FeedCancrin (Georg, Graf)
GeschichteBrockhaus 1882

Cancrin (Georg, Graf), russ. General der Infanterie und Finanzminister, wurde 8. Dez. 1774 zu 8. 400 geboren, wo sein Vater, Franz Ludwig „geb. 1738, ein sehr fruchtbarer und namentlich durch seine Grundzüge der Berg⸗ und Salzwerkstunder (13 Bde., 1773—91) bekannter Schriftsteller, in Diensten des Erbprinzen von Hessen stand. Im J. 1783 von der Kaiserin Katharina II. berufen, die oberste Leitung der Salzwerke zu Staraja-Russa im Gouvernement Nowgorod zu übernehmen, starb der Bater in Rußland 1816. Der Sohn besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt, dann 1790—94 die Universitäten zu Gießen und Marburg, wo er sich dem Studium der Rechte und Staatswissenschaften widmete und einen Roman „Dagobert, Geschichte aus dem jetzigen Freiheitskrieged (Altona 1796) schrieb. Er folgte 1796 seinem Vater nach Rußland, als dessen Gehilfe er zu Staraja-Russa eintrat. Ein Werk über »Die Verpflegung der Truppen „ ward nächste Veranlassung seiner Beförderung (1811) zum Adjiunkten des Generalproviantmeisters. In J. 1812 erfolgte die Ernennung zum Generalmajor und Generalintendanten der Westarmee, in welchem Posten er die Grundsätze durchkuardtor suchte, die er in dem Werk aliber die Miitärökonomie im Frieden und im Kriege und über e Wechselverhältnis zu den Operationenv (3 Bde., etersb. 1822—23) aufgestellt hat. Seit 1813 beleidete C. den Posten eines Generalintendanten fämtlicher aktiven Armeekorps und nahm bei der Rückkehr der Truppen nach Rußland den thätigsten Anteil an den Verhandlungen mit Frankreich wegen der sog. Montierungsentschädigung im Betrage von 30 Mill. Frs. Das günstige Resultat brachte ihm 1815 den Rang eines Generallieutenants; aber zuleich verwickelte ihn auch die Intrigue der altruss. artei in eine Untersuchung. Er rechtfertigte sich zwar, erhielt jedoch 1820 die erbetene Entlassung vom Posten eines Generalintendanten und wurde zum Mitglied des Konseils des Kriegsministeriums, nachher zum Mitglied des Reichsrats ernannt. In diese Zeit (1821) fällt die Heraus abe seines ziemlich unbedeutenden Werks über Weltreichtum, Nationalreichtum und Staatswirtschafto. Im J. 1823 übernahm C. als Finanzmister die Verwaltung des durch Baron Campenhausens und Gurjews Mißiffe Auenzinh entleerten Schatzes, die er 21 Jahre ang allerdings mit besserm Erfolg als seine ganz unfähigen Vorgänger, doch aber nicht zum Heil des Reichs leitete. Als Schriftsteller atte sich C. zum Freihandelssystem bekannt, als Minister führte er sofort das strengste Prohibitivsystem ein, und die Unternehmer inländischer Fabriken wurden auch mit barem Gelde unterstützt. Um sich in der kaiserl. Gunst zu erhalten, suchte C. unter allen Umständen Geld zu schaffen. Es war im tiefsten Frieden ein jährliches Defizit von mindestens 30 Mill. Rub. f. decen. Um den Schein zu wahren, daß die russ. Finanzen im mlehen gen Zustande seien, durften jedoch keine Anleihen gemacht werden. C. half sich dadurch, daß er den reditanstalten des Reichs die von Privaten dort niedergelegten Gelder entnahm. Diese versteckten Anleihen wurden dann in den jährlichen Berichten des inanzministeriums in einer freilich leicht durchsichtigen Weise maskiert. Da Kaiser Nikolaus auf eine Herabminderung der Armee nicht einging, half sich C. weiter durch eine maßlose Oit Dilte von unfundiertem Papiergelde, das «Kredit-Billets o genannt wurde; es repräsentierte angeblich Gold⸗ und Silbermassen, die in der Citadelle von ½½ niedergelegt sein sollten, in Wahrheit aber gar nicht existierten. Ein neuer Ruin auch der Valutaverhältnisse Rußlands wurde dadurch vorbereitet. Nachdem er seine Entlassung oftmals gefordert, ward sie ihm im April 1844 mit der Bedingung zugestanden, daß er als Reichsrat auch ferner an der Staatsverwaltung teilnehmen möge. Noch im Mai desselben Jahres reiste C. zur Wiedererlangung seiner Gesundheit in ein deutsches Bad und verbrachte den folgenden Winter in Paris. Hier schrieb er eDie konomie der Gesellschafto, ein Werk, dessen Grundsätze die außerruss. Welt bereits weit überholt hatte. Bald nach seiner Rückkehr sich Petersburg starb C. 22. Sept. 1845. Er hatte sich 1816 mit einem Fräulein Murawjew verheiratet, welcher Ehe vier Söhne und zwei Töchter entstammten, denen er ein roßes Vermögen hinterließ. Vgl. Im Ural und Altai. Briefwechsel zwischen A. von Humboldt und Graf Georg von C. v (Lpz. 1869). — Sein zweiter Sohn, Graf Valerian C., zeichnete sich als Oberst eines Dragonerregiments in den Krimfeldzügen w1854—55 aus und starb als Generalmajor und Generalkommissar im russ. Kriegsministerium 10. Nov. 1861.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 3, S. 900Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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