FeedBlutegel
TierreichBrockhaus 1882

Blutegel (fälschlich Blutigel; Hirudinea), eine artenreiche Ordnung von Würmern, welche jetzt meist zu den Plattwürmern gezählt werden und sich dadurch auszeichnen, daß sie wenigstens hinten, meist aber vorn und hinten eine breite Saugscheibe besitzen und durch wechselndes Ansaugen nach Art der Spannraupen sich vorwärts bewegen. Alle nähren sich vom Blute anderer Tiere, die einen frei, die andern mehr als Schmarotzer. Man kann zwei Hauptgruppen unterscheiden: die Rüssel-Egel (Clepsinida) mit mehr oder minder spitzem, unbewaffnetem Rüssel, und die eigentlichen B. (Hirudinida). Letztere haben drei Kinnladen, jede mit Reihen kleiner Zähne Daschend zahlreiche, am Vorderteile des Kopfes stehende, punktförmige Augen, rotes Blut und sind Zwitter, deren Geschlechtsöffnungen sich unmittelbar hintereinander am vordern Teile des Bauches befinden. Sie pflanen sich durch Eier fort, welche beim Legen mit einem schanungen, bald erhärtenden und dann einen Cocon bildenden Schleime umgeben werden. Im freien Zustande nähren sie sich jedenfalls meist von kleinen Wassergeschöpfen, doch fallen sie alle in ihren Bereich kommende warmblütige Tiere mit großer Gier an, um ihnen Blut auszusaugen. Viele Arten schmarotzen auf Fischen und Krebsen. Nicht alle Blutegelarten sind Bewohner des Wassers; denn in Ceylon und auf den Philippinen 15 man Arten entdeckt, die in feuchten Wäldern leben und hier eine Plage der Reisenden sind. Der eigentliche medizinische B. (Hirudo medicinalis; Sanguisuga medicinalis) ist von olivengrüner Farbe, mit sechs rostroten oder gelblichen, schwarzpunktierten Längestreifen. Der Nutzen seiner Anwendung besteht darin, daß die durch ihn veranlaßte Blutentziehung die Kapillargefäße der Haut entleert, und an Stellen vorgenommen werden kann, wo andere Blutentziehungen unmöglich sein würden. Sie ist daher bei Entzündungen und Kongestionen ein oft sehr heilsames Mittel. Die sicherste Art, B. anzulegen, ist es, die bestimmte Hautstelle zuerst ohne Seife rein zu waschen, dieselbe dann, um das schnelle Ansaugen zu beförbern, mit Milch oder Zuckerwasser leicht zu befeuchten und dann den Wurm in einem umgestürzten Weinglase auf jenen Ort zu bringen. Mit Blut erfüllt, fällt der B. von selbst ab. Wünscht man ihn vor voller Sättigung u entfernen, so hat man ihn nur mit Salz zu bemrenen; er läßt dann sogleich los, stirbt aber nach kurzer Zeit. Da der Darmkanal aus einer Reihe von nach hinten geschlossenen Blindsäcken besteht, so muß der B. das gesogene Blut gänzlich verdaut haben, bis er wieder anbeißt, was muchrere Monate dauert. Man kann ihn indessen ohne Gefahr entleeren, indem man ihn von hinten nach vorn durch-I und so das Blut durch den Mund auspreßt. n diesem Falle saugt er nach einer Woche schon wieder. Die Wunde pflegt, da sie von den feinen uoch ewi der Kinnladen gewissermaßen gesägt ist, noch einige Zeit zu bluten, und diese Nachblutung wird entweder vom Arzte absichtlich erhalten oder durch aufgelegten Schwamm gestillt, jedoch ist letzteres nicht immer ganz leicht. In einzelnen öedauf geht die Wunde in Entzündung über und bedarf dann ärztlicher Behandlung. In den verschiedenen Ländern werden auch veischiedene einheimische Arten in derselben Weise benutzt wie bei uns. In üdl. Gegenden, z. B. in Algier, hat man mehrfache älle von sehr adunche innern Blutungen