Bonaparte (Lucian, Fürst von Canino), Napoleons I. zweiter Bruder, wegen seiner nicht standesmäßigen Ehe vom Kaiser erst 1815 als franz. Prinz anerkannt, wurde zu Ajaccio 21. März 1775 geboren. Er Milie einige Zeit das Colleége zu Autun, dann die Militärschule zu Brienne, endlich das Seminar zu Aix. Im J. 1792 kehrte er nach Corsica zurück, schloß sich Paoli (s. d.) an, brach aber mit diesem gleich seiner ganzen Familie schon 1793, und 1 dieser voraus nach Marseille. Er erhielt jetzt im Verpflegungswesen des Heeres eine Anstellung und ward Magazinaufseher in St.⸗Maximin. Napoleons Glücksstern führte ihn 1795 zu der Stellung eines Kriegskommissars, in der er die Niederlande, Italien und Corsica bereiste (bis 1798). Im März 1798 als Abgeordneter des + Liamone in den Rat der Fänsus zu gewählt, wußte er bald bedeutenden Einfluß zu gewinnen und eine Parteigruppierung zu bilden, die dem Direktorium entgegen und den ehrgeizigen Absichten seines Bruders vorarbeitete. Kurz vor dem 18. Brumaire zum Präsidenten des Rats der diees 14 erwählt, ward er der eigentliche Held dieses Tags. Als er die durch Napoleons Eintritt lez er ein Gärung nicht u dämpfen vermochte, verließ er seinen Sitz, setzte ich zu Pferde, sprengte an die Fronte der versammelten Truppen und forderte sie auf, ihren General, den man ermorden wolle, zu retten. Hierauf zum Minister des Innern ernannt, förderte er mit Eifer die Künste, Wissenschaften und den öffentlichen Unterricht und organisierte die Präfekturen. Doch überwarf er sich bald mit Fouché und seinem Bruder selbst. Ein völliger Bruch ward noch verhütet, indem Lucian zwar das Ministerium niederlegte, aber als Gesandter im Okt. 1800 nach Madrid ging, wo er den König Karl IV., die Königin und den erzog von Alcudia ganz gewann, den engl. Einuß beseitigte und zum Kriege mit Portugal trieb. Der nell zu Badajoz (29. Nov. 1801), zu dem er vorschnell die Hand bot, konnte bei seinen für Frankreich ungünstigen Bestimmungen das Verhältnis beider Brüder nicht bessern. Lucian gab daher auch diese Stellung auf und ging nach Paris zurück. Hier am 9. März 1802 ins Tribunal berufen, unterstützte er den Plan zur Errichtung der Ehrenlegion, deren Großoffizier er wurde, und erwarb sich die Gunst des Papstes Pius III. durch Befürwortung des Konkordats. Das Institut de France nahm ihn 3. Febr. 1803 zum Mitglied für die Klasse der polit. und moralischen Wissenschaften auf, und bald darauf erhielt er die Senatorie Trier. Lucians steter Widerstand gegen Napoleons Streben nach Alleinherrschaft verwickelte ihn jedoch mit demselben in zunehmende Mißhelligkeiten. Als er nach dem Tode seiner ersten Gattin die vom Kaiser ihm zugedachte verwitwete Königin von Etrurien ausgeschlagen und sich gegen dessen Willen wieder verheiratet hatte, ward die Spannung so groß, daß sich Lucian auf eine Villa unweit Rom zurückzog, um dort nur den Künsten und Wissenschaften zu leben (April 1804). Vergebens bot ihm der Kaiser in einer 1, den Thro Iutamnemunst, zu Mantua Dez. 1807, den Thron von Italien oder von Spanien an, indem er zugleich Trennung von seiner Gattin verlangte. Ebenso verweigerte Lucian seine Zustimmung zu der Verheiratung seiner Tochter mit dem Prinzen von Asturien. Napoleon wurde dadurch so erbittert, daß Lucian es für ratsam hielt, sich nach Nordamerika in Sicherheit zu bringen. Er bat den engl. Gesandten am sardin. Hofe um Pässe, Hund schiffte sich, da ihm diese versprochen wurden, am 1. Aug. 1810 zu Civita-Vecchia ein, wurde jedoch durch einen Sturm genötigt, in Cagliari ein⸗ .