Coster (Laurens Janszoon) soll, nach der in Holland herrschenden Meinung, früher als Gutenberg die Buchdruckerkunst in Harlem erfunden haben. Diese Meinung gründet sich auf eine örtliche Sage. Adrian Junius trug ausführlich in seinem 1565—69 geschriebenen Geschichtswerk „Bataviad (Leid. 1588) die Sage vor, wie sie angeblich von glaubwürdigen Einwohnern der Stadt, zum Teil nach Jugenderinnerungen aus der Erzählung eines Dieners bei C., berichtet und durch Dokumente bestätigt worden. Er zuerst nennt den Erfinder mit Namen und sagt, daß dessen ansehnliche Familie das Küsteramt erblich besessen und er davon den Beinamen C. geführt, daß er vor 128 Jahren (also um 1440) gelebt und ein noch im Besitz seiner Nachkommen vorhandenes Haus bewohnt habe, in welchem zinnerne, aus den überresten seiner Lettern gegossene Weinkannen aufgezeigt würden. Von diesem C. erzählt Junius nun, derselbe habe, anfangs zum Vergnügen und Unterricht für seine Enkel, Buchstaben verkehrt aus Buchenrinde geschnitten und zeilenweise auf Papier abgedruckt, weiterhin aber, nach Erfindung einer zähern Tinte, ganze Tafeln mit Figuren und Schrift geschnitten und hiermit namentlich den holländ.«Heilsspiegelo auf einer Seite der Blätter gedruckt. Von den hölzernen Formen sei er zu bleiernen und zinnernen Buchstabenformen übergegangen, und da sich das Geschäft gewinnbringend gezeigt, habe er Gehilfen angenommen und sie durch Eid zur Geheimhaltung verpflichtet. Unter diesen sei aber ein gewisser Johannes gewesen, der, dem Eide untreu, die Werkstatt in der Christnacht bestohlen, sich dann mit den Lettern und Werkzeugen nach Mainz gemacht, daselbst ein Jahr nachher, 1441, einige Traktate gedruckt und so dieser Stadt den Ruhm der Erfindung zugewandt habe. Von nun an wurde es bei den Holländern eine Ehrensache, die Erzählung des Junius gegen alle Anfechtungen zu verteidigen und aufrecht zu erhalten. Schon 1628 schrieb Scriver eine Lobschrift auf C.; 1740, bei Gelegenheit der dritten Jubelfeier der Buchdruckerkunst, trat Seiz, 1765 Meermann in seinen 4Origines typographicaer für diesen Zweck, jedoch, außer in Holland, mit wenig Erfolg, in die Schranken. Endlich setzte die Gelehrte Gesellschaft in Harlem einen Preis auf die beste Verteidigung der harlemer Ansprüche und krönte die Abhandlung Konings (Verhandeling over het oorsprong ete. der boekdrukkunsto, Harlem 1815), zu der dieser später noch Nachträge lieferte. Koning identifiziert C. mit Laurens Janszoon (geb. 1390, gest. 1430), einem vornehmen Bürger, Schöffen und Kämmerer von Harlem, und stellt diesen als den ersten Buchdrucker überhaupt dar, schreibt ihm alle rylographischen Bücher niederländ. Ursprungs seit 1420 zu, läßt ihn dann die beweglichen, gegossenen Lettern erfinden, den typographischen Druck beginnen und bis an seinen Tod betreiben. Diejenigen Cischen Drucke aber, welche offenbar später sind, schreibt er seinen Nachkommen zu. Das Druckdenkmal, auf welches er sich hauptsächlich stützt, sind die vier Ausgaben des Heilsspiegelo, nämlich zwei lateinische und zwei holländische, mit einerlei Holzschnitten und von einerlei Type, die nur in der einen holländ. Ausgabe etwas abweichend und schlechter ist. Letztere, als die roheste, soll von allen die erste sein. Diese Reihenfolge der Ausgaben stimmt aber mit der, die sich aus den zuverlässigern Kennzeichen des verschiedenen Grades der Abnutzung der Holzschnitte ergibt, nicht überein. überhaupt ist der Beweis des Diebstahls in der C.schen Werkstatt und der durch die Flucht des Diebes nach Mainz geschehenen Verpflanzung der Erfindung dahin so schwach und unhaltbar, daß der Versuch, auch diesen Teil der Erzählung des Junius zu retten, den Holländern am meisten geschadet hat. Alle diese Blößen sind daher von der andern Partei, welche unbedingt den mainzer Ansprüchen huldigt, z. B. in den Werken über die Geschichte der Erfindung der Buchdruckerkunst von Schaab (3 Bde., Mainz 1831 —32) und Wetter (Mainz 1836) benutzt, der Bericht des Junius als ein Lügenwerk dargestellt und die (Cischen Drucke, die auch Renouard zwischen 1466 und 1470 setzt und für eine ungeschickte Nachahmung der in Mainz erfundenen Kunst hält, noch später herabgerückt worden. Nach Konings Tode trat Scheltema in Utrecht als Verteidiger für Harlem auf, und der Streit wurde von beiden Seiten mit großer Leidenschaft fortgeführt. Indessen hatte man dem C. schon 1722 zu Harlem ein Standbild von Stein errichtet. Nachdem nun durch Konings Preisschrift die Ansicht befestigt schien, wurde nach näherer Bestimmung einer dazu vom harlemer Magistrat niedergesetzten Kommission, welche das J. 1423 als das der Caschen Erfindung annahm, das vierte Jubelfest der Erfindung der Buchdruckerkunst zugleich als C.