FeedBrie-sur-Marne
ErdkundeBrockhaus 1882

Brie-sur-Marne, Dorf im franz. Depart. Seine, 8 km östlich des Hauptwalls von Paris und 3 km nördlich von Champigny am östl. Ufer der Marne gelegen, bildete 30. Nov. und 2. Dez. 1870 nebst Cham * (s. d.) einen Hauptpunkt in den blutigen usfalts ämpfen der Franzosen gegen die Verteidigungsstellung der Deutschen. Am 2. Dez. bei Tagesanbruch wurde das seit dem 30. Nov. im Besitz der Franzosen gebliebene Dorf B. von 2 Bataillonen des 8. sächs. Infanterieregiments Nr. 107 wiedergenommen. wurzel barh; grch. Beaue, althochdeutsch briaf, mittelhochdeuisch brief, brieves) nennt man jede an eine bestimmte Person (seltener an mehrere) gerichtete schriftliche Mitteilung, welche offen oder unter Verschluß statt mündlicher Botschaft an einen Abwesenden gesandt wird. In diesem Sinne bezeichnet Epiktet den Brief als einen estummen Boteno; Stephan nennt ihn adas Schiff des Geistes auf dem Ocean der Entfernungen ». Urhuunigd wurde im Mittelalter unter litera revis oder Breve (s. d.) jede öffentliche oder private Kundmachung verstanden, durch welche den Empfängern gewisse Rechte beigelegt wurden, also Verbriefungen, Urkunden, Diplome. Solche Urkunden (13. Jahrh.) begannen meist mit dem Satze: Alle, die diesen B. sehen und hören und leseno u. s. w. Im 16. Jahrh., als die ersten Zeitungen aus brieflichen Nachrichten entstanden, bedeutete B. auch Zeitungo. In den neuern Kurszetteln der Börse bezeichnet der Ausdruck B. neben Geld: Forderung für Wertpapiere gegenüber dem gebotenen und bezahlten Preise. (S. u. Börse.) Einen merkwürdigen Sinn legt der Elsässer dem Worte B. unter; man gebraucht B. in gewissen Gegenden des Elsaß als Amulet gegen Fieberanfälle. Der jetzige Sprachgebrauch unterscheidet zwischen B. und «Schreibenv; der erstere bezeichnet mehr eine private Mitteilung, während dem Schreiben der Charakter des Amtlichen, Feierlichen beiwohnt (Erlasse der Fürsten, Behörden u. s. w.). Der Ursprung des B. ist so alt, wie die Erfindung der Schrift, wenn nicht die bei den Peruanern efundenen, aus Knoten in Schnüren bestehenden otschaften (Quipus) noch älter sind. Die ältesten 6l ichtlich bekannten B. sind in Agypten geschrieen. Nach Diodorus Siculus bestand das erste Geschäft der ägypt. Könige am Morgen darin, die von auswärts eingegangenen Briefe (Papyrusrollen) zu lesen. Dionys von Halikarnaß beglaubigt als ältesten B. denjenigen, welchen der Inderkönig Stabrobates an die assyr. Königin Semiramis schrieb; Homer den B., welchen Proitos dem Bellerophontes, eingeritzt auf einer Wachstafel, nach Lykien an Joabates mitgab; die Bibel nennt den Unglücksbrief Davids, den Uria an Joab überbrachte. Der älteste, teilweise deutsch geschriebene B. möchte der des Ruodpert von St. Gallen aus dem 11. Jahrh.) sein. In den ältesten Zeiten schrieb man auf geglätteten Steinen, auf Fellen (assyr. Königsbibliothek), auf Baumblättern (China) und auf dem Bast der Papyrusstaude (Agypten, s. Papyrus). Später, in Hellas und Rom, ritzte man die Schrift in Holztäfelchen mit