Cervantes Saavedra (Miguel de), einer der Ankang Bir Dichter, geb. zu Alcala de Henares seiner Vaterstadt, deren Hochschu besuchte, und begab sich um 1568 nach Madrid, um ier nach den Wünschen unb altadeligen, aus Gaicien stammenden, doch unbemittelten Eltern sich ein Brotstudium zu wählen. Aber ein unbesiegbarer Hang zog ihn zur Poesie hin, für die sein Lehrer, der ih Humanist Juan 4• de Hoyos, ihn noch mehr entflammte; Elegien, Romanzen, Sonette und ein verlorener Schäferroman Filenay waren seine ersten Erzeugnisse. Dürftigkeit zwang den 22jährigen Jüngling, sein Vaterland zu verlassen, um anderwärts seinen Unterhalt zu suchen. Er ging als Kämmerer des kunstliebenden Kardinals Giulio Aquaviva mit diesem nach Italien, zunächst nach Rom. Schon 1570 aber ließ er sich bei den span.⸗neapolit. Beiaen anwerben und focht mit in dem Kriege der Heiligen Liga gegen die Türken und afrik. Korsaren. Mut und Heldensinn zeichneten ihn aus; in der Schlacht von Lepanto (7. Ott. 157¹) er⸗ — er drei Schußwunden, deren eine ihm den linen Arm für immer lähmte. Vom Ende des —1 1573 bis zum Mai 1574 garnisonierte er in Sardinien, von wo er über Genua zu den Truppen des Juan d'Austria in der Lombardei stieß, mit denen er dann nach Sicilien zurückkehrte. In Reapel nahm er im Juni 1575 Urlaub, um nach siebenjähriger Abwesenheit in sein Baterland heimzukehren. Auf der Heimreise aber wurde er nebst seinem Bruder und der gesamten Mannschaft seiner Galeere von dem Korsaren Arnaut Mami gefangen und in Algier als Sklave verkauft. Fast se 8 Jahre verlebte er in Gefangenschaft, auf die er selbst in der berühmten mehrmals anspielt und die er in dem Leben von Algierv (El trato de Argely) dramatisch verwertete. ten von den Leiden und Verfolgungen, die er als Sklave zweier der grausamsten Herren, des griech. Renegaten Dali Mami und des Hassan-Pascha, erduldete und von den wiederholten, ebenso kühnen als abenteuerlichen rte ubesreten; und seine mitefangenen Landsleute zu befreien, ja sogar Algier fur seinen König zu erobern, sind zwar außerordentlich und romanhaft, doch außer allem Zweifel gestellt: die Originalakten einer über C.' Verhalten während seiner Gefangenschaft angestellten Unterniha mn befinden noch heute im Archiv von Sevilla und geben Zeugnis von seiner Kühnheit und Standhaftigkeit, sowie von seinem christl. Heldenmut. Endlich kauften ihn 1580 seine Verwandten und Freunde los. Nachdem er zu Anfang des folgenden Jahres in ß Spanien gelangt, trat er bald n— wieder in sein Regiment ein, das sich damals bei dem Heere in Portugal befand, und machte mit diesem die Expeditionen gegen die Azorischen Inseln mit, welche Philipp II. den Gehorsam verweigerten (1581—83), wobei er sich abermals sehr auszeichnete. Gegen Ende des J. 1583 kehrte er dann für immer in sein Vaterland und in den Privatstand zurück. Von nun an lebte er den Musen in stiller Zurückgezogenheit. Reich ausgestattet mit unerschöpflicher Erfindungsgabe, der umfassendsten poetischen Phantasie, treffendem Witz und humorvoller Laune, mit einem gereiften, klaren, durchdringenden Verstande und einem Schatz praktischer Welt⸗ und Menschenkenntnis, fand er in den Welten, die er schuf, Ersatz für die, welcher er sich entzog. Glücklich begann er seine neue Laufbahn mit dem seine Geliebte feiernden Schäferroman KGalateab (1584), nach dessen Erscheinen er sich bald mit ebenderselben, Dosa