FeedChiffon (frz.)
Sitten & ModeBrockhaus 1882

Chiffon (frz.), Lumpen, Lappen; weiblicher Putz, Flitter, Staat; Chiffonnier, Lumpensammler; mißt, sind unter K aufzusuchen. Chiffonnieère, Lumpensammlerin; auch Kommode, Kästchen für Putzgegenstände; chiffonnieren, zerknittern, zerknüllen. Chiffrier⸗ und Dechiffrierkunst ist die Fertigkeit, den logischen Begriff eines Wortes oder Satzes mittels willkürlich .4. Buchstaben, Zahlen und Zeichen in der Weise graphisch darzustellen, daß das logische Verständnis für jeden dritten Uneingeweihten, mindestens nicht ohne längere und schwierigere Untersuchung und Enträtselung (Dechiffrierung), versagt bleibt. Obschon diese Kunst geschichtlich nachweisbar bis in das graueste Altertum zurückzuführen und in ihrer Ursprünglichkeit nur die mehr oder minder gelungene Bild oder Begriffsschrift ist, und die daraus allmählich entwickelten allgemeinen phonetischen Lautzeichen oder Buchstaben nichts anderes sind als der nfangslaut des im Bilde dargestellten (ideographischen) Begriffsgegenstandes, so ist doch dieser Hauptgrundzug der Chiffrierkunst besonders durch den mittelalterlichen Scholastizismus, namentlich seit Trittheim, Agrippa von Nettesheim und dem noch spätern Athanasius Kircher, gänzlich verblichen und in keiner unserer europ. Buchstabenschriften wiederzuerkennen, während er in der chines. Schrift wie in der auch noch heute angewandten hebr. Quadratschrift in alter Ursprünglichkeit sich erhalten hat und seit dem wiedergewonnenen Verständnis der Hieroglyphen uns in ganzer Originalität vor Augen tritt. So ist nun die Chiffrierkunst der absoluten Willkür subjektiver Auffassung preisgegeben worden und damit einer wüsten und 35 acar. d6 Methodik und Litteratur verfallen, daß sogar die optische und akustische Telegraphie in der ungeheuerlichsten Ausdehnung (wie z. B. in F. B. sriertunst 4Cryptographia », Hamb. 1685) zur Chi rierkunst ezogen, mit seltsamen Kunststücken versetzt und zur eeren Spielerei ausgeartet ist. Schon in der aus Silben und Begriffszeichen bestehenden ältesten, anarischen, Keilschrift ist erkennbar, daß sie einer frühern Bilderschrift entlehnt war, bis sie in ein regelmäßiges, arisches, Alphabet zusammengefaßt wurde. Auch aus den ursprünglichen ideographischen Hieroglyphen bildete sich dadurch ein allgemeines phonetisches Alphabet, daß man die Anfangsbuchstaben der ideologischen Hieroglyphen zu neuen Laut⸗ und Wortbegriffen miteinander verband. Nimmt man beispielsweise die Hieroglyphe — in roher Zeichnung, so findet sich une O ein Mund, Schna, ferner in diesem Munde eine Sonne Ré, und unter beiden eine Sphinx, Tsünkö. So hat man die drei Anfangsbuchstaben Sch RT, mit Hinzufügung der Vokallaute Oü-Schi-Ré-T, = Osiris. Ferner: / zuerst ein Mond Joh, dann ein Ei, Soonhi, und wieder die Sphinx wie oben, also J-S-eel = Isis. In gleicher Weise ist das Altsemitische aus den sche Albaber! Zeichen in das allgemeine phonetische Alph abet übergegangen, wie das altsemitische (phönizische) , oder F, oder umgekehrt V, altgriechisch N, lateinisch A (in assyr. Keilschrift IIa la ap, als Name eines Ideogramms für einen stiergestaltigen Dämon) und noch in der heutigen hebr. Quadratschrift & erkennbar in der Bedeutung Stierkopf, Stier, Erster, Fürst. In entsprechender Weise wie bei den Hieroglyphen hat auch die hebr. Sprache viele Rosche-teboto (Kopfbuchstaben) zusammen-Conversations-Lexikon. 13. Aufl. IV. gesetzt und phonetisch belebt, wovon manche sogar in die Volkssprache übergegangen sind, z. B. rat = Reichsthaler, pag = poln. Groschen u. s. w. Forscht man, mit übergehung der wesentlich durch die Ent zahllosen kabbalistischen Buchstaben- und Zahlentranspositionen und Kombinationen geförderten und endlich auch in die tollste Zaubermystik und Gaunersprache hineingeratenen wirren Formen, nach einer ältesten chiffrierten Urkunde, so führt uns die Tradition als ältesten Nachweis das Mene mene tekel upharsin des Propheten Daniel Gap. 5, 25) entgegen, welches die Weisen des Königs Balsazar nicht entziffern konnten, weil sie die angeblich in syr. Buchstaben erschienene Inschrift nicht, wie Daniel that, von rechts begonnen von oben nach unten lasen, wie die Buchstaben abweichend verstellt gewesen sein sollen. Die in der Diplomatie verwendete Chiffrierkunst sieht jetzt ab von den vielen willkürlichen Künsteleien und Besonderheiten und bedient sich gewöhnlich der volllommen ausreichenden Buchstabenschrift