft haben u. s.w. Bei der akuten Form der B. reicht man am zweckmäßigsten schwefelsaures Natron und schwefelsaure Magnesia, welche das Bleioxyd in eine unlösliche und daher unschädliche schwefelsaure Verbindung überführen. Die einzelnen Symptome der chronischen B. erfordern ihre besondere Behandlung. Gegen die Kolik und die Gliederschmerzen werden schmerzstillende Mittel, namentlich die Opiate, gegen die Verstopfung Abführmittel, gegen die Lähmungen Elektricität, gegen die allgemeinen Ernährungsstörungen Chinarinde und Eisen nötig u. s. w. Von besonderm Nutzen sind warme Bäder, insbesondere Schwefelbäder.