Catalina de Palacios Salazar y Vazmediana aus Csquivias, einem Dorfe nahe bei Madrid, vermählte. Da er nun auf einen größern Erwerb denken mußte, so widmete er seine poetische Thätigkeit der rhale die er schon als Knabe leidenschaftlich geliebt hatte, und lieferte in wenigen Jahren gegen 30 Dramen, die jedoch leider zum größten Tei verloren sind; nur „Das Leben in Algierv und die großartige Tragödie (Fumanciav sind erhalten. Seiner Armut sch er damit nicht auf, denn 1588 —99 hielt er si in Sevilla auf und lebte sehr eingeschränkt von dem kleinen Amte als Unterkommissar beim Lieferungswesen für die ind. Flotte, das ihn aber mit Land und Leuten in Spanien noch bekannter machte. Wo C. in den J. 1599 —1603 geweilt, ist unbekannt. Erst 1604 trat er wieder als Schriftsteller auf, und nun ganz in der Sphäre, die seinem Genius vollkommen angemessen war, mit dem Hon Quixoter, einem der vollendetsten Romane, die es gibt, einem Buche für alle Völker und Zeiten, das seinen Dichterruhm für immer sichert. Wo er ihn eschrieben, ist mit Sicherheit nicht zu sagen: wahrscheinlic in der Mancha und in Gefangenschaft, und vielleicht in einem der Flecken Argamasilla oder Toboso. C. beabsichtigte unter anderm mit diesem Werke eine Reform des Geschmacks und der Denkart bei seinen Landsleuten; dem abenteuerlichen Tolgen, de mit seinen ebenso lächerlichen als ubeln olgen, deren Quellen die Ritterromane waren, wollte er, die Geißel der Satire in der Hand, ein Ende machen. Doch erschöpft diese besondere Absicht keineswegs den Ideenreichtum des Don Quixotes, in dem ein unsterblicher Repräsentant aller der Phantasten doch zu N ist, die bei dem edelsten Enthusiasmus doch zu Narren werden. Der erste Teil erschien zu Madrid 1605 und wurde anfangs lau, bald aber mit dem höchsten Beifall aufgenommen, den später das ganze gebildete Curopa mit Spanien teilte. dur „Don Cuixoter zeigte es sich aber auch, von welchem echt poetischen Genius C. beseelt war, da der prosaische Zweck dieses Werks und die rmißt, sind unter K aufzusuchen. einseitige satirische Richtung kein Hindernis wurden I die schönste allseitige poetische Entfaltung. Mit er dem Genie eigentümlichen Universalität hat er in dem scheinbar Lokalen und Temporären ein allgemein Menschliches und für alle Zeiten Gültiges darzustellen gewußt: die tiefe Lebensansicht, daß gerade die edelsten Naturen oft das Ideale auf die unpassendste Weise zu realisieren suchen, was dann der nüchternen Weltklugheit und dem gemeinen Menschenverstande als bloße Narrheit erscheint. Unter welchem Gesichtspunkte man das Werk betrachtet, so steht es als unübertroffenes Muster da. Schöne epische Entfaltung, reges Leben, Wahrheit der Charaktere, Fülle der Hi h. Menge und Mannigfaltigkeit der anziehendsten Situationen, Kunst in Don Verkettung, Tiefe der Weltanschauung, klassische Vollendung des Ausdrucks sind die großen Vorzüge dieses Werks. Seinen Zweck erreichte C. fast vollständig, sofern nur wenige Ritterromane nach 1605 in Spanien noch ans Licht traten. Erst nach einer mehrjährigen Pause trat er mit neuen Produktionen hervor, indem er zuerst seine «Novellen » herausgab, Novelas ejemplareso (1613), 11 an der Zahl, zu denen eine zwölfte, Die angebliche Tantev, erst in neuerer Zeit gefunden ward, dann die Reise nach dem Parnaßo (1614) und 1615 acht neue Schauspiele und ebenso viele possenhafte Zwischenspiele. Die