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ErdkundeBrockhaus 1882

Blois, Hauptstadt des franz. Depart. Loir-et-Cher, an der Bahn zwischen Orleans und Tours (178 Km im SSW. von Paris) und am rechten Ufer der Loire gelegen, erhebt sich amphitheatraube an einem steilabstürzenden Hügel am Flusse, uber welchen eine 1717—24 erbaute, 300 m lange, 13,8m breite und auf 11 Bogen ruhende Brücke zur jenseits 1 di⸗ Vorstadt Vienne führt. Im obern Teile ist die Stadt eng, die Straßen sind gewunden und steil, in der mehr modernen Unterstadt regelmäßiger und besser gebaut. Den höchsten Platz nimmt das seit 1845 in Restauration begriffene, aus vier sehr verschiedenen Teilen bestehende Schloß ein, dessen ältestes Stück aus dem 13. Jahrh. stammt. Der Ort zählt (1876) 18 188 (Gemeinde 20515) C., hat reizende und fruchtbare Umgebungen, eine alte röm. in Felsen gehauene Wasserleitung von 529 m Länge (Loire-Wasser), einen schönen Quai, eine got. Kathedrale von 1678, den einst bischöfl. Palast, jetzt Präfektur, welcher sich durch seinen terrassierten Garten und prachtvolle Aussicht auszeichnet, und eine ganze Anzahl bemerkenswerter alter Palais (Herzog von Epemon, Guise, Hurault, Aumale) und Privathäuser. B. ist seit 1697 Sitz eines Bischofs und hat zwei geistliche Seminare, ein Tribunal erster Instanz und ein Handelsgericht, ein Kommunal-Collége, eine Normal-Lehrerschule, eine Ackerbau- und eine Gesind chaft für Wissenschaften und Litteratur. Auch beindet sich daselbst ein Museum, ein botan. Garten eine anhmen 3 Bibliothek von 22 000 Bänden, reich an kostbaren Manuskripten, ein Theater, ein allgemeines Hospital, ein Waisenhaus, die Irrenanstalt des Departements u. s. w. Die Bevölkerung, welche im Rufe Rehi, das beste Rannfastz zu sprechen, unterhält Fabriken und Manufakturen für Handschuhe, Billards, Schuhwerk, Töpferwaren, chem. Produkte, Fayence, Messer, Essig, Neneuurh Tapiocca, Möbel, Süßholzsaft und Pfefferkuchen sowie Gerbereien und Brauereien, und treibt lebhaften Handel mit ihren Fabrikaten, mit Wein, Branntwein, Getreide, Pferden. 5 Km entfernt liegen die Bäder der Eisenquellen von St.⸗ Denis, ähnlich den Wassern von Spaa. In den lat. Urkunden des Mittelalters hieß B. Blesum (auch Blesis und Bleza) und bildete mit dem Umlande die Grafschaft Blaisois (Pagus Blesensis). Nachdem das alte Grafengeschlecht, dem auch Stephan von B., König von England (1135—54) angehörte, 1218 erloschen, kam B. durch Heirat 1230 an das Haus Chatillon. Der letzte Sprosse desselben verkaufte 1391 das Besitztum an den Sohn König Karls V., den Herzog Ludwig von Orléans, dessen Enkel Ludwig XII. es 1498 mit der Krone vereinigte. Unter dem 11 Orléans spielte B. eine bedeutende Rolle. 500 Ludwig zog 31. Aug. 1403 in die Stadt ein, begleitet von den berühmtesten Schriftstellern der Zeit. Er und seine Gemahlin Valentine Visconti von Mailand legten durch die Sammlung zahlreicher Bücher und Urkunden den Grund zu der nachmals durch die Beute aus Mailand und Neapel bereicherten und berühmt gewordenen Schloßbibliothek. B. blieb auch nach Ludwigs Ermordung (1407) 20 Jahre lang der Sitz seiner helt hie Herzog Karl von Orléans (gest. 1465) hielt hier einen glänzenden Hof. Sein Sohn, König Ludwig XII., der 1462 au D Schlosse zu B. geboren war, berief hierher oft die Reichsstände und vollzog in dem Schlosse mili wichtigsten Staatsakte, Bündnisse und Fa42 n 1. Wabdend Gleiches geschah auch unter 23.5 „Während eines Reichstags ließ hier 3. Dez. 1588 König Heinrich III. den Herzog Heinrich von Guise und dessen Bruder Ludwig, den Kardinal, ermorden. Am 5. Jan. 1589 starb auf dem —½5 die bönfel von Medici Seit Heinreich IV. hörte die königl. Hofhaltung und damit die geschichtliche Bedeutung von B. auf. Ludwig XIII. verlieh das Schloß seinem Bruder Johann Gaston von Orléans, der hier die glänzenden Tage Ludwigs XII. erneuerte. Ludwig XIV. schenkte B. seinem Bruder Philipp von Orléans. Am 1. April 1814 nahm zu B. die Kaiserin Maria Luise mit ihrem Sohn einen kurzen Aufenthalt und erließ von hier aus einen Aufruf an die Franzosen. B. ward 13. Dez. 1870 durch deutsche Truppen besetzt, welche daselbst bis nach Abschluß des Präliminarfriedens verweilten.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 3, S. 179Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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