nach folgender Chiffriertabelle: Die erste horizontale KSprachliniey (Cursivschrift) ist für die „Klarschrifto, d. h. für den grammatisch korrekten Wortlaut mit der logischen Bedeutung bestimmt. Die linksseitige erste vertikale 98 Ahobahets zeigt die veränderte Reihenfolge des Alphabets an, mit welcher das Alphabet der Sprachlinie beliebi verwechselt werden kann. Gewöhnlich werden sämtliche Buchstaben klein chiffriert; die Lesezeichen fallen weg; die Umlaute und Doppelkonsonanten werden getrennt, also ae, oe, ue, sz, tz; das i vertritt auch das konsonantische j. Meistens werden die Wörter nicht voneinander durch Zwischenräume geschieden, sondern alle Buchstaben in fortlaufender Reihe hintereinander gesetzt. Chiffriert man ganz mit Zahlenchiffren, so wird zur Vervollständigung der 25 Buchstabenzeichen nach 9oder 0 noch ein Zeichen an die Zahlchiffre angefügt, z. B. 1, 2 u. s. w. oder auch noch 1, 2“ u. s. w. oder 15, 2eR u. s. w. an Reiher werden dann in der willkürlich gewählten Reihenfolge nach ihrer Buchstabengeltung angewandt. Will man nun beispielsweise in Chiffren schreihen: „Der Reichskanzler ist heute Nachmittag 5 Uhr nach Varzin gereistv und wählt man dazu den Chiffre o, nach welchem a p, b, =r u. s. w. gilt, so muß die Depesche so gefaßt werden: stf ftxrwgypboztf xgh wtiht bprwaxhhpv 5(uitbu) iwf bprwkpfoxb vtftxgh. Oder auf dem Chiffre , gedrängt, mit Worttrennung durch Striche: Oder endlich auf dem Chiffre b, ohne Wortabteidiwbsakohfsfktu. Die en Buchsahen⸗ d. h. die Auswechselung der einzelnen Buchstaben des Wahlalphabets mit den über ihnen stehenden Buchstaben des Sprachalphabets, ist 40 leicht, sobald man den Wahlbuchstaben (den 4Schlüssel) kennt. Mit Hilfe der Chiffriertabelle kann man sogar aus einer fremden unbekannten Sprache genau dechiffrieren. Sehr interessant und den Verstand schärfend, wenn auch Geduld, Aufmerksamkeit und Zeit erfordernd, ist aber das Dechiffrieren ohne Schlüssel, den man erst selbst aus dem mehr oder minder häufigen Vorkommen der einzelnen Buchstaben oder Chiffren suchen muß. Am besten verfährt man, wenn man den ganzen Chiffre etwas entfernt voneinander zum Einschalten oder üÜberschreiben für die Klarschrift abschreibt und am Ende jeder Zeile die am meisten vorkommenden Chiffren der Zahl nach notiert. Es wird sich sofort ein vorwiegend häufiger Chiffre auszeichnen, der e ist; dann folgt u. i, s, t, h, a, r, d, u. Merkt man sich dazu die im Deutschen uchlabigen mäßig wenigen zwei⸗, drei⸗ und vierbuchstabigen Wörter, so kann man, namentlich wenn die Wörter gehörig getrennt voneinander stehen, mit Sicherheit auf ein bestimmtes Wort schließen und die dasselbe bildenden Buchstaben in Klarschrift über alle gleichen Chiffren der ganzen Chifr hinschreiben. Eine gute Vorübung für das Chiffrieren ist überhaupt das aufmerksame Aufzählen, Notieren und Vergleichen der verschiedenen Buchstaben in den Druckzeilen irgend eines Buchs allgemeinen Inhalts. Die besondern .B. ein und Kunststücke beim Chiffrieren, wie z. B. ein + am Schlusse, oder die Einklammerung eines Satzes in Parenthesen () als Bezeichnung des Gegentheils, oder die Anwendung zweier oder mehrerer Buchstaben zu Anfang oder am Schluß einer Zeile als non-valeurs u. dgl., sind in den Augen eines nur einigermaßen geübten Dechiffreurs schon ins Triviale geraten und kommen immer mehr in Wegfall. Die Litteratur der Geheimschriften ist überaus reichhaltig geworden und hat seit dem Mittelalter der subjektiven mystischen Vertiefung, der Zaubermystik mit ihren Amuletten, Zauberzeichen und Kreisen schlimmen Vorschub geleistet, wie den Aberglauben und die Volksentsittlichung sehr gewrache, auch in den Zauberbüchern, der Blumenprache, Chiromantie, dem Kartenlegen und den Punktierbüchern u. s. w. noch immer eine höchst nachteilige Litteratur aufzuweisen. Das entschieden tüchtigste und beste Werk über die Chiffrierkunst ist das von Kasiski, „Die Geheimschriften und die Dechiffrierkunst. Mit besonderer Berücksichtigung der deutschen und franz. Spracher (Berl. 1863). Eine populäre kleine Schrift hat Avé-Lallemant herausgegeben unter dem Titel: „Die Ge eimschreibekunst in ihrer Anwendung auf die Reichspostkarten v (Leipz. 1875). über Chiffre als Handzeichen oder Namenszug s. unter Monogramm. ——

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 4, S. 256Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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