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ReligionBrockhaus 1882

Christentum ist im geschichtlichen Sinne des Wortes diejenige Religion, welche in Jesus von Nazareth den Christus (s. d.), d. . den Gesalbten Gottes erkennt. Da auch die Juden einen «Christus» (Messias) erwarteten, so beruht der ursprüngliche Unterschied des C. vom Judentume zunächst in der Anerkennung oder Nichtanerkennung Jesu als des den Väterno verheißenen Messias. Dagegen ist der Name «Christeno oder «Christianerb für die Bekenner Jesu ebensowenig von den Christen selbst als von den Juden aufgebracht worden, sondern kam zunächst in heidnischen Kreisen, nach der Angabe der Apostelgeschichte bei den Griechen in Antiochia, jedenfalls in Syrien oder Kleinasien, in Umlauf, bis er von den Bekennern Jesu als Ehrenname aufgenommen wurde. Von den Juden wurden die stammverwandten Christen lange Zeit nur als Razaräero oder Minäero (d. h. Ketzer) bezeichnet, die Heidenchristen galten ihnen einfach als Heidenv. Die röm. Obrigkeit behandelte die Christen bis ins 2. Jahrh. hinein nur als innerjüd. Sekte. Indessen war der Gegensatz der Christen zu den Fuden gleich von vornherein noch ein unendlich rößerer als der, daß jene in Jesu den gekommenen essias sahen, während diese noch einen künftigen Messias glaubten erwarten zu müssen. Obgleich in seiner ursprünglichen Gestalt und auch für das Bewußtsein seiner ersten Bekenner nur die «Erfüllung von Gesetz und Propheteno und daher, wenn nicht ausschließlich, doch vorzugsweise für das Volk Israel bestimmt, trug die Botschaft von Jesu dem Christus von Anfang an eine die Schranken des Judentums mit Notwendigkeit durchbrechende geistige Macht in sich, und es sammelten sich schon ein Menschenalter nach Jesu Kreuzestod seine Bekenner fast ausschließlich aus der Masse der Heiden. Der neue durch Jesus selbst in den alten Messiasglauben hineingelegte religiöse Gehalt führte mit der Zeit von selbst dazu, «die alten Schläuche zu zerreißen ». Während die «Judenchristen v sich nach wie vor an das Gesetz Israels gebunden erachteten, zog Paulus zuerst aus dem 4Argernis des Kreuzes v (Gal. 5, 11) die Konsequenz, daß durch den Sühntod des Messias das Gesetz aufgehoben und die Scheidewand zwischen Juden und Heiden niedergerissen sei. Ungeachtet der unerschütterten Anerkennung der alttestamentlichen Offenbarung als der Vorbereitung der mit Christus gekommenen Erfüllung trat das C. immer bestimmter als eine selbständige Religion sowohl dem Judentum als dem Heidentum gegenüber und stellte sich als die höhere Einheit dar, in welche beide vorchristl. Religionsformen aufzugehen bestimmt wären. Dem Heidentum stand das C. von vornherein vermöge seines ihm mit dem mißt, sind unter K anszusuchen. Judentum gemeinsamen Glaubens an den Einen ott gegensätzlich gegenüber. Aber schon um die Mitte des 2. Jahrh. konnten philosophisch gebildete Christen sich der Anerkennung nicht entziehen, daß auch im Heidentum EI Christus vorbereitende Clemente und eine Wirksamkeit desselben göttlichen Prinzips, welches im C. zur vollen Wirklichkeit . kommen sei, vorhanden waren. Die neuere Philosophie der Geschichte hat diesen Sachverhalt geradezu dahin bestimmen wollen, daß das C. als das Gesamtprodukt sowohl des jüd. als des heidnischen Geistes zu der Zeit, als beide über sich selbst als gleicherweise einseitig hinausstrebten, zu begreifen sei: eine Ansicht, an welcher jedenfalls das Richtige ist, daß das C. bei seinem Eintritt in die Geschichte auch die heidnische Welt zu seiner Aufnahme vorbereitet fand und selbst auch in dem Maße, als es von der jüd. Hülle sich löste, heidnische Bildungselemente in sich aufnahm. Das eigentümliche Wesen des C. ist aber nicht aus einem bloßen Verschmelzungsprozesse von Judentum und Heidentum, sondern nur aus der geschichtlichen Persönlichkeit dessen, der ihm den Ursprung gab, und aus der Bedeutung, welche diese Person von Anfang an für das Glaubensleben ihrer Bekenner hatte, zu erklären. Es ist eine geschichtliche Thatsache, daß (abgesehen vom Buddhismus) nur das C. der Persönlichkeit seines Stifters eine centrale Stellung in dem religiösen Bewußtsein seiner Bekenner eingeräumt und die Frage nach der Bedeutung dieser Person zu der eigentlich religiösen Kardinalfrage