⸗Fest 10. und 11. Juli 1823 mit großem Gepränge gefeiert. Ebenso ward durch Feste, Ausstellungen, bezügliche Me⸗ „daillen u. s. w. 16. Juli 1856 in Harlem die Inaugu1ration eines von Royer in Mecheln gefertigten rmißt, sind unter K aufzusuchen. Erzstandbildes gefeiert, das die niederländ. Nation dem angeblichen Erfinder setzen ließ. Vgl. «Gedenkschriften wegens het vierde eeuw-getijde van de uitvinding der boekdrukkunsto (Harlem 1824). Im J. 1870 trat aber ein Harlemer, Dr. A. von der Linde, selbst mit der entschiedensten Widerlegung der harlemer Ansprüche auf. Er führt in einem Werke (De Harlem'sche Costerlegendersy, Haag 1870) aus, daß die harlemer Ansprüche vollständig unbegründet seien, und weist aus zahlreichen Beispielen sowie aus der zeitgenössischen Detailgeschichte die Oberflächlichkeit des Hnhn von dem die Sage von der Erfindung des Buchdrucks durch C. ausgegangen war, nach. Eine Hauptstütze fanden die Costerianer in einem Stammbaum, den ein gewisser Garrit Thomaszoon, ein Nachkomme von Laurens C., anfertigen ließ. Darin hatte derselbe (gest. 1563 oder 1564) angegeben, daß die zweite Frau seines Großvaters die Tochter Laurens C.s gewesen. Diesen Stammbaum hat von der Linde vollinhaltlich veröffentlicht und darin eine grobe Fälschung nachgewiesen, indem die darauf befindliche Jahreszahl 1440, wo C. den ersten Druck in die Welt gesetzt haben soll, ursprünglich 1446 gelautet und durch eine spätere Hand (vielleicht die des Junius) in 1440 umgewandelt worden sei. Linde betrachtet den für so wichtig betrachteten Stammbaum als ein Phantasiegebilde einer lokalen Familieneitelkeit aus dem 16. Jahrh. Genaue Nachforschungen in den harlemer Archiven über die Person C.s haben dargethan, daß zu jener Zeit allerdings ein Mann dieses Namens zu Harlem lebte, der jedoch nicht Küster, sondern Krämer und dann Gastwirt war. Wenn auch A. von der Lindes Landsleute seiner Mahnung, die Costerstatue niederzureißen und das Costermuseum aufzulösen, nicht Folge geleistet haben, er selbst vielmehr sich genötigt sah, Vaterstadt und Vaterland zu verlassen, so haben in wissenschaftlichen und besonders in bibliographischen Kreisen A. von der Lindes Beweisführungen durchschlagenden Erfolg gehabt und Holtrop begnügte sich, in seiner Herausgabe niederländ. Druckmonumente die angeblichen Costerschen Drucke als das zu bezeichnen, was sie sind: Arbeiten eines unbekannten Druckers. überhaupt hätte die Sage nicht jenen Umfang annehmen können, wenn man bei der Beurteilung der Erfindung der Buchdruckerkunst sorgfältiger vorgegangen wäre. Da der Holztafeldruck schon seit Anfang des 15. Jahrh. bestand, so war es nicht nötig, ihn durch Einschneiden von Buchstaben in Baumrinde noch einmal zu erfinden, es konnte sich somit nur um die Schaffung einer Presse, der Druckfarbe und der beweglichen Typen handeln, eine Reihe von Prozessen, welche mehr voraussetzen als einen glücklichen Gedanken, der hier und dort auftauchen konnte. Diese Druckprozesse sind wirklich in Mainz ausgeführt worden, darüber liegen unzweifelhafte Beweise in datierten Druckwerken und in den Zeugnissen der Zeitgenossen vor (s. Buchdruckerkunst,‚ Geschichte), während die harlemer Sage zuerst 1561 auftrat und sich in den unhaltbarsten Formen bewegte. Möglich ist, daß, wie die Kölner Chronik erzählt, Gutenberg durch die niederländ. Holztafeldrucke auf die Erfindung der Buchdruckerkunst geführt worden ist, daß aber dieselben aus Harlem stammten, dafür liegt nichts vor und unter allen Umständen bleibt ein Erfinder C., wie dies A. von der Linde entschieden nachgewiesen hat, ein leeres Phantasiegebilde des Adrian Junius. Litteratur: Koning, Verhandeling over het oorsprong etc. der boekdrukkunsty (Sarlem 1815); Sotzmann, «Gutenberg und sein Mitbewerbers im „Histor. Taschenbuche (1841); A. de Vries, &Eclaircissements sur I'histoire de l'invention de l'imprimerier (Haag 1843); derselbe, GArguments des Allemands en faveur de leur prétention ete.v (Haag 1845); Dr: A. von der Linde, De Harlem'- sche Costerlegenders v (Haag 1870); derselbe, (Gutenberge (Stuttg. 1878).