FeedDanzig (poln. Gdansk, lat. Gedanum)
VerkehrBrockhaus 1882

Danzig (poln. Gdansk, lat. Gedanum), Hauptstadt der preuß. Provinz Westpreußen und des Regierungsbezirks Danzig, wichtige Handelsstadt und Festung, liegt an dem Einflusse der kurz vorher durch die Radaune verstärkten Mottlau in die Weichsel, etwa 4 kKm von der Danziger Bucht, einer weiten halbmondförmigen Einbiegung der Ostsee, welche in ihrem westl. Teile, durch die angrenzenden Höhenzüge und durch die Halbinsel Hela gegen die Einwirkung der Stürme geschützt, den Schiffen eine sichere Reede bietet. Die Weichsel, welche sich bis zum Jahre 1840 in diese Bucht bei Weichselmünde ergoß, hat sich in dem genannten Jahre 8 km oberhalb D. bei Neufähr durch einen Dünendurchbruch einen neuen Ausfluß in die Ostsee geschaffen und dadurch die 12 km lange, jetzt atote Weichselo zu einem der Schiffahrt und dem Handelsverkehr sehr erwünschten Binnenhafen gestaltet. Die innere Stadt wird durch einen imposanten Hauptwall mit 20 Bastionen umschlossen, über den die vielen Türme der Stadt in malerischer Gruppierung hervorragen. Zwischen diesem innern Wall und seinem mit der Mottlau und der Weichsel in Verbindung stehenden Festungsgraben und zwischen der durch die Citadellen des Bischofs- und des Hagelsbergs gekrönten äußern Festungsenceinte breiten sich eine Anzahl moderner Stadtteile aus, unter denen Neugarten mit den in neuester Zeit in schöner Renaissance-Architektur aufgeführten stattlichen Dienstgebäuden der Regierung, des Oberpräsidiums und der westpreuß. Landesdirektion besonders hervorgehoben zu werden verdient. Durch die der Bebauung verschlossenen Festungsrayons von der eigentlichen Stadt getrennt, umgeben diese lehtere in weitem Halbkreise die Vorstädte Stadtgebiet, Alt-Schottland, Schidlitz, Langfuhr und Neufahrwasser mit dem freundlichen und vielbesuchten Seebade Westerplate. Neufahrwasser ist der eigentliche Hafen D.s, welcher durch einen 850 m langen Granitmolo vor Stürmen und Versandung geschützt wird. Auf der Spitze des letztern erhebt sich ein eiserner Leuchtturm, der im Vereine mit dem alten auf dem Lande neben der Lotsenstation errichteten Leuchtturm den Schiffern die in die Einfahrt in den Hafenkanal einzuhaltende Ri 0 kenntlich macht. Die Stadtbefestigung von D. kann jetzt ihre frühere Bedeutung wohl nicht mehr in vollem Umfange in Anspruch nehmen; dagegen ist die Hafenbefestigung infolge der Anlage neuer detachierter Forts allen Anforderungen gewachsen, welche die Verbesserung der Geschütze an moderne Festungen stellt. ö D. gehört sowohl wegen seiner Architektur als wegen der landschaftlichen Schönheit seiner Umlanos zu den interessantesten Städten Deutschlands. Es hat unter allen deutschen Städten, mit Ausnahme Nürnbergs und einiger rhein. Städte, die horiginellste und am schärfsten ausgeprägte Physio-Bfeithe die mit den massenhaften, meist sehr alten 1 im Einklange steht. Die Bauart ist unregelmäßig und sehr eigentümlich. Den meist engen Straßen kehren die schmalen und tiefen Häuser ihre hohen, durch kunstvolle Steinarbeit oft reich verzierten Giebel zu, deren Spitzen in zierlichen Formen arabeskenartig in die Höhe streben und mit Figuren aus Sandstein gekrönt sind. Im Verhältnis In seinem Umfange ist D. sehr reich an monumentalen Bauwerken. Unter den Thoren der Stadt sind