erhoben hat, während weder das Judentum noch irgend eine andere außerchristl. Religion über die Persönlichkeit des Religionsstifters selbst eine eigene Lehre aufstellt, geschweige diese Lehre zur Haupt- und Grundlehre des gemeinsamen «Glaubenso erhebt. Daß diese fundamentale Bedeutung der Person Jesu für seine Bekenner nicht gleich von Anfang an von allen christl. Parteien mit gleicher Entschiedenheit asaache um so wurde, kann die Wichtigkeit dieser Thatsache um so weniger abschwächen, als es ganz in der Natur der Sache liegt, daß ein neues Prinzip nicht gleich von vornherein in seiner ganzen Tragweite erkanntwird. Ebensowenig kann für die geschichtliche Würdigung des C. die moderne Anschauungsweise zunächst in Betracht kommen, welche zwischen Idee und Ge-Wesen sorgfältig zu scheiden und das bleibende Wesen des C. auch abgesehen von der Person seines Stifters zu ermitteln sucht. Denn was auch Berechtigtes an diesen Versuchen 1 die Thatsache bleibt jedenfalls stehen, daß die ristl Religion als solche von dieser eigentümlichen Beziehung der Idee auf die Geschichte und die geschichtliche Persönlichkeit Jesu ihren eigentümlichen Charakter erhalten hat. Alles, was die christl. Frömmigkeit einerseits von der Offenbarung des göttlichen Willens, andererseits von der Vollendung alles religiösen Lebens im C. auszusagen sich gedrungen fühlt, hat sie von vornherein in ihrer Vorstellung von der Person Christi niedergelegt. Die im C. einfach die 4Vollendung des Gesetzes und der Prophetenv sahen, betrachteten Christum als den KSohn Gottes » im Sinne der jüd. Messiasidee, also als eine wesentlich menschliche, aber mit dem Geiste Gottes gesalbte Persönlichkeit, als den vollkommenen Gerechten, den Knecht Gotteso und den Propheten der Wahrheit; die es mit Paulus als einen neuen Gottesbund mit den Menschen, als eine Botschaft von der sündenvergebenden Gnade und der Befreiung vom Gesetzesfluche betrachteten, erkannten in ihm das persönliche Abbild des himmlischen Vaters, den „Sohn Gotteso vom Himmel her, der die Menschen durch seinen Kreuzestod von den Sünden befreit, mit dem Vater versöhnt und aus dem Stande der Knechtschaft zur Freiheit der Kinder Gottes erhoben habe. Je tiefer man sich des C. als der schlechthin vollkommenen Offenbarung Gottes bewußt wurde, desto unabweisbarer suchte die Frömmigkeit ihren höchsten Ausdruck in der Lehre von der wesentlichen Gottheit Christi zu gewinnen und diese nach allen Beziehungen hin zu festen dogmatischen Vorstellungsformen re Menschhent doch ohne daß man dabei auf die wahre Menschheit Christi verzichten wollte. Als Voraussetzung aber für die Vorstellungen sämtlicher christl. Parteien von der Person Jesu Christi galt der Glaube an die schlechthin übernatürliche Entstehung des C. So bildete sich schon in den ersten fünf Jahrhunderten seit Christus diejenige dogmatische Form des C. heraus, welche noch heute der orthodoxen Lehre aller Rolhe Hauptkonfessionen zu Grunde liegt. Nicht infolge einer äußern Nöti-Rels durch die im Neuen Testament, der christl. eligionsurkunde, niedergelegten Lehren von Christus (obwohl dieselben schon vom 2. Jahrh. an als Hauptbeweismittel benutzt wurden), noch weniger infolge des Eindringens griech. Philosophie (obwohl auch diese auf die theol. Ausbildung der Lehren von Einfluß war), sondern vermöge einer innern Nötigung des christl. Bewußtseins selbst und durch Reflerion über die ihm zu Grunde liegenden „Geschichtsthatsachen hat sich das Dogma von der Gottheit Christi in der Gestalt, die ihm zuletzt die Kirchenversammlung zu Chalcedon (451) gegeben fetentwickelt. Der dogmatische Begriff vom C. ist seitdem in der Hauptsache unverändert geblieben. Hiernach ist dasselbe die durch die Gottesoffenbarung im Alten Testament vorbereitete, von den Propheten geweissagte, von den Aposteln n Christi aller Welt gepredigte Botschaft, daß Jesus Christus des ewigen Vaters ewiger Sohn, wahrhaftiger Gott und seit seiner irdischen Geburt auch wahrhaftiger Mensch, vom Himmel auf die Erde herabgestiegen ist, um durch sein Leiden und Sterben die ⁷% Menschheit mit dem Vater zu versöhnen, nach vollbrachtem Werk aber von den Toten wieder auferstanden und leiblich gen Himmel gefahren ist, vm von dort aus zur Rechten des Vaters seine Gläubigen