Wachsüberzug (d&irrvve, pugillares) ein. Das kaiserl. Rom 4 sehr schönes Papyruspapier (charta niliaca ei Horaz, Martial u. a.). Im Mittelalter trat das Pergament (s. d. an die Stelle des Papyrus; auch benutzten die Perser Seide zum Schreiben (Firdusi), die Japaner die Blätter des Maulbeerbaums (brussonétia papyrifera), bis im 8. Jahrh. das Leinenpapier aus Samarkand nach Europa gebracht wurde und im 14. Jahrh. das Lumpenpapier, neuerdings auch Holz⸗ und Strohpapier, alle frühern Schreibstoffe verdrängte. (S. Papier.) Als Griffel dienten im Altertum eiserne Stifte (Bibel), später Ronche und sodann Schilfkiele (calamus), den die önche durch den Gänsekiel, die Neuzeit durch die Stahlfedern ersetzte. Newdörfer der Altere Nürnberg 1514) kannte schon Metallschreibfedern. (S. Federn, Schreibekunst.) Die Tinte der Alten bestand aus Leimwasser, mit Ruß gerührt, aus Maulbeersaft oder dem Blute des Sepiafisches. Der Verschluß des B. wurde seit den ältesten Zeiten durch Bienenwachs hergestellt, in dem Siegelringe abgedruckt wurden (Siegelringe der ib. wutde Sphinr des Au ustus). Im 15. Jahrh. wurde „Siegellack aus China importiert; das erste Siegel von Lack findet sich an einem Schreiben aus London (3. Aug. 1554) an den Rheingrafen Ph. Fr. bvon Daun. Im J. 1624 kamen in Speier die Oblaten auf. Die Briefumschläge (Couverts) sind 1820 on Brewer) in England erfunden. [Der B., ein Ersatz des mündlichen Gedankenaustausches, ist seinem Inhalte nach den Gesetzen der Logik ebenso unterworfen wie die Rede selbst. Bei der Abfassung sind guter, logischer Gedankengang, verständliche Ausdrucsweise und lebendiger luß erste Erfordernisse. Ein jeder B. spiegelt im runde die Individualität des Schreibenden wieder und in diesem Sinne ist der Briefstil der Mensch selber. Die sog. Briefsteller, welche indes dürftige Notbehelfe Briefshreidens: dis die konventionellen Formen des Briefschreibens; diese Hator wechseln je nach dem Kulturzustande der Nationen. Der Grieche begann seine B. mit den Worten: 4en rocrreryy oder αο &πιιενν oder Vaeνv (gehe es dir wohl), der Römer ähnlich, z. B.: &Cajus Tito suo salutem dicite oder nur Cajus Tito salutemo, und 77 Schluß Vale oder Cura, ut valeas ». Im ittelalter wurden schwülstige Phrasen und höfische Titulaturen oft im Üübermaß angewendet und es entstand jene Schwerfälligkeit des Ausdrucks, von der sich der Briefstil, namentlich der sog. Kanzleistil noch jetzt nicht ganz befreit hat. Am Schlusse des 11. Jahrh. ersohienen die ersten Briefsteller (s. d.). Diakon Alberich von Monte-Cassino (in der ars dictandi) unterschied 5 Hauptbestandteile des B.: 1) salutatio, 2) captatio benevolentiae, 3) narratio, 4) petitio, 5) conclusio. Diese 5 Teile erhöhten sig in der Zopfzeit des 17. 