% Hier wurde er angehalten und zuerst nach Malta, dann nach England .½½½7 wo man ihn, weil er noch nicht der franz. Senatorwürde entsagt + zum Kriegsgefangenen erklärte, jedoch mit uszeichnung behandelte. Napoleons Sturz gab ihm seine Freiheit; er ging wieder nach Rom, wo ihn der Papst 18. Aug. 1814 mit dem von ihm erkauften kleinen % Canino belehnte. Nach Napoleons Rückkehr von Elba 1815 begab sich Lucian auf die Bitten seiner Schwester Pauline Borghese (s. d.) zum Kaiser, in der Absicht, alsbald wieder nach Italien zurückzukehren, woran er indessen verhindert wurde. Er blieb nun in Paris, ohne sich seinem Bruder unbedingt anzuschließen, und trat dann in die Pairskammer ein. Nach der Niederlage von Waterloo behielt Lucian allein seine — onnenheit und riet seinem Bruder, die Kammern aufzulösen und als Diktator an die Spitze zu treten. Nachdem 1— abgedankt, versuchte Lucian, den König von Rom zum Kaiser ausrufen zu lassen konnte indes auch hiermit nicht durchdringen. Na der zweiten Thronbesteigung Ludwigs XVIII. wollte er nach Rom zurückkehren, ward aber auf Befehl des österr. Generals Grafen Bubna in Turin festenommen und dort interniert. Die Fürsprache des apstes befreite ihn nach drei Monaten, doch mußte sich derselbe verbürgen, weder Lucian noch ein Glied seiner Berau aus dem Kirchenstaate hinwegzulassen. Hierauf lebte Lucian längere Jahre in oder bei Rom, da ihm die Pässe, die er 1817 für sich und einen seiner Söhne nach Nordamerika verlangt hatte, verweigert worden waren. Nach den Ereignissen von 1830 wurde dieser Bann aufgehoben, und Lucian weilte nun geraume Zeit in En land, von wo er 1838 auch Deutschland besuchte, später aber au Dier9ol zurückkehrte. Er starb 29. Juni 1840 zu Viterbo bei Rom. Nächst Napoleon war Lucian unbedingt das begabteste Glied der Familie Bonaparte. Nicht ohne achlur darein setzte er doch seinen Ehrgei —2% ich darein, seinem Bruder gegenüber 19 in Unab Ewatlebe zu behaupten. Nachdem er si in das Privatleben zurückgezogen hatte, machte er seine Villen zum Sitze des edelsten Kunstgeschmacks. Durch die von ihm veranstalteten Ausgrabungen erwarb er sich um die Altertumskunde Etruriens besondere Verdienste. Minder glücklich war er als Dichter und Schriftsteller. Zuerst trat er mit einem Roman „La tribu indienne ou Edouard et Stellina (2 Bde., Par. 1799) auf. Noch während seines ersten Aufenthalts in London schrieb er das mittelmäßige, typographisch reich ausgestattete und dem Ieli zugeeignete Heldengedicht Charlemagne ou IE'glise délivréen (2 Bde., Lond. 1814), worin er 99 seinen Bruder eiferte und die Bourbons er90 . Später gab er ein Heldengedicht in 12 Gesängen heraus: La Cyrnéide ou la Corse sauvéen (Par. 1819), worin er die Vertreibung der Sarazenen aus Corsica besang. Von den von ihm selbst herausgegebenen Mémoireso (deutsch, Lpz. u. Darmst. 