und die ganze Welt zu regieren. Die Reformation hat an diesen dogmatischen Begriffen so wenig etwas geändert, daß sie sich vielmehr ausdrücklich auf den Boden der alten Glaubensbekenntnisse stellte und das überlieferte Dogma sogar nach mehrern Beziehungen hin noch bestimmter auszubilden suchte. Erst unter dem allmählich erstarkenden Einflusse einer von den kirchlichen Formen sich emancipierenden weltlichen Bildung ist zuerst im 18. Jahrh. eine mächtige Opposition gegen die überlieferten Lehren von der Gottheit Christi erwacht. Wie das Aufklärungszeitalter überhaupt das geschichtliche C. auf eine allgemeine Vernunftreligion zurückzuführen suchte, so bekämpfte es auch die kirchlichen Vorstellungen von Christi Person, welche der sog. Supranaturalismus immer schwächer und kleinmütiger verteidigte. Die neuere Wernaturtie seit Kant war hierauf bestrebt, den «übernatürlichen v Ursprung des C. immer konsequenter auf die Gesetze aller geschichtlichen Entwickelung zurückzuführen, nißt, sind unter K aufzusuchen. konnte daher auch für die Person seines Stifters keine andere als eine wahrhaft menschliche Auffassung gelten lassen. Um so eifriger hat sie Phallen sich bemüht, die allgemeinen Wahrheiten festzustellen welche dem religiösen Bewußtsein zuerst in und an der Aicer Jesu aufgegangen und durch ausschließliche übertragung —5 diese Person dem christl. Glauben zuerst anschaulich geworden seien. Am geistvollsten hat die Hegelsche Schule dies ausgeber 1 indem sie die Lehren von der Dreieinigkeit, er Menschwerdung Gottes, von der Erniedrigung und der r Amern des Gottmenschen, seinem Tode und seiner Auferstehung, sowie von dem durch ihn vollbrachten Versöhnungswerke als tiefsinnige Symbole des ewigen Verhältnisses Gottes zu den Menschen, seiner Selbstoffenbarung im Menschengeiste und der Erhebung des Menschen zur bewußten Einheit mit seinem ewigen göttlichen Wesen erkannte. Je mehr aber durch die spekulative Idealisierung des Dogmas nicht nur dieses selbst in seinem urschichtiche Sinne verändert, sondern auch die gechichtliche Bedeutung des C. und seines Stifters verflüchtigt wurde, desto mehr regte sich das Bedurfnis, dieses selbst in seinem ursprünglichen geschichtlichen Wesen nicht minder als wie in seinem bleibenden religiösen Gehalte wiederzuerkennen. Seit Schleiermacher, im Gegensatze sowohl gegen die ältere Orthodoxie als gegen neuere Theorien, das Wesen des C. nicht als Lehre, sondern als ein neues göttliches Leben, Jesu Person als den urbildlichen Träger und Begründer dieses Lebens betrachten gelehrt hatte, hat die freiere Theologie des 19. Jahrh. immer angestrengtere Versuche gemacht, die eigentümliche Bedeutung von Jesu Person nicht sowohl in irgend welchen do Pmeh oder spekulativen Theorien über ihn, als vielmehr in der Einzigartigkeit seiner sittlich-religiösen Persönlichkeit zu erkennen, und Idee und Geschichte dadurch zu versöhnen, daß sie in der Person Jesu Christi die thatsächliche Verkörperung und lebenskräftige Verwirka5, des vollkommenen religiösen Verhältnisses sah, welches das eigentümliche Wesen des C. aus⸗ — Als eigentümlichen Gehalt dieses religiösen Verhältnisses aber 1 sie das in der Person Jesu Christi verkörperte Bewußtsein der Sohnschaft bei Gott betrachtet. Durch diese Auffassung ist es ihr möglich geworden, der Forderung echt geschichtlichen, also menschlich wahren Verständnisses des C. und der Person Jesu Christi gerecht zu werden, ohne doch das eigentümlich christl. Bewußtsein selbst zu verleugnen. Wie sie aber der supranaturalistischen Betrachtungsweise gegenüber die geschichtliche geltend machte, so suchte sie auch den kirchlich-dogmatischen Begriff des C. durch den sittlich-religiösen zu ersetzen, und in ihm die denkbar höchste Form des religiös-sittlichen Lebens der Menschheit nachzuweisen, in welche alle andern aufzugehen die Bestimmung hätten. Mit der in der Aufklärungszeit aufgebrachten Unterscheidung einer Religion Christi und einer Dogmatik von Christus hat diese Auffassung allerdings das gemein, daß auch sie das eigentümliche Wesen des C. nicht in dem Dogma über

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 4, S. 350Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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