FeedChristus als solchen
ReligionBrockhaus 1882

Christus als solchen, auch nicht ohne weiteres, wie Schleiermacher wollte, in einem unmittelbaren oer Nellgior Verhältnisser zu Christus, sondern in ader Religion, welche Christus hatter, oder in dem von Christus selbst verkündigten neuen göttlichen Leben als einer die ganze Welt und Menschheit umgestaltenden und erneuernden Macht findet. Aber sie unterscheidet sich von jener ältern, bekanntlich auch von Lessing vertretenen Meinung wesentlich dadurch, daß sie in Christus nicht bloß den weisen Lehrer der reinen Moralreligion, sondern einerseits die persönliche Offenbarung der auf die Gründung des Gottesreichs hin gerichteten erlösenden und versöhnenden Liebe Gottes, andererseits den persönlichen Quellpunkt des vollkommenen gottgeeinten Lebens der der der al durch beides aber zugleich den Begründer der allumfassenden religiösen und sittlichen Gemeinschaft (des Gottesreichs) sieht. Wenn dieser neuern Auffassung des C. gegenüber der kirchlich-dogmatische Begriff sich namentlich in der Gegenwart wieder mit erneuter Entschiedenheit geltend macht, so sieht sich die wissenschaftliche Theologie nur immer entschiedener zur rein geschichtlichen Erforschung des ursprünglichen C. genötigt, als welche allein eine zuverlässige Grundlage auch für die ul-He Würdigung des bleibenden Gehalts der christl. Religion zu bieten vermöge. Hieraus erklärt sich die hohe Bedeutung der in neuerer Zeit mit so gründlicher Gelehrsamkeit und eindringendem aen aber geführten histor.⸗kritischen Untersuchunen über das Urchristentum und das geschichtliche ebensbild Jesu Christi. Da diese Geschichtsforschung jedoch dem äußerlichen Supranaturalismus, der in unserer modernen Bildung ohnehin keine Wurzeln mehr hat, nur entschieden gegenübertreten kann, so ist der Abscheu, mit welchem ihre Resultate von den Anhängern des orthodoxen C. zurückgewiesen werden, nur allzu natürlich. Für die unbefangene Betrachtung aber kann darüber kein Zweifel bestehen, daß sich bereits jetzt infolge jener geschichtlichen Arbeiten das ursprüngliche Wesen des C., wie es zuerst in Jesu Person, danach in der Urgeschichte seiner Gemeinde sich verwirklicht hat, ungleich reiner und treuer erkennen läßt, als dies noch zur Zeit des ältern Rationalismus möglich war, und daß diese Forschung, weit entfernt, die Kluft zwischen Idee und Geschichte immer weiter aufzureißen, schon jetzt dazu geführt hat, den eigentlichen Lebensmittelpunkt der christl. Religion immer entschiedener in der Persönlichkeit Jesu selbst oder in dem in ihm offenbarten gotteinigen Leben zu erkennen. (S. Jesus.) Auf Grund dieser Forschungen kann die heutige Wissenschaft das geschichtliche Wesen des C. freilich nicht in einer dogmatischen Lehre über seine schlechthin übernatürliche Entstehung, auch nicht in einem bestimmten Dogma über Christi Person und Werk samt allem, was sich für die ältere Anschauung um dieses Dogma herumlegte, sondern nur in dem wesentlich neuen religiösen Verhältni se der Menschheit zu Gott finden, welches von Jesus von Nazareth als Ausdruck des göttlichen Willens verkündet und in seiner Person grundlegend verwirklicht worden ist. Dieses eigentümliche Wesen des C., in welchem zugleich sein wesentlicher Unterschied von Judentum und Heidentum und seine Bedeutung als der schlechthin vollkommenen Religion liegt, ist zusammengefaßt in dem Begriffe der vollkommenen Erlösungs- oder Versöhnungsreligion. Der alttestamentliche Gottesbegriff ist zu der