Schauspiele, im Nationalgeschmack, sind nur mittelmäßig, mit den kostbaren Perlen verglichen, die Lope de Vega damals ausstreute; die Zwischenspiele hingegen strotzen von Geist, Witz und Laune, doch wurden auch sie nur gleichgültig aufgenommen. Neid und Mißgunst wollten den unverantwortlich vernachlässigten Mann womöglich auch in litterarische Vergessenheit zurückdrängen, wozu die vergebens erwartete Fortsetzung des Don Quixoter den Vorwand lieh. Irgend ein Litterat, dem Anschein nach ein Geistlicher aus Aragon, schrieb unter dem Pseudonym Alonso Fernandez de Avellaneda 1614 eine Fortsetzung des Don Bd. 17), voller Schmähungen gegen C. Dieser rächte sich auf eine glänzende Weise durch die Herausgabe des zweiten Teils ˖ eines Don Quixotey (1615), der, trotzdem er in zahlreichen Widersprüchen die Nachteile einer mit der Abfassung sich erst entwickelnden Konzeption zeigt, mit Recht für noch vollendeter gehalten wird als der erste. In äußerster Dürftigkeit würde C. der Tod überrascht baben hätte er nicht in seinen letzten Lebensjahren an dem Grafen von Lemos einen Gönner gefunden und von einem andern Gönner, dem Kardinal-Erzbischof von Toledo, eine kleine Pension bezogen. C. starb 23. April 1616 in Madrid, wo er in den letzten nach sei seines Lebens sich aufgehalten hatte. Erst nach seinem Tode (1617) erschien sein Roman: «Die Leiden des Persiles und der Sigismundav (deutsch, 2de., Lpz. 1837), der innerhalb zweier Jahre in acht Auflagen gedruckt wurde und somit unter C. Werken unbegreiflicherweise den größten Erfolg erzielte. Unter den Ausgaben des (Don Quixote sind außer der Prachtausgabe (4 Bde., Madr. 1780) als die besten pon Napar die von Pellicer (9 Bde., Madr. 1798), von Navarrete (mit der dokumentierten Lebensgeschichte des C., 5 Bde., Madr. 1819), die mit dem vollständigsten Kommentar von Diego Clemenein (6 Bde., Madr. 1833—39), und als gute Handausgaben die zu 0⁵6 erschienenen (6 Bde., 1800—7; 2 Bde., 1860). Ein kritische Reproduk1tion der ersten Ausgabe veranstaltete Lopez Fabra: Cervantes. Don CQuijote de la Mancha. Primera edicion reproduciday (2 Bde., Barcel. 1872). Ge⸗ „samtausgaben seiner Werke erschienen zu Madrid fohne die Komödien (16 Bde., 1803 —5), ebenda ohne die Reise nach dem Parnaß» (11 Bde., 1829) und zu Argamasilla (12 Bde. in 8. und 12., 1864). Ein Wiederabdruc sämtlicher Werke C.' ist auch in der madrider «Biblioteca de autores espanoleso erschienen. Neu aufgefundene Manuskripte von C. veröffentlichte A. de Castro unter dem Titel: «Cervantes. Varias obras ineditas de C.v (Madr. 1874). Die erste deutsche Übersetzung des Don Quixoten aus dem Spanischen erschien 1669 zu Frankfurt, blieb aber unvollendet; die erste vollständige zu Basel und Frankfurt (2 Bde., 1683). Unter den nachfolgenden sind zu erwähnen die von Bertuch (6 Bde., 3· 1780), von Tieck (4 Bde., Berl. 1799—1801; 3. Aufl., 2 Bde., 1852; mit Zeichnungen von Dore, Berl. 1875) und von Soltau (6 Bde., Königsb. 1800; 2. Aufl., 4 Bde., h Mövellen Eine Übersetzung sämtlicher Romane und Novellen des C. wurde von Keller Hund Notter (10 Bde., Stuttg. 1840—42) besorgt. Vgl. Chasles, Michel de C., sa vie, son temps, son œuvrey (2. Aufl., Par. 1866), und E. Dorer, (C. und seine Werke nach deutschen Urteilen. Mit (Opz. 1881). Sein Todestag, der 23. April, wird in fest allen Städten Spaniens alljährlich in & tlicher Weise begangen.