Cid Campeador, der berühmteste Castilier, cel mas famoso castellano, wie sein Volk ihn nennt, ein in Geschichten, Sagen und Liedern gefeierter Nationalheld der Spanier. Erst in neuerer Zeit ist es hauptsächlich durch die Forschungen Dozys (Recherches sur I'histoire politique et littéraire de PEspagne pendant le moyen-àge, Leid. 1849), sowie durch die Benutzung neu aufgefundener, fast leichzeitiger arab. Quellen gelungen, das That sachliche in dem Leben und Charakter des Helden von dem Sagenhaften auszuscheiden. Hiernach stammt der Cid, eigentlich Rodrigo, Ruy Dias (Roderich, Diegos Sohn), wahrscheinlich aus der Familie Lain Calvos, eines der beiden berühmten, von den Castiliern gewählten Schiedsrichter zur Zeit Froilas II.; jedenfalls ist er der Sohn eines castil. Magnaten (Rico ome). Sein Name erscheint zuerst in einem Dokument aus der Zeit Ferdinands I. von Leon (1064). Durch seine Thaten machte er sich unter dessen Sohne, Sancho II. von Castilien, bekannt, der 10 die Führung des königl. Banners und den Befehl über sein Heer übertrug (1067). In der Bruderschlacht von Llantada (1068) war es eine List Roderichs, die Sancho II. den Sieg über seinen Bruder Alfons VI. von Leon verschaffte, infolge dessen Alfons zu dem Maurenkönig von Toledo flüchten mußte. Schon damals scheint Roderich den Beinamen Campeador Vorkämpfer) erhalten zu haben, der, gleichbedeutend mit dem arab. mißt, sind unter K aufzusuchen. Albarraz, einen Herausforderer zum Einzelkampf vor der Schlacht bezeichnet. Als nach dem Meuchelmorde Sanchos durch Vellido Dolfos bei der Belagerung Zamoras Alfons von den Leonesern und Castiliern zurückgerufen und als König anerkannt wurde (1072), sollte dieser sich vorher durch einen Eid von dem Verdachte reinigen, an dem Morde seines Bruders teilgehabt zu haben. Keiner der n 96 fol wagte es aber, ihm diesen Eid abzunehmen. Da foll der Campeador den Mut gehabt haben, den ö König sogar zweimal diesen Reinigungseid hersagen zu lassen. Hieraus entsprang wohl die Abneigung des Königs gegen Roderich, die jener jedoch anfänglich so seiner Politik unterordnete, daß er selbst die Vermählung seiner Base, Jimena, Tochter Diegos, Grafen von Oviedo und Herzogs von Asturien, mit Roderich zugab. Bald aber ließ sich der König herbei, den Anklagen persönlicher Feinde Roderichs, unter denen Garcia Ordonez, Graf von Näjera, die Hauptrolle spielte, Gehör zu geben, und verbannte ihn um 1081. Roderich begab sich nach Saragossa zu den maurischen Königen aus dem Stamme der Beni-Hud, denen er in ihren Rese 3 gegen Moslems [ und Christen diente. Um diese Zeit mag er auch von den Moslems die Beinamen Cid, d. i. Herr (vom arab. Sid), und Eltäghijet, d. i. der Tyrann, erhalten haben. Er schlug wiederholt den König von Aragonien und den Grafen von Barcelona und nahm den letztern, Berenguer Ramon II., sogar gefangen. Zweimal kehrte der C. nach Castilien zurück und versöhnte sich mit seinem König. Die Versöhnung war aber immer nur von kurzer Dauer, und der C. sah sich von neuem verbannt. Endlich bot sich ihm 1094 eine Gelegenheit dar, eine feste unabhängige Stellung zu erwerben. Seine Aufmerksamkeit wurde nämlich auf Valencia gelenkt, das, von Parteiungen der maurischen Beherrscher zerrissen, die ihn wechselsweise gegeneinander zu Hilfe riefen, eine willkommene Beute darbot. Als Rächer des ermordeten Emir Jahig Alkadir an dem verräterischen Kadi Ibn-Dschahhäf eilte der C. herbei. Nach einer hartnäckigen Belagerung zwang er durch Tapferkeit und List die ausgehungerten Valencianer zur übergabe der Stadt im Mai 1094. Fünf Jahre behauptete er sich als Herr von Valencia gegen das ganze Heer der andrängenden Morabiten und eroberte dazu noch Almenara und Murviedro (1098). Als er aber erfuhr, daß sein Verwandter und Kampfgenosse Alvar Faßez bei Cuenca von den Morabiten besiegt und auch das Heer, das er diesem zu Hilfe gesendet, bei Alcira geschlagen und zersprengt worden sei, starb er, wie es heißt, aus Gram über diese Nachricht im Juli 1099. Doch hielt sich seine Gemahlin Jimena noch länger als zwei Jahre in Valencia, welches sie erst im Mai 1102 räumte, nachdem der zu Hilfe gerufene König bmtten selbst erklärt, daß die Stadt nicht länger zu halten sei. Jimena starb 1104 und wurde an der