Idee des Khimmlischen Vaterso gesteigert, die jüd. Außerlichkeit des Verhältnisses Gottes zur Welt ebenso wie die pantheistische Verendlichung Gottes im Heidentume überwunden durch die ralldiase Gottes als der allumfassenden Liebe oder als des schlechthin vollkommenen, von der Welt und Menschheit ermißt, sind unter K aufzusuchen. schlechthin unterschiedenen, aber zugleich ihrallgegenwärtig innewohnenden, im sittlich-religiösen Bewußtsein und Leben des Menschen 0 unmittelbar offenbarenden und alle Empfänglichen zu seiner Gemeinschaft, dem höchsten Heile heranziehenden Geistes. Wie aber in diesem Gottesbegriffe ebensowohl alle Herabziehung des absoluten Geistes in das Naturleben, wie alle falsche Transscendenz überwunden ist, so ist auch das religiöse Verhältnis des Menschen zu Gott ebensowohl über die heidnische Naturreligion als über die jüd. Gesetzesreligion Bater m kein Das Verhältnis zum himmlischen ater ist kein Knechtschafts⸗, sondern ein Kindschaftsverhältnis, ein innerliches Erfülltsein des Gemüts mit der göttlichen Liebe, in welcher sich der Mensch seiner Einheit mit Gott und des Seins Gottes in ihm, oder seiner absoluten Versöhnung bewußt wird. Wie aber dieses Verhältnis ein rein ethisches ist, welches alle Unterschiede der Abstammung und der Geburt, alles Gewichtlegen auf äußere Vorzüge und Vorrechte ausschließt, so kann es auch durch kein äußeres Verdienst oder Werk, überhaupt durch keine Erfüllung äußerer Bedingunen . Stande kommen, sondern nur dadurch, daß sich er Mensch rein empfänglich verhält zu der göttlichen Liebe, in schblwerlengnender Emtäunerung alles eigenen Willens vertrauensvoll an die göttliche Führung sich hingibt und, durch die innerlich erfahrene göttliche Liebe 6 freier Gegenliebe getrieben, in der sittlichen Gemeinschaft, in welcher er steht, den ewigen Liebeszweck Gottes zu verwirklichen trachtet, also auch in allen uaber besondern sittlichen Pflichten ebenso viele Aufgaben des höchsten Willens an ihn sieht, die er in der Kraft jener Liebe freudig erfüllt. Die unerlaßliche Bedingung aber für den Eintritt in die neue Gottesgemeinschaft oder ins 4Gottesreicho ist die Demut, als das tiefste Gefühl der eigenen sittlichen Ohnmacht und Hilfsbedurftigkeit, welches im Bewußtsein persönlicher sittlicher Verschuldung sich zur Buße oder zu dem reumütigen Eingeständnisse der eigenen Sünde sich gestaltet, Durch diesen rein sittlichen Charakter ist zugleich der universelle Charakter der christl. Religion als einer für alle . und alle Völker bestimmten bezeichnet, welche allen menschlichen Lebenslagen und Lebensbedürfnissen gleicherweise entspricht und darum auch schlechthin geeignet ist, die bleibende Grundlage und das zureichende der G. alles sittlichen Strebens und Arbeitens in der Gemeinschaft zu bilden. In dieser rein sittlichen Würdigung des Menschen als solchen in seiner Beziehung zu Gott lag zugleich die geistige auberkraft dieser Religion, durch welche sie in den tand gesetzt wurde, nicht allein alle Armen, Gedrückten und Hilfsbedürftigen unter Juden und eiden um ihr Banner zu scharen, sondern im öchsten Sinne des Wortes die Religion der Menscheit zu werden und alles Menschliche moch une si anzueignen und zu durchdringen. Dennoch aber ist damit das Geheimnis ihres Ursprungs ebensowenig wie ihre siegreiche Überwindung W und heidnischen Wesens schon völlig erklärt. Nicht als die, wenn auch noch so vollkommene +* von dem wahren religiösen Verhältnisse des Menschen zu Gott, sondern als geschichtliche Offenbarung einer neuen göttlichen Lebensmacht, als ein sittlich erneuendes und befreiendes Lebensprinzip, welches von innen heraus alle sittlichen Lebensverhältnisse umgestaltete, ist das C. in die Welt getreten. Conversations-Lexikon. 