9 bis zu 12 Teilen. Die moderne Postkarte (s. d.) hat wesentlich dazu beigetragen, alle diese banalen Höflichkeitsfloskeln enpuschränden und Kürze und Knappheit des Ausdrucks, namentlich bei unwichtigen Sachen, in den Briefstil einzuführen. Seitdem durch die Entwickelung des Postwesens (s. d.) zu einer Weltanstalt die Vermittelung des Briefverkehrs in großartigem Maße gewachsen ist und die Zahl der Schreibunkundigen immer geringer wird, kann man die Briefzahl recht wohl als einen Gradmesser der Kultur betrachten. Nach den neuern Ermittelungen (1880) treffen auf den Kopf der Bevölkerung jährlich im Durchschnitt folgende Briefzahlen: Großbritannien und Irland 35,5 Stück, Schweiz 22, Vereinigte Staaten von Amerika 19, Deutschland 16,5, Niederland 15, Frankreich 13,1, Belgien 12,6, Dänemark 11½1, Luxemburg 11,1, Osterreich 9,5, Italien 6,5, Schweden 6,3, Spanien 4,8, Ungarn 4,7, Eriee 1,8, Rußland 1,2, Türkei 0,3 B. Jeder der etwa 312 Mill. Bewohner Europas schreibt durchschnittlich jährlich 10 B. Nach dem Inhalte der B. unterscheidet man folgende Arten von B.: Ablaß⸗, Abzugs⸗, Akkreditiv⸗/ Acht⸗, Adels⸗, Apostel⸗, Arrest⸗, Audienz⸗, Begnadigungs⸗, Beil⸗ oder Biel⸗(Vertrags⸗), Bestallungs⸗ (Mahn⸗), Erholungs⸗, Fehde⸗, Fracht⸗, 40 eits⸗, Friedens⸗ (bischöfl. B. an Gemeinden), Heist-Fron⸗, Gegen⸗, Geheim⸗(lettres de cachet, d. i. Verhaftungs⸗), Geleits⸗, Gesundheits⸗(Pässe), Gnaden⸗, Haupt⸗, Hirten⸗, Hypotheken⸗, Innungs⸗, Kaper⸗, Kauf⸗, Kompaß⸗, Kredit⸗ Kündigungs⸗, Lehns⸗, Lehr⸗, Leibgedings⸗„Los⸗, Lurd⸗ falsche Urkunde im Heerrechte Majestäts „(Böhmischer von 1609), Meisterrechts⸗, Meß⸗, Obedienz⸗, Pacht⸗, Pakt⸗, Pasquill⸗, Pastoral⸗, Patent⸗, Pfaffenlacts⸗, Urkunde), Pfand⸗, Prämien⸗, Protest⸗, vers⸗, Reeder⸗, Richte⸗, Scheide⸗, Schuld⸗, Schluß⸗, Su Schirm⸗, Schwör⸗(Verfassungsurkunde von Straßburg), Spruch⸗, Steck⸗, Stell, Stuben⸗ — t⸗), Sühn⸗, Tausch⸗, Teilungs⸗„Tod⸗ Tonur⸗, Urtel⸗, Vasallen⸗, Verhaft⸗, Wechsel⸗, Weih⸗, und Zunft-B. u. a. m., — Ausbrücke, welche die innige Verbindung des Begriffs B. mit dem Rechtsleben darthun. Frühzeitig bildete sich die Briefschreibung (Epistolographie) zu einer eigenen Gattung des litdtrarischen Schaffens aus, indem B. einerseits einen tiefen Einblick in das Gefühls⸗ und Geistesleben des Schreibenden gewähren, andererseits wertvolle Materialien zur Kenntnis der Zeitgeschichte liefern. Aus dem griech. Altertum sind nur wenig echte Briefe erhalten; die dem Plato, Aristoteles, Isokrates, fas ohm A und Aschines zugeschriebenen gelten fast ohne Ausnahme für unecht. Erst seit dem alexandrinischen Zeitalter kam die Epistolographie mehr in Aufnahme. In Rom entwickelte sich dieselbe namentlich in polit. Richtung 1gen Cicero). Die angesehensten Männer Roms ießen ihre B., meist polit. Inhalts, in zahlreichen Abschriften verbreiten, um sich eine zahlreiche Klientel für ihre polit. Zwecke zu erwerben. Einen hohen Grad von Urbanität und einem gefeilten Stil zeigen Ciceros Briefe. Nach dem Fall der röm. Republik diente die Darstellung in Briefform vielfach zur Erörterung allgemeiner Probleme im Leben wie in der Wissenschaft. Hierher gehören die B. des Philosophen Seneca, des Plinius u. a., von Spätern die des Symmachus, Ausonius, Sidonius. Christliche Schriftsteller erörterten Glaubenslehren in