1836) erschien nur ein einziger Band, der bis zum J. VII der Republik reicht. Die Mémoires secrets sur la vie privéëe, politique et littéraire de Lucien B. (2 Bde., Lond. 1819), als deren Verfasser Alphonse de Beauchamp genannt wird, enthalten bei ziemlich unparteiischer Beurteilung im Eutian manche Unrichtigkeiten. ucian war Vater einer zahlreichen Familie; 1794 hatte er sich mit Christine Eleonore Boyer, einer Bürgerstochter aus St.⸗Maximin, verheiratet, und nach deren Tode (14. Mai 1801) schloß er 1802 eine bertho Ehe mit der schönen Witwe des Bankiers Jouberthon, Alexandrine Laurence de Bleschamp, geb. 10. April 1778 zu Calais, gest. 12. Juli 1855 zu Sinigaglia. Aus erster Ehe gingen hervor: Charlotte, geb. 13. Mai 1796, die sich 27. Dez. 1815 zu Rom mit dem Fürsten Mario Gabrielli Coh. 18. Sept. 1841) vermählte, in dieser Ehe einen ohn und drei Töchter gebar und 8. Mai 1865 zu Paris starb, und Christine Egypte, geb. 19. Okt. 1798, erst (1818) mit dem schwed. Grafen Arved Posse, dann (1824) mit Lord Dudley Stuart vermählt, gest. 19. Mai 1847 zu Rom. Aus Lucians zweiter Che stammten neun Kinder, fünf Söhne und vier Töchter, von denen sich mehrere einen Namen erworben haben. Die älteste Tochter, Lätitia B., wurde 1. Dez. 1804 geboren, verheiratete sich 1821 mit dem Irländer Thomas Wyse (gest. 15. April 1862 als brit. Gesandter am Hofe zu Athen), welcher sich jedoch ihres Argernis erregenden Lebenswandels halber von ihr trennte. Sie befreite ihren geisteskranken Sohn Alfred aus einem Irrenhause bei Nancy, wo27 ihn der Vater gebracht hatte, eine That, die der icomte d'Arlincourt in dem Roman Le Pélerino poetisch behandelt hat, und starb zu Florenz 15. März 1871. Die zweite Tochter, Jeanne B., geb. zu Rom 22. Juli 1807, heiratete den Marchese Honorati und starb, eine Tochter, Clelia, hinterlassend, 1828 zu Jesi bei Ancona. Sie war eine hervorragend schöne, liebenswürdige und geistvolle Frau. Aus ihrem Nachlaß veröffentlichte ihre Mutter Gedichte unter dem Titel: « Inspirazioni d'affetto di und giovine musav. Die dritte Tochter, Alexandrine Marie B., geb. 12.Okt. 1818, gest. 20. Aug. 1874⁴, vermählte sich 1836 mit dem Ouasen Vincenzo Valentini von Canino, der im Juli 1858 starb; aus ihrer Ehe entsprangen zwei Söhne und eine Tochter. Die jüngste Tochter Lucians, Konstanze, geb. 30. Jan. 1823, starb 5. Sept. 1876 als Abtissin des Klosters zum Heiligen Herzen in Rom. Von den Söhnen Lucians ist der älteste, Charles Lucien Jules Laurent B., Fürst von Canino . d.) und Musignano, als Naturforscher wie durch seine Teilnahme an der röm. Revolution von 1849 bekannt. Der zweite Sohn, Paul Marie B., geb. Rom 1808, nahm 1827 am griech. Befreiungskriege teil und bewies als Unterkommandant auf der Fregatte Hellas mehrfach großen Mut. Als Cochrane Ende Dez. 1827 im Hafen von Nauplia türk. Schiffe angreifen wollte, eilte B. in die Kajüte, um sich zu bewaffnen, tötete — aber dabei selbst unversehens durch einen Schuß aus einer Pistole. Die franz. Truppen veranstalteten ihm später ein ½½ Begräbnis an der Küste von Navarin. Der dritte Sohn, Louis Lucien B., geb. 4. Jan. 1813 zu Thorngrove in Worcestershire während der Gefangenschaft des Vaters in England, that 20 durch Studien in der afliche und Mineralogie sowie durch sprachwissenschaftliche Untersuchungen hervor und ließ, außer verschiedenen Beiträgen zur Kenntnis der bask. Sprache, unter anderm ein «Specimen lexici comparativi omnium linguarum