Seite ihres Gemahls, dessen Leiche sie mit sich geführt, in dem Kloster San-Pedro de Cardesia begraben. Der C. hatte einen Sohn, Diego Rodriguez, der in einem Gefechte bei Consuegra von den Mauren getötet wurde. Auch hinterließ er zwei Töchter, Christina, und u mit dem Infanten Ramiro von Navarra, und Maria, die Gemahlin Ramon Berenguers III., Grafen von Barcelona. Durch diese wurde der C. der Ahnherr der span. Königsgeschlechter. Schon in diesen historisch beglaubigten Thatsachen und Charakterzügen des C. liegen die Elemente und Gründe, weshalb er in Sagen und Liedern als volkstümlicher Held und Träger des castil. Nationalcharakters besungen, andererseits aber auch als Ahnherr der Könige in Gedichten gefeiert wurde. Wie frühzeitig dies geschah, beweist das Zeugnis des Biographen Alfons' VII. (gest. 1157), der, fast Kishliee mit diesem, schon von «Roderich, dem stets io Cid genannten und als unbesiegbar besungenenp spricht. Ferner bekundet dies ein vielleicht bald nach C.s Tode zu seinen Ehren verfaßtes lat. Gedicht, von dem ein Fragment neuerlich aufgefunden worden, sowie ein bruchstückweise in einer Reimchronik erhaltenes, wahrscheinlich aus dem 13. Jahrh. stammendes und auf noch ältere Volkslieder gegründetes Heldenlied (Cantar de gesta) vom C. (herausg. zuerst von Francisque Michel im 116. Bande der Wiener Jahrbücher für Litteraturv, später von Duran im Romancero 0. neralo, Madr. 1851), in welchem der C. als Na tionalheld und «Sohn seiner Werkey in all seiner trotzigen Unabhängigkeit erscheint, während er schon in dem der Mitte des 12. oder doch gewiß dem Anfange des 13. Jahrh. tetr Denim sog. Poema del Cidb, das als das älteste Denkmal der castil. Nationallitteratur gilt, vorzugsweise wegen seiner roßmütigen Treue gegen den König und als Ahnerr der Könige von Spanien gefeiert wird. Dieses Gedicht wurde zuerst von Sanchez herausgegeben in der Coleccion de poesias castellanas anteriores al siglo XV.ĩ (Madr. 1779; neue Aufl. von Ochoa, Par. 1842), dann von Schubert (Altenb. 1804), von Damas-Hinard (Par. 1858) und später in den «Poetas castellanos anteriores al siglo XV.» (Bd. 57 der «Biblioteca de autores espanoleso, Madr. 1864) von Janer. Von Wolff ward es metrisch ins Deutsche übersetzt (Jena 1850); am besten neuerdings von Karl Vollmöller nach der einzigen erhaltenen madr. Handschrift (Halle 1879); von Monseignat (Par. 1853) und Damas-Hinard ins Französische (Par. 1853). Noch mehr stellt die von König Alfons X. von Castilien selbst verfaßte Cronica generalo, deren vierter Teil zur Hälfte der Geschichte des C. gewidmet ist, diesen nun schon zum Nationalhelden gewordenen Ahnherrn vom königl. Standpunkte dar. Dieser Richtung folgte auch die noch mehr historisch gehaltene und noch früher (nach Dozy um 1170) abgefaßte lat. Chronik vom C., bekannt unter dem Titel: (Gesta Roderici Campidoctio oder Historia Leonesa (nach ihrem Fundorte, dem Kloster San-Isidro zu Leon). Auch die noch dem 13. Jahrh. zugeschriebene Genealogia del Cid Ruy Diazo hat, wie schon ihr Titel sagt, den C. ausschließend als Ahnherrn der königl. Geschlechter zum Gegenstand. Schon zu Alfons' X. Zeiten war indes in die Sage vom C. ein neues Element eingetreten, indem die Mönche des Klosters von San-Pedro de Cardena, stolz darauf, die Leiche des Nationalhelden und königl. Ahnherrn und die seiner Gemahlin in ihren Mauernzu besitzen, ihm den Heiligenschein einesWunderthäters zu geben suchten, sodaß noch Philipp II. den C. wegen der durch seinen Leichnam bewirkten Wunder wirklich heilig sprechen lassen wollte. Dieses legendenartige Element erscheint vorzüglich in der sog. «Cronica particular del Cido, einem damit ausgeschmückten Auszuge aus der «Cronica generabo, von einem Mönche jenes Klosters wahrnißt, sind unter K aufzusuchen. scheinlich erst im 15. Jahrh. abgefaßt und noch willkürlicher überarbeitet von dem Abt desselben, Juan Lopez de Velorado (zuerst Burgos 1512; neu herausg. von Huber, Marb. 1844, und wieder abgedruckt nach der Ausgabe von Burgos 1593 in Madrid 1876). Ein viel trockenerer Auszug der Cronica generaby ist die kleine Cid-Chronik, die in Sevilla (1498), dann öfters erschien. Die Grundlage des Sagenhaften in allen diesen Gedichten und Chroniken bildeten die Volkslieder (cantares), auf deren früheres Vorhandensein man freilich nur teils aus der Natur der Sache, teils aus den ausdrücklichen Zeugnissen der Chroniken, teils aus den in halte und in den Gedichten noch deutlich davon erhaltenen Spuren schließen kann. Diese alten Volkslieder gingen verloren, aber sie lebten verjüngt fort in den allerdings erst seit dem 16. Jahrh. aufgezeichneten Romanzen. In denselben findet man teils die köstlichsten Reliquien der alten reinen Volkssage, teils aber auch bloß gereimte Stellen aus den Chroniken oder moderne Somödtensit oder Variationen, die — ganz im mödienstil des 16. und 17. Jahrh. gehalten sind. Demnach erscheint der C. in den Romanzen, je nach ihrem Ursprunge, noch als echter Volksheld, als der Repräsentant der beiden im Mittelalter vom Königtum unabhängigsten Stände Castiliens, der Ricahombria und des Bauernstandes, und selbst dem Könige gegenüber auf seine Unabhängigkeit trotzig pochend. Oder er tritt andererseits, wenn die Romanzen den Chroniken entnommen, als ein treuer Vasall des Königs auf, der trotz wiederholter Verbannung seinen natürlichen Herrn mit Großmut überhäuft, der dessen Befehle so sehr ehrt, daß er gegen seine überzeugung die eigenen Töchter mit verhaßten Dienern des Königs vermählt, dafür aber auch durch die endliche Verbindung mit königl. Blute reich belohnt wird. Auch erscheint in den Romanzen, besonders denen von seinen letzten Tagen, seinem Testament, Tod, Begräbnis und seiner Leiche, das legendenartige Element der spätern Chroniken. In den jüngsten Romanzen endlich wird der «zur guten Stunde Geborene zum Hofcavalier, der kein größeres Glück kennt, als seinem Könige zu gefallen. Seine Vermählung mit Jimenen ist hier das Resultat einer ganz komödienartigen Liebesintrigue; der alte rauhe C. ist ein ganz geschmeidiger Galan, das treue, unterwürfige Weib Jimene eine etwas prüde und eifersüchtige Dama eworden. Diese Cid-Romanzen sind in fliegenden Blättern und in allgemeinen Romanzensammlungen erhalten worden, wie die ältesten und echtesten in der „Silva de varios romances o von 1550, im 4Cancionero de romances o und danach in der (Primavera y flor de Rom.» (herausg. von Wolf und Hofmann, Berl. 1856); die nach den Chroniken gemachten in Sepulvedas „Romancero (1551); die kunstmäßigen im Romancero generabo (1604). Ferner wurden sie aufbewahrt in speziell dem Sagenkreise vom C. gewidmeten Sammlungen, wie in der von Escobar (Alcalä 1612 u. öfter; vermehrt herausg. von Keller, 2 Bde., Stuttg. 1840; vollständiger in Durans „Romancero generalo, 2. Aufl., Tl. 1, Madr. 1849, in Ochdas Romancero del Cido, Par. 1870, und auf 205 Nummern gebracht im „Romancero del Cido, herausg. von Karoline Michaelis, Lpz. 1871). Die erste nennenswerte deutsche Bearbeitung davon gab Herder in seinem Cidy (Tüb. 1806; neue Ausg. von Julian Schmidt und Karoline Michaelis, Lpz. 1868); vgl. auch R. Köhler, «Herders Cid und seine franz. Quelle » (Lpz. 1867), und Voegelin, «Herders Cid, die franz. und die span. Quelle (Heilbronn 1879). Neuere deutsche übersetzungen lieferten Duttenhofer (neue Aufl., Berl. 1853), Regis (Stuttg. 1842) und Eitner (Hildburgh. 1871). Nach den Romanzen dichtete eine schulgerechte Epopöe in 32 Gesängen und in Oktaven Diego Jimenez de Ayllon (Antwerp. 1568 und Alcalä 1579). Natürlich wurde auch von den Dramatikern der C. häufig * Gegenstande gewählt, wie von Vega, Guillen e Castro u. s. w. Nach des letztern Mocedades del Cido(herausg. von W. Foerster, Bonn 1878) ist Corneilles Cido bearbeitet. Wieder aus diesen Comedias werden noch jetzt sog. «Pasos » als Straßenroman-R des Volks verkauft, in dessen Andenken der alte ationalheld noch als der reinste Ausdruck und das Ideal des span. Volksgeistes fortlebt. Histor. Monographien über den C. haben außer Dozy in neuerer Zeit geliefert der Portugiese Jos. Pereira Bayam, die Spanier Risco, Quintana und Malo de Molina (Madr. 1857), der Engländer Southe und unter den Deutschen J. von Müller (1806) un Huber (Brem. 1829), der alle seine Vorgänger übertraf und auch noch neben Dozy einen ehrenvollen Platz behauptet. Eine ziemlich vollständige Zusammenstellung besonders franz. Forschungsresultate enthält Willemaers, Le Cid. Son histoire, sa légende, ses poëtes o (Brüss. 1873).