B. (Innocentius, Zosimus, Bonifacius, Cölestinus, Sixtus, Leo I., Gregor I.). Alcuin und Lupus zu Karls d. Gr. Zeit behandeln wissens chaftliche Gegentände in B. Mit der Wiederbelebung der Wissenchaften nahm auch die Behandlung Ausschung. icher Fragen in Briefform größern Au schwung. Ansangs schrieb man noch lateinisch (Ludwig von Vives, J. Lipsius, Reuchlin, Erasmus Celtes, Mulin, Horst, Erythraeus, Morhof u. a.) In barbarischem Latein sind auch die von Hutten und Rubianus verfaßten & Epistolae obscurorum virorumv (s. d.) (satirische Ausfälle gegen Mönchs⸗ und Pfaffentum) geschrieben. In der eigenen Muttersprache schrieben zuerst die Italiener B. von litterarischem Wert namentlich Annibale Caro, Manutius, Dolce, Bentivoglio, Pietro Aretino, Bernardo Ta o, denen unter den Neuern besonders Gozzi, A garotti, Metastasio und Ugo Foscolo würdig zur Seite treten. Vortreffliches leisteten vor allen aber die siil. io sen mit . graziösen Sprache im Briefstil, so Pascal, Frau von Sevigns, Ninon de I'Enclos, Racine, Rousseau, Montesquieu (Lettres persa3es, P. L. Courier, Mérimmée (Lettres à une E.Conmu,e) und Madame de Remusat. Vortreffliche Muster von B. weist auch die engl. Litteratur auf. Die B. eines Swift, Pope, Hughes, James 9975 6 William Temple, Addison, Locke, Bolingbroke, ord Chesterfield, Shaftesbury, Richardson, der Lady Montague, Sternes und Grays haben zum Teil klassischen Ruf. Großes Aufsehen machten 1769 die sog. Juniusbriefe. (S. 1 nius [Briefe des].) Im 17. Jahrh. begann auch in Deutschland eine nationale Brieflitteratur. Die Zopfzeit mit ihrem unnatürlichen und steifen Briefstil wurde zuerst von Gottscheds Gattin, sodann von Gellert (Praktische Abhandlungen von dem guten Gechmack in B.y) bekämpft. Von da an beginnt die lange Reihe ausgezeichneter Musterschriftsteller, wie Lessing, Winckelmann, Bonstetten, Klopstock, Wieland, Weiße, Jacobi, Garve, Abbt, Gleim, Bürger, Kant, Lichtenberg, Johannes von Müller, Goethe, Schiller, G. Forster, K. J. Weber, Jean Paul Friedrich Richter, Matthisson, Alexander und Wilh. von Humboldt, F. von Raumer, Börne, Heine, Rahel, Bettina u. a. Auch Gelehrte behandelten wiederum wissenschaftliche Gegenstände in B., so lieferten Ruhnken, Wyttenbach in Briefform (Epistola critican) Beiträge zur Kritik alter Schriftsteller, Liebig achemisches, Vogt physiologisches und Ghoglocs he, Raumer und Böckh aantiquarisches B. Vielfach wird in der Romanlitteratur von dem B. Gebrauch gemacht; ebenso werden wichtige Abschnitte der Zeitgeschichte, sowie Reisebeschreibungen in einer fortlaufenden Reihe von B. im Feuilletonstil behandelt. Die als Quellen für die ältere deutsche Geschichte wertvollen B. sind in den Monumenta Germaniae historicav in einer besondern Abteilung gesammelt. Auch die epistolarische Litteratur des Morgenlandes ist sehr reich-In Zu besonderer Blüte ist sie bei den Arabern und Türken gediehen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 3, S. 532Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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