13. Aufl. IV. Dies aber war es von Haus aus nur als eine geschichtliche Offenbarung des göttlichen Liebewillens in der Person seines Stifters, oder vermöge der geschichtlichen Verwirklichung der vollkommenen Gemeinschaft Gottes und des Menschen in Jesus von Nazareth. Die sittlich-religiöse Erneuerung der Menschheit in ihm und durch ihn, die Stiftung vollendeter religiöser Gemeinschaft durch den Gekreuzigten, dies ist die Haupt- und Grundthatsache Tensden welche durch das ganze Evangelium von Jesus dem Christ sich hindurchzieht und auch in den Mythen und Sagen über ihn als in anschaulichen Symbolen ihren Ausdruck findet. Der Glaube an die Offenbarung der erlösenden und versöhnenden Gottesliebe in Christi Person hat die christl. Kirche begründet und ihr binnen drei Jahrhunderten den Sieg über die ganze civilisierte Welt und n Jeus heit ermöglicht. Wenn auch das Erlösende in Jesus dem Christ nicht die Person als solche, sondern das in dieser Person offenbarte und durch sie geweckte und an der Nu gotteinige Leben ist, so liegt es doch eben in der Natur des religiösen Lebens begründet, daß es nur von einem persönlichen Mittelpunkte aus die Personen innerlich erneuern und zu einem lebendigen Gemeinwesen vereinigen kann. Deshalb hat der Glaube an Jesus den Christ allerdings im C. eine grundlegende Bedeutung und wird dieselbe behalten, auch wenn längst das Dogma über Christus ebenso wie die einzelnen über ihn berichteten Geschichtsthatsachen der freiesten kritischen Prüfung anheimgegeben sein werden. Es lag in der Natur dieses neuen religiös-⸗sittlichen Prinzips begründet, daß es zuerst nur in der Form eines selbständigen religiösen Gemeinwesens n fassen konnte. Von einer «Stiftung o der christl. «Kirches durch Jesus kann aber nur sehr bedingterweise gesprochen werden. Das, was er als nahe herbeigekommen verkündigte, war vielmehr das «göttliche Reicho oder das KHimmelreicho. In diesen der jüd. Zukunftshoffnung entlehnten Ausdruck hat er, ohne die volkstümliche Hülle dieser Hoffnung zu zerbrechen, doch zugleich einen ungleich tiefern Gehalt hineingelegt, den Gedanken der höchsten allumfassenden Gemeinschaft, welche alle sitlichen Güter und Lebensgebiete in das eine, allein der Idee entsprechende religiöse Verhältnis setzt, Herstellung der vollkommenen Gottesgemeinschaft als lebendiger Grundlage und höchster Norm auch für alle sittliche Menschengemeinschaft. Dennoch konnte die Idee dieses Gottesreichs zunächst nur in Form einer besondern Religionsgemeinschaft verwirklicht werden, und es war nur die innere Notwendigkeit der Sache selbst, daß die ersten Christen zur lebendigen Vertiefung in die höchste religiöse Idee sich von aller Zerstreuung durch die „(Welthändels und weltlichen Beschäftigungen zurüchziehen mußten. Darum ist die „Weltfluchto allerdings die Signatur des geschichtlichen C. in selost ältesten Gestalt. Aber wie schon Christus elbst in den großen Gleichnisreden über das göttliche Reich deutlich eine noch weit umfassendere Aufgabe desselben gezeichnet hatte, so war es eben die unbedingte Allgemeingültigkeit des christl. Prinzips selbst, welche es immer mehr dazu drängen mußte, aus der verborgenen Stille des Privatlebens und der engsten Kreise frommer