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GeschichteBrockhaus 1882

Bolingbroke (Henry St.⸗John, später Lord B.), berühmter engl. Staatsmann und S riftsteller, hen En aus einer der ältesten und reichsten Famiien Englands, die ihren Stammbaum über die Zeiten Wilhelms des Croberers zurückleitete, und ward als einziger Sohn des Baronets St.⸗John 1. Okt. 1678 zu Battersea (Surrey) eboren. Schon in seinen Studienjahren im Eton⸗ un Rseme Church⸗-College zu Oxford offenbarte er die für seine polit. und litterarische Laufbahn typische und verhängnisvolle Doppelseitigkeit seiner Natur, glänzende geistige und körperliche Vorzüge, originales, nie ermüdendes Denken und Streben, neben einem Leichtsinn und einer Lockerheit der Sitten, wie sie selbst für die Zügellosigkeit der damaligen vornehmen Welt Englands unerhört war. In die polit. Laufbahn, die ihm seine Verbindungen und Talente mühelos öffneten, trat er schon 1700 als Mitglied des Parlaments, und errang sich trotz seiner Jugend in kurzem eine führende Stellung bei den gemäßigten Tories. Sechsundzwanzigjährig trat er mit Harley, dem spätern Grafen Oxford, in das Kabinett, das aus den mittlern Gruppen beider Parteien zusammengesetzt, durch die Siege des folgenden Jahres und die Erfolge der innern Politik, vor allem die Union Englands mit Schottland, in der engl. Geschichte äne 2. emacht hat. Es zeigte sich jedoch bald, daß eine Teilung der Geschäfte unter Tories und Whigs unmöglich war. Letztere, welche stets die kriegerischen Interessen vertreten hatten, wurden durch deren glänzende Führung seitens Marlboroughs (s.d. übermächtig und begannen ihre Rivalen aus der Regierung zurück⸗ und in die Opposition zu drängen. So mußten B. und Harley nach vierjähriger Amtsführung Walpole und Neweastle weichen. Aber die Rücksichtslosigkeit, mit der die Whigs ihren Sieg ausnutzten, verletzte bald die Königin Anna aufs tiefste, und so gelang es den Tories, die hierin vor andern durch B. geleitet wurden, das Herz der Königin zu gewinnen und bald durch geschickte Intriguen und die kluge Benutzung der Wandlung in der öffentlichen Meinung sich wieder an die Spitze zu bringen, und damit eine für Englands und Europas Entwickelung entscheidende Umwälzung zu veranlassen. Es war vor allem B.s Werk, wenn die friedlichen Tendenzen in Englands Politik Raum fanden und den für Frankreich im Vergleich zu den glänzenden Siegen? 1 Utrecht th. und Eugens so ünstigen Frieden von Utrecht (s. d.) herbeiführten. Das libergewicht seiner Partei zur festen Herrschaft auszubilden, war das Ziel B.s mit seiner sog. Schisma-Bill, die den Ausschluß der Presbyterianer vom Lehrfach und die engste Verbindung der Krone mit der Hochkirche bezweckte, und die er schon im Widerspruch mit seinem Amtsgenossen Harley durchsetzte. Die Spannung in der Partei trieb bald zum Bruch, aber B. wußte sich in der Gunst der Königin zu erhalten, während Harley weichen mußte Wdi 17 —* B. war jetzt der mächtigste Mann in England, aber der plötzliche Tod Annas (10. Aug.) stürzte ihn sehr bald von seiner Höhe. Seine Bemühungen, dem Prätendenten Jakob Stuart (s. d.) Anerkennung zu verschaffen, wurden im Keim erstickt, die Succession des Hauses Hannover fand sofort ungeteilten Anklang, und damit war der Sieg der Whigs, die jetzt in Walpole auf Jahrzehnte ihren Führer fanden, sowie die Katastrophe B.s entschieden. Noch auf der Reise nach England, im Haag, erklärte Georg I. B. aller seiner Würden für verlustig. Das ganz whigistische Parlament, welches im März 1715 zufammenteat, bedrohte ihn mit noch Schlimmerm, der Anklage ach Hochverrat, und nur durch schleunige Flucht na Frankreich entging B. der Rache seiner Gegner. Jetzt warf er sich dem Stuart ganz in die Arme. Um seine Partei wieder ans Ruder zu bringen, scheute er 8 nicht, den Staat in Verwirrung zu stürzen. Als Staatssekretär Jakobs hoffte er Ludwig XIV. und Kar Enkel König Philipp V. von Spanien, dann Karl XII. und die Regentschaft zum Kriege gegen England zu gewinnen, den Auftand in England und Schottland zu entflammen. ber die Gefahr der Invasion der Fremden einigte vielmehr die rivalisierenden arteien: geringe Revolten in England wurden leicht erstickt, und der Versuch Jakobs, von Schottland aus die engl. Kronezu erobern, endigte mit einem völligen Fiasto. B. aber, der als Landesverräter gebrandmarkt war, ward hierauf selbst vom Hofe des Prätendenten ausgestoßen. Seitdem ist es ihm nie mehr gelungen, eine Stellung in der Verwaltung zu erlangen, obschon er 1723 von Walpole die Erlaubnis zur 9f nach England erhielt und benutzte. Aber seine polit. Thätigkeit war darum nicht zu Ende; sie zeigte sich nur auf anderm Felde, dem der ublizistik, zu deren hervorragendsten Talenten aller eiten er gehört. In seine Güter ward er erst zwei ahre na 457 Rückkehr durch Parlamentsakte wieder eingesetzt, der Eintritt in das Twährenr blieb ihm aber auf iccherh Betrieb fortwährend verschlossen. Inzwischen hatte er nach dem Tode seiner ersten Gemahlin, einer geborenen Winchcomp, Hichte die Witwe des Marquis de Villette, eine ichte der Frau von Maintenon, geheiratet. Mit ihr lebte er teils in England, teils in Frankreich, und bekämpfte das Ministerium in der Presse, Iroren Eirdruch die Zeitschrift Craftsmane, welche großen Eindruck auf das Publikum machte. Nachdem er seine Dissertation on Partieso veröffentlicht, schrieb er 1738 die Idea of a patriot kingo, in der er das Ideal eines Monarchen entwarf und die er für den Prinzen Friedrich von Wales bestimmte. Seine Hoffnung, nach Walpoles Sturz, 1742, wieder eine Stellung im Staate zu erlangen, wurde nicht erfüllt. Er starb nach längern Leiden zu Battersea 12. Dez. 1751. Wegen seiner Angriffe auf die christl. Dogmen in den Letters on the study of history, einer fur den Geist der Aufklärung, zu deren Vorkämpfern B. hen bahnbrechende on Di wurden seine sämtichen Werke (herausg. von Mallet, 5 Bde., Lond. 1753—54; neue Ausg., 8 Bde., Lond. 1808—9) von der großen Jury von Westminster als dem Glauben, den Sitten, dem Staat und der öffentlichen Ruhe gefährlich verdammt. B.s Correspondence (Lond. 1798) ist wertvoll für die Geschichte Englands in der ersten Hälfte des 18. Jahrh.; seine als hinreißend geschilderten Reden sind nur durch Tradition bekannt. Vgl. Cooke, „Memoirs of Lord B. (2 Bde., 1835); M'Knight, «Life of B.v (Lond. 1863); von Noorden, Gord B.» (im „Historischen Taschenbucho, 6. Folge, 1. Jahrg., Lpz. 1882).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 3, S. 282Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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