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ErdkundeBrockhaus 1882

Chios, von den Türken Saki-Adassi, d. h. Mastixinsel, genannt, noch bis 1881, wo sie durch eine Reihe von Erdbeben vollständig ruiniert wurde, eine der schönsten und fruchtbarsten unter den der Pforte gehörigen griech. Inseln im Agäischen Meere, an der Westküste Kleinasiens, zwischen Lesbos und Samos gelegen. Die Insel, ein Teil des Vilajets Dschesair, hat einen Flächeninhalt von 826,7 ꝗEm. Der nördlichere Teil wird fast ganz von steilen und jetzt meist kahlen Kalksteingebirgen eingenommen, unter denen das Pelinnäon (jetzt schlechtweg „Oroso, d. i. Berg, genannt) das höchste ist (1261 m); der südlichere Teil hat niedrigere Berge, die teils angebaut, teils mit immergrunem Strauchwerk bedeckt sind. Die einzige größere Ebene in der Mitte der Ostküste um die Hauptstadt herum erscheint wie ein großer Wald von Orangen- und Citronenbäumen mit vielen Landhäusern der Bewohner der Stadt. Eigentliche Flüsse hat C. nicht, sondern nur eine Anzahl Bäche. Im Altertum war die Insel durch außerordentliche Fruchtbarkeit des Bodens, besonders durch ihren Wein und ihre Feigen berühmt, daher mißt, sind unter K aufzusuchen. 20* man mit einem chiischen Leben und mit chiischen l Tafeln den Begriff der Schwelgerei verband. Noch l gegenwärtig werden Wein, Ol, Baumwolle, Feigen und vorzüglich Mastix (im südwestl. Teile der Insel, wo die sog. Mastixdörfer liegen), sowie Südfrüchte ebaut. Auch wird Käse, Wolle und Seide gewonnen. an fertigt Seiden⸗ und Baumwollwaren, und der Handel mit diesen sowie mit eingemachten Früchten, Konfitüren, mit Getreide, Vieh und Salz ist beträchtlich. Die Zahl der Einwohner beläuft sich auf ungefähr 36000, darunter etwa 2500 Türken und 1000 kath. Echener die übrigen Griechen. Die Hauptstadt C., ehemals bisweilen auch Kastro genannt, auf der Ostküste gelegen, vor dem Erdbeben 1881 mit 13 000 C., ist Sitz eines Aga und eines griech. Erzbischofs, wird durch ein Kastell geschütztund hat einen mit zwei Leuchttürmen versehenen Hafen. Die alte Geschichte der Insel knüpft sich an die Jonier, die hier nach der dor. Wanderung festen Fuß faßten. Seit Cyrus (etwa seit 540 v. Chr.) wurde die Insel den Persern unterthänig. Nach den Perserkriegen schloß sie sich dem unter Athens Hegemonie gegründeten Bunde an, fiel im Peloponnesischen Kriege (412 v. Chr.) wieder von Athen ab, trat dann wieder im J. 378 v. Chr. dem neuen atheninschen Seebunde bei, entzog sich aber durch den sog. Bundesgenossenkrieg (357—355 v. Chr.) wieder dem Einflusse Athens, und teilte nachher unter Alexander d. Gr. und den Diadochen die Schicksale der übrigen griech. Städte und Inseln Kleinasiens. In C. wurde zuerst durch Melas eine angesehene Schule der Marmorbildnerei gegründet, die sich vier Generationen hindurch bis auf Bupalos und Athenis erhielt. Die epische Dichtung wurde in C., welches zu den sieben Städten zählte, die sich als den Geburtsort Homers ausgaben, durch die Schule der Homeriden, die den Homer als ihren Stifter und Ahnherrn verehrte, gepflegt. In späterer Zeit hat Jon von C. als Elegiker, Dithyrambiker und Tragiker, Theopompos als Historiker sich berühmt gemacht. Als ein Teil des Pergamenischen Reichs kam C. 133 v. Chr. an die Römer, gehörte zu der Provinz Asia, seit Diocletian zu der Inselprovinz. Seitdem blieb es im Besitze der byzant. Kaiser, bis endlich 1346 die genuesis che Handelskompagnie Maona die Insel eroberte und kolonisierte. Unter dem Schutze der Republik Genua behauptete nachher seit 1362 die neue Aktiengesellschaft der Giustiniani die Insel bis 1566, wo die Türken auch C. eroberten. Unter der türk. Herrschaft genossen die meist griech. Bewohner große Vorrechte. Sie standen zwar unter einem vom Kapudan-Pascha eingesetzten türk. Aga, hatten aber sonst ihre selbstgewählten Behörden, besaßen eine im ganzen Orient berühmte Schule und genossen das Recht, auf ihren Türmen Glocken zu haben und läuten zu dürfen. C. war das gewöhnliche Standquartier der zwischen Konstantinopel, Syrien und Alexandria segelnden Schiffe, und die Einkünfte der Insel bildeten ein Privateigentum der Damen des Harems des Pa-⸗ dischah. Dieser Blüte der Insel, die damals 130000 E. wurde ein Ende gemacht im neugriech. Unabhängigkeitskriege im J. 1822, wo die Türken die von Samos aus insurgierte Insel durch Mord, Raub und Brand auf das furchtbarste heimsuchten. Die Insel hatte sich später wieder erholt und zählte gegen 70000 E. Vom 3. bis 11. April 1881 wurde sie indes durch wiederholte Erdbeben vollständig ruiniert; im Jan. 1882 erneuerten sich die Erdbeben, wenn auch weniger stark. Vgl. G. von Eckenbrecher,Die Insel C.v (Berl. 1845).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 4, S. 307Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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