Gemeinschaft herauszutreten und alle menschlichen Lebensverhältnisse mit dem neuen Geiste zu durchdringen. Schon nach drei Jahrhunderten begann das C. seine civilisatorische Aufgabe in der Welt zu erfüllen. Es ist eine Geschichtsthatsache, die kein Kulturhistoriker verkennen kann, daß die geistige und sittliche Umgestaltung des Völkerlebens im Gefolge des Evangeliums Jesu Christi einhergeschritten ist, und daß noch heute die christl. Welt und Menschheit die Wiege aller durch wissenschaftliche und humanitäre Kultur bedingten Fortschritte in Kunst und Wissenschaft, im bürgerlichen, polit. und häuslichen Leben ist, während die alten Kulturvölker des Heidentums entweder untergegangen oder zu trägem Stillstand verurteilt sind. Daß das C. diese seine welterneuernde Mission zunächst nur in kirchlich-dogmatischer Fassung übte, war ebenso geschichtlich begründet, als es eine Notwendigkeit für die heutige Menschheit ist, Kirche und C. sorgfältig zu scheiden, und jene nur als die allerdings niemals entbehrliche Pflanzstätte des spezifisch-religiösen Lebens zu betrachten, welches als das lebendige Prinzip in alle sittlichen Lebensverhältnisse überzugehen die Bestimmung hat, doch ohne daß diese darum selbst in kirchliche Formen gegossen würden. Die Zeit einer kirchlichen Universalmonarchie als alleiniger Trägerin des christl. Geistes ist ebenso vorüber wie die Zeit eines dogmatisch beengten Lehrkirchentums oder einer exklusiv religiösen, die ganze Fülle sittlicher Lebensgebiete und Kukturinteressen als prosane, unheilige Welt von sich ausstoßenden Praxis. Sowohl die n gegliederte Theokratie des mittelalterlichen Katholizismus als der luth. Dogmatismus und pietistische Praktizismus haben ihre geschichtliche Aufgabe erfüllt, und derselbe christl. Geist, welcher jene Formen sich schuf, sucht sich heute in der ganzen Breite des sittlichen Menschen- und Völkerlebens eine neue Stätte seiner welterneuernden und weltversöhnenden Wirksamkeit. Daß das spezifisch-kirchliche, dogmatisch und pietistisch gerichtete C. dieses noch immer verkennt, ist ein Hauptten eetor für die Neubelebung des in weiten Kreien erstorbenen christl. Bewußtseins in den christl. Völkern und für eine endliche tiefere und nachhaltigere Versöhnung christl. Glaubenslebens mit weltlicher Bildung und Wissenschaft. Wenn freilich die Frage Sind wir noch Christen?v gerade von nam3105 Vorkämpfern unserer modernen Kultur nicht loß zweifelnd aufgeworfen, sondern entschlossen verneint wird, so begreift sich dies eigentlich nur auf einem Standpunkte, der das religiöse Prinzip des C. oder sein bleibendes Wesen beharrlich mit seiner geschichtlichen Urgestalt identisiziert. Daß die W Vorstellungswelt ebenso wie die urchristl. Weltflucht zeitgeschichtlich bedingt war und darum freilich unter ganz anders gewordenen intellektuellen und sittlichen Bildungsvoraussetzungen unmöglich festgehalten werden kann, ist allerdings klar. In diesem Sinne aber hätte es schon zu der Zeit, in welcher das C. Weltreligion wurde, gar keine wirklichen Christen mehr gegeben. Sieht man aber auf das der ganzen geschichtlichen Entwickelung christl. Lehre und Sitte zu Grunde liegende religiöse Prinzip, o wird man die Frage schuldig bleiben müssen, ob es denn ein höheres und vollkommeneres religiöses Prinzip als eben das in der Person Jesu

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 4, S. 352Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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