Chiromantie (arch.), die Kunst, aus den Zei-t chen und Linien der Hand wahrzusagen. Die sich aufI eine Tradition aus dem Altertum stützende mittel-1 alterliche Scholastik stellte den Grundsatz auf, daß r die von der Gottheit ursprünglich in die Hand jedes Menschen gezeichneten Züge und Linien dessen individuellen Gehalt, Tugenden, Neigungen und Lei⸗ i denschaften ausdrückten und die Andeutung seiner künftigen Schicksale enthielten. Ungeachtet der e Chiromant Agrippa von Nettesheim eine Anzahl ! seiner chiromantischen Vorgänger anführt, wie Hermes, Alchindus, Walamontu Pharaotes, Galen, Avicenna, Rasis, Palämon u. s. w., ja sogar auch L. Sulla und Cäsar zu Chiromanten macht und sich dann selbst in die wirre Menge seiner zeitgenösischen Kunstkollegen verliert, welche wieder die utoritäten fast zahlloser Nachfolger wurden, so ist i doch keineswegs eine besondere Kenntnis und Pflege der C. im Altertum nachzuweisen, noch auch überhaupt eine bestimmte Grundlage dafür zu finden. Selbst das Wort C. wird vergebli in der alten Latinität Retilhr Erst im Mittelalter erfuhr die C. ihre Ausbildung und erhielt sich lange Zeit in großem Ansehen, bis sie allmählich zu einer bloßen gesellschaftlichen Spielerei herabsank. Der Anblick der innern Fläche der menschlichen Hand bietet mehrere scharf markierte Linien dar, welche durch den Druck der Fleischmuskeln der beweglichen Hand entstehen und bei dem gewöhnlichen ruhigen Gebrauch der Hand sich wenig oder gar nicht verändern, wohl aber je nach der Hantierung oder Verwendung der Hände in der Zeichnung verändert erscheinen können, sodaß man daraus wohl auf die Beschäftigung, durchaus aber nicht auf den Charakter und die Zukunft des Menschen schließen kann. Die chiromantische Doktrin hat jedoch eine so große Menge willkürlicher Linien aufgestellt, daß eine danach gezeichnete schematische Hand mit den dahen Tar wirren Linien bei weitem mehr einer rohen Tättowierung gleicht als einer gesunden unverkrüppelten Hand. Es ist erklärlich, daß aus diesen willkürlichen und verwirrten Zeichnungen die abgeschmacktesten Dinge zum Vorschein kommen mußten. So stellt der Chiromant Joh. Prätorius (gest. 1680), welcher als hauptsächlichste Autorität in der C. angesehen wurde, fest, daß man Kindern unter vier bis sechs Jahren nicht auf die Hand sehen dürfe, ohne dem Kinde zu schaden, daß die Kunst bei Männern nur im Frühling und Sommer, Sonntags oder Donnerstags und nur aus der rechten Hand, bei Frauen aber nur im Herbst oder Winter, am Freitag und nur aus der linken Hand mit Erfolg geübt werden könne, daß für das gefahrlose Reiten der Doppelriemen des Zaums durchaus zwischen den kleinen Finger der linken Hand zu fassen und dazu der Daumenballen mit der Lebenslinie auf den Sattel gedrückt werden müsse, sodaß der Daumen nach rechts stehe u. s. w. Auch eine biblische Grundlage fehlte der C. nicht, und zwar war dies die falsch gedeutete Stelle Hiob 37, 7, welche auch von Luther nicht klar verständlich übersetzt wurde. (Alle Menschen hat Gott in der Hand, als verschlossen, daß die Leute lernen, was er thun kann. v) Aus der höchst umfangreichen Litteratur über C. sind hervorzuheben: Joh. von Hagen (Joh. ab hyromantiam, Physiognomiam, Astrologiam naturalem (mit Abbildungen, 1522),C. Nun volget hernach von der kunst Ciromantiav (mit Holzschnitten, Straßb. 1637), Chiromantie universelle repréesentée en plusieurs certaines de figuresv (Par. 1682), (Anleitung zu den curiösen Wissenschaften, nemlich der Physiognomia, Chiromantia, Astrologia, Geomantiav(mit vielen Kupfern, Frankf. 1717). Nicht, wie oft geschieht, mit der C. zu verwechseln ist die Chirognomie, welche auf der Fläche der Hand die Zeichen der Ppisen Begierden und bis auf einen gewissen Grad die Intensität der geistigen Anlagen, welche diese Begierden bestimmen, erkennen will. Vgl. d'Arpentigny, Die Chirognomie u. s. w.» (deutsch von Schraishuon, Stuttg. 1846).