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ReligionBrockhaus 1882

Ebioniten wurden seit dem Ende des 2. Jahrh. die von der allgemeinen Kirche als ketzerisch ausgeschiedenen Judenchristen genannt, welche an den Bestimmungen des mosaischen Ceremonialgesetzes (namentlich an Beschneidung, Sabhatfeier und Speisegeboten) festhielten, dagegen den Apostel Paulus und seine gesetzesfreie Heidenpredigt, sowie die Autorität der meisten neutestamentlichen Schriften verwarfen. Der Name stammt aus dem Hebräischen und bedeutet in seiner ursprünglichen Form (Ebjonim) die Armenp, wie sich die ältesten jüd. Christen selbst zu bezeichnen pflegten; die gräzisierte Bezeichnung Ebionäer oder E. rührte dagegen von den Gegnern her und kam erst in Umlauf, als die allgemeine Kirche das Judenchristentum als Häresie bereits abgewiesen hatte, wogegen die E. sich selbst Nazaräer nannten. So ungenau es daher auch ist, den Namen Ebionismus bereits für die urchristl. Zeit zu verwenden, so richtig hat die neuere Kritik doch gesehen, wenn sie die Ursprünge desselben bereits in der urapostolischen Lehre, wie dieselbe im Unterschiede von Paulus von den Zwölfen festgehalten wurde, erkannte. Auch abgesehen von der Lehre, daß das mosaische Gesetz auch im Christentume nach wie vor religiöse Verbindlichkeit habe, lassen sich die meisten, allen ebionitischen Richtungen gemeinsamen Anschauungen nur als die älteste Gestalt des palästinensischen Christentums überhaupt betrachten. Der Ebionismus ist daher für die kritische Erforschung des Urchristentums von eingreifender Wichtigkeit. Seine Geschichte ist bei den lückenhaften Nachrichten ziemlich dunkel. Wie schon in der apostolischen Zeit, so findet sich auch um die Mitte des 2. Jahrh. unter den Judenchristen eine strengere und eine mildere Richtung, von welchen die erstere das Gesetz auch den Heidenchristen aufnötigte, die letztere es ihnen als Proselyten des Thorso erlassen und nur für die Juden, als den eigentlichen Stamm auch der neuen Messiasgemeinde, festhalten wollte. Indessen verlor dieser Unterschied mit der kirchlichen Verwerfung auch des mildern Judenchristentums seine praktische Bedeutung. Ein Teil ging allmählich ganz in der kath. Kirche auf, wogegen die übrigen nur um so zäher an ihren eigentümlichen Anschauungen festhielten. Die innere Entwickelung des Ebionismus ist daher eine sehr urde de gewesen. Neben dem mosaischen Gesetz wurde besonders streng die Lehre von der Einheit Gottes (von der göttlichen Monarchiev) als das den Christen mit den Juden gemeinsame Centraldogma festgehalten, woraus sich die Unmöglichkeit, den KSohn Davidso mit der fortgeschrittenen kath. Kirche in metaphysischem Sinne als Sohn Gotteso anzuerkennen, von selbst ergab. Der älteste Standpunkt sah in Jesu einfach den Sohn Josephs und der Maria, auf den bei der Taufe der Geist Gottes herabkam. Doch fand die Lehre von der Geburt aus der Jungfrau und der Empfängnis vom heil. Geiste frühzeitig auch in ebionitischen Kreisen Verbreitung und, wie es scheint, unter essenischem Einflusse auch die noch kün tlichere Ansicht, daß in Jesu ein Engel oder Erzengel, oder auch der schon in Adam verkörperte, danach den Erzvätern und dem Moses offenbarte wahre Propheto wieder erschienen sei. Auch anderweite Wiiutigen Oo der Essener, wie die Verwerfung der blutigen Opfer und die Unterscheidung echter und unechter Bestandteile im Alten Testament, fanden bei den E. frühzeitig Eingang. Von dem neutestamentlichen Kanon ase Jusammenstellung freilich selbst erst im ckatholischen» Interesse seit Mitte des 2. Jahrh. erfolgte) erkannten sie nur das Matthäus-Evangelium, welches bei ihnen in vers chiedenen Rezensionen verbreitet war, und die Offenbarung des Johannes an, während sie gegen Paulus und den Paulinismus eine durchaus abwehrende Haltung behaupteten. Am längsten erhielt sich der Ebionismus in Palästina und Syrien, wo die Judenchristen fast ohne Zusammenhang mit der übrigen Christenheit unverändert ihre Eigentümlichkeiten bewahrten, bis sie gegen Ende des 4. Jahrh. mit den „Katholikerno wieder in häufigere Berührung kamen. Damals unterschieden sich zwei Parteien, die gemeinen (oder pharisäischen) und die essenischen E., welche letztere noch die alten Wohnsitze der Essener am Toten Meere innehatten. Schon damals im Aussterben begriffen, verschwanden die C. im 4. und 5. Jahrh. aus der Geschichte. Vgl. Lipsius, „Zur Quellenkritik des Epiphaniosv (Wien 1865).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 713Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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