beobachtet, die nur dadurch entstanden, daß junge B. (einer andern Art waten. O. in unreinem Wasser verschluckt worden waren. Die mediz. Verwendung dieser Würmer ist nicht sehr alt, hat sich aber etwa seit dem zweiten Viertel des 19. Jahrh. sehr ausgebreitet. Bei verschiedenen mediz. Systemen, besonders bei dem von Broussais, begann die Blutentziehung eine Rolle in Krankheiten zu spielen, die man früher in anderer Weise behandelt hatte, und es uan deshalb immer mehr die Anwendung der B. statt, oft in großer Menge. In den pariser Hospitälern sollen von 1829 — 36 jährlich 5—6 Mill. B., die an 1500000 Frs. kosteten, verbraucht und durch sie 1H 3 an 85000 kg Blut vergossen worden sein. Da der großen Nachfrage auf gewöhnlichem Wege nicht zu genügen war, so betrieb man eitdem in Deutschland, Frankreich und England die lutegelzucht (s. d.) auf künstlichem Wege. Auch erfand man außer einem Instrument (Bdellometer, s. d.), welches bei Blutentziehung das Tier ersetzen ollte, noch einen künstlichen B. (s. Blutegel ünstlicher). Der Handel mit B. gestaltete sich mit dem steigenden Verbrauch immer bedeutender. Deutschland allein führte mehrere Millionen aus, teils in Deutschland erzeugt, teils aus dem südl. Rußland, Ungarn und sogar aus der europ. Türkei, Kleinasien und Agypten bezogen. Der Hauptplatz dieses Handels war die Stadt Rakwitz in der preuß. Provinz Posen. Auch in pon machte man ansehnliche Geschäfte mit B.; von Bordeaux verschiffte man sie nach Westindien, Brasilien und Peru. Infolge der neuen Richtungen in der Medizin, welche die l auch dir nur in beschränktem Maße estatten, ist auch die Anwendung der B. sehr beschränkt worden und der Handel mit diesen Tieren ist darum bedeutend gesunken. Vgl. Scheel, «Der medizinische B.v (2. Aufl., Bresl. 1844); Otto, «Der medizinische B.y (Weim. 1835); Moquin-Tandon, cMonographie des hirudinéesv (Montpellier 1846); Ebrard,«Monographie des sangsuesv (Par. 1857); Rathke, Beiträge zur „Blutegel (künstlicher) heißt in der Medizin ein nach dem Prinzip des Schröpfkopfs konstruierter Apparat, welcher an Stelle der Blutegel zur örtlichen Blutentziehung verwandt wird. Am bekanntesten ist der künstliche B. von Heurteloup, welcher aus zwei voneinander unabhängigen Instrumenten 10 nämlich aus einem Locheisen, welches durch das schnelle Abrollen einer um den Stiel desselben gewickelten Schnur mit großer Geschwindigkeit rotiert wird und dadurch eine ringförmige, stark blutende, doch wenig schmerzhafte Hautwunde erzeugt, und aus einem Glascylinder, in welchem vermittelst eines Eisenstabes ein gut schließender Stempel auf- und abbewegt werden kann. Hat man die Haut mit dem Locheisen verwundet, so setzt man den Glasclinder auf und macht ihn durch Emporziehen des Stempels relativ luftleer, wodurch das Blut aus der ganzen Wundfläche herausgetrieben wird. Auf diese Weise kann man die Wirkung der Blutegel nicht bloß vollständig nachahmen Ineniit auch noch da½— übertreffen, daß die Blutentziehung schneller erfolgt und die Menge des zu entleerenden Blutes genauer bemessen werden kann. Besonders häufig wird der künstliche B. wegen seiner bequemen Handhabung von den Augenärzten benutzt. Blutegelzucht. Um die Blutegel zu fangen, schlägt man in das Wasser, wo man solche vermutet, mit einem Stabe und fischt die herbeischwimmenden Egel mit einem kleinen Kescher heraus. Am leichtesten fängt man