Europaearum (Flor. 1847 und eine Übersetzung der Parabel vom Säemanno in 72 europ. Sprachen und Mundarten (Lond. 1857) erscheinen. Er ward 8. Juli 1849 Mitglied der franz. Nationalversammlung, im Dez. 1852 Senator und 1855 Großoffizier der Ehrenlegion. Der vierte ** Pierre Napoléeon B., eine energische, aber rohe Natur, geb. 11. Okt. 1815, wollte sich, wie seine Vettern, 1831 an dem Aufstande in der Romagna beteiligen, ward desbne verhaftet und sechs Monate in Livorno geangen gehalten. Danach ging er nach Amerika, wo er erst seinen Oheim osep B. besuchte, dann aber dem Präsidenten Santander in Neugranada seine Dienste anbot, der 12 zum Kavalleriemajor ernannte. Als solcher half er den General Flores, den Befehlshaber der Truppen vom Staate Ecuador, schlagen, kehrte dann nach Europa zurück und wohnte seit 1834 mit a jüngsten Bruder Antoine auf den Gütern des urten von Canino. Auf das Gerücht, die beiden Brüder begingen auf der Jagd arge Excesse und wollten revolutionäre Freikorps errichten, befahl Papst Gregor XVI. ihre Verhaftung. Plötzlich von Sbirren überfallen, entkam Antoine, während Pierre in der Gegenwehr einen Lieutenant der Karabiniers niederstach, einen andern schwer verwundete, selbst aber verwundet nach Rom gebracht wurde, wo er 29. Sept. 1836 zum Tode verurteilt, dann zum Exil begnadigt wurde. Er wandte sich wieder nach Amerika, später nach den Jonischen Inseln, von wo ihn die brit. Regierung verwies, da er sich im Jähzorn zu mehrern Excessen fortreißen ließ. Seitdem lebte er in wenig glänzenden Verhältnissen teils in Italien, teils zu Brüssel, bis ihm die Revolution von 1848 den nea in die Aontituter ermöglichte. Er wurde in Corsica in die Konstituierende wie in die Legislative Nationalversammlung gewählt, wo er demokratische tuaund Aa an den Tag legte. Nach der Thronbesteigung apoleons III. erhielt er zwar wie seine Brüder den Titel eines Prinzen und das Prädikat Hoheit, verkehrte aber wenig in den Tuilerien. Beim Ausbruch des Italienischen Krieges 1859 bot er dem Kaiser seine Dienste an, und erhielt den Befehl über ein Regiment der Fremdenlegion; thätigen Anteil an den Kriegsereignissen nahm er indes nicht. Im J. 1869 vermählte er sich mit der Tochter eines Arbeiters. Am 10. Jan. 1870 mittags erschienen bei ihm in Auteuil die beiden Redakteure von Rocheforts & Marseillaisen, Ulrich von Fonvielle und Victor Noir, um ihn wegen eines in einem cors. Blatte veröffentlichten Artikels zur Rede zu stellen. Der Prinz erschoß nach heftigem Wortwechsel Victor Noir, während Fonvielle floh. B. stellte sich selbst dem Gericht, wurde 27. März freigesprochen, verließ jedoch auf Befehl des Kaisers Frankreich. Er starb, fast vergessen, 8. April 1881 zu Versailles. B. hat Verschiedenes drucken lassen, unter anderm wird ihm eine Broschüre Sur la frontière du Rhino Der jüngste Sohn Lucians, Antoine B., geb. 31. Okt. 1816 zu Frascati, floh 1836, nachdem er der päpstl. Gendarmerie entgangen, nach Amerika; seit 1848 9. . er in Frankreich und wurde im Sept. 1849 Mitglied der Nationalversammlung. Er starb zu Florenz 28. März 1877. Sämtliche Brüder erhielten im Dez. 1852 den Titel Prinzen der kaiserl. Familie, blieben jedoch von der Thronfolge ausgeschlossen. Der ⁷ des zweiten Kaiserreichs 1870 entzog ihnen jede pazerEnn