sie unmittelbar nach einem Gewitter, und die beste Jahreszeit zum Fang sind die Monate Mai, Juni, September und Oktober. Nur gesunde Tiere von mittlerer 89 90 taugen zur Zucht; ein Zeichen der Gesundheit aber ist es, daß sich der Blutegel, wenn man ihn sanft in der Hand drückt, sogleich in eine Kugel zusammenballt. Auch vollgesogene Blutegel sind zur Zucht sehr gut zu gebrauchen. Am geeignetsten zur Rerim Moone derselben sind Teiche etwa 1,20 m tief im Moore, wo man 16—24 em tief die Moorerde stehen läßt. Die Teiche müssen stets etwa 90 em Wasserhöhe und Zufluß frischen Wassers haben, auch, um das Herausgehen der Blutegel zu vermeiden, mit einem 60—-90 em hohen Walle umgeben sein. Werden die Blutegel im Mai oder Juni in die Teiche gebracht, so setzen sie bis zum September ihre Brut in dem moorigen Ufer über dem Spiegel des Wassers ab indem sie darein ein kleines, trichterförmiges Lo bohren, um darin den Cocon abzulegen, aus dem nach wenigen Tagen 10 — 15 junge Blutegel schlüpfen, die sich so lange an den Alten salrahbis sie sich selbst Nahrung suchen können. Zur Nahrung der Blutegel werden die Teiche mit Kalmus und andern schilfartigen Wassergewächsen um pflanzt, und Meerlinsen, kleine disch Schnecken und Frösche in dieselben geworfen. Die Brut und die jungen, noch nicht brauchbaren Blutegel werden in einem besondern —* aufbewahrt. Sind die jungen Blutegel 6—8 Monate alt, so läßt man sie Blut saugen, weil sie sonst nicht zur Vermehrung tauglich werden. Früher bewerkstelligte man dies, indem man Tiere, besonders Pferde und Esel, in die Teiche trieb; jetzt füllt man Blut in einen Flanellbeutel auf dessen Außenseite sich die Egel festsaugen. Beim Herannahen des Spätherbstes versetzt man die Blutegel aus dem Zuchtteiche in einen kleinern Teich, mit festem, hellem Lehm-oder Sandgrund. Am ratsamsten ist es jedoch, den Weiterbedarf in ½½ und Bottichen aufzubewahren, die mit reinem Teich- oder Sumpfwasser bis zu sieben Achtel angefüllt und mit Leinwand zugebunden werden. Auf 11 Wasser rechnet man 32 Blutegel, die keiner weitern Nahrung bedürfen, als öfterer Erneuerung des Wassers, im Sommer alle drei, im Winter alle acht Tage. Das frische Wasser muß mit dem abzugießenden gleiche Temperatur haben und wird mittels eines Trichters, der bis 110 den Boden des Gefäßes reicht, langsam in dasselbe begossen. In dem Zimmer, wo die Blutegel aufbewahrt werden, darf übrigens kein Rauch und Fros ö scad allmähliche Kälte und zuletzt strenger Frost chaden *** In Ermangelung von Teichen kann man die Blutegel auch in großen Kübeln ziehen. Bei der Versendung müssen die Blutegel halbe feucht erhalten und täglich einmal auf eine halbe Stunde in fließendes Wasser gebracht werden. Auf weitere Entfernungen befördert man sie am sichersten in Beuteln von nicht allzu fester Leinwand, die in reinem Flußwasser gewaschen und gehörig durchfeuchtet sein müssen. Auf der Reise werden die Beutel überall, wo Gelegenheit ist, in hanche: Wasser einigemal untergetaucht, sobald aber ein Gewitter eintritt, während der Dauer desselben ins Wasser gebracht. Vgl. Scheel, „Belehrung über die Aufbewahrung und Zucht der mediz. Blutegelo (Dresd. 1834); Egidy, Die B.y (Zittau 1844).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 3, S. 205Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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