besonders das stattliche Hohe Thor (von 1588), das reichgeschmückte Langgasser Thor (von 1612) und das einfache, aber imposante Grüne Thor (von 1568) hervorzuheben. Sehenswert sind unter den öffentlichen Gebäuden: das große, im Unterbau ot. Rathaus, seit 1379 begonnen, neuerdings im Innern vortrefflich restauriert, mit einem 1556 aufgesetzten, 83 m hohen, zierlichen Turme; der Artus- oder Junkerhof am Langenmarkt, schon zu Anfang des 14. Jahrh. erbaut, 1552 nach einem Brande restauriert, seit 1742 als Börse und zu Versammlungen benutzt, ein schöner Bau mit zahlreichen Kunstwerken, der Marmorstatue Augusts III. von Polen und einem dicht vor ihm auf dem Langenmarkte gelegenen, 1633 erbauten schönen Springbrunnen; das ehemalige Franziskanerkloster, seit 1431 erbaut und seit 1872 restauriert, welches jetzt das städtische Museum mit meist modernen Gemälden und das Schullokal des Realgymnasiums zu St. dern enthält; das prächtige Zeughaus (von 1605); der uralte, historisch bekannte Ankerschmiedeturm (seit 1864 zu einem Polizeigefängnis eingerichtet); das großartige Mühlenwerk an der Radaune (von 1349) mit 18 Gängen. Unter den 23 Gotteshäusern (14 evang. und 5 kath. Kirchen, 1 evang. und 1 mennonitisches Bethaus, 2 Synagogen) sind hervorzuheben: die 1343—1503 erbaute Oberpfarrkirche zu St. Marien, eine der größten prot. Kirchen überhaupt, 112 m lang, 44 m breit, 30 m hoch, mit einem 75 m hohen unvollendeten Glockenturme und vielen Kunstwerken, darunter das berühmte Danziger Bild (ein Jüngstes Gericht, von Hans Memling), ein meisterhaft geschnitzter Christus am Kreuz und überaus kostbare Glasmalereien (seit 1845); die Katharinenkirche mit Glockenspiel; die in der ehemaligen Jakobskirche installierte Stadtbibliothek; die Johannis⸗ und die Nikolaikirche. D. ist Sitz des Oberpräsidiums, der Provinzialsteuerdirektion, der Oberpostdirektion und der Landesdirektion der Provinz Westpreußen, der Regierung, des Landratsamts, eines Landgerichts und Amtsgerichts, einer kaiserl. Werft, des 2. Divisionskommandos und vieler Militärbehörden. Es befinden sich in der Stadt ein 1558 gestiftetes Gymnasium mit einer Bibliothek und wertvoller Münzsammlung, zwei Realgymnasien (St. Petri uno St. Johannis), eine Handelsakademie (seit 1832), eine Navigationsschule mit Sternwarte, eine Handwerker⸗ und eine Kunstschule, eine städtische und vier andere höhere Töchterschulen, zwei Mittelschulen, eine Hebammenlehranstalt sowie 15 große Clementarschulen in vortrefflich eingerichteten, neuerbauten Schulgebäuden; ferner eine Bibliothek mit 100000 Bänden nebst dem reichhaltigen und wichtigen Stadtarchiv, eine naturforschende Gesellschaft (seit 1742), eine physik. und eine litterarische Gesellschch „ein Kunstverein, der Westpreußische Geschichtsverein etc. Die Stadt ist durch Gas erleuchtet und besitzt eine guteingerichtete Feuerwehr. Bis in die neueste Zeit war D. durch den gänzlichen Mangel an reinem Trinkwasser eine der ungesundesten Städte Deutschlands und namentlich von der Cholera häufig heimgesucht. Durch Aufschluß reicher Quellengebiete in der etwa 20 kmentfernten prangenauer Gegend ist diesem übelstand jetzt abgeholfen und eine wohlverzweigte Leitung versorgt seit 1868 alle Häuser bis in die obersten Stockwerke mit klarem Trinkwasser. In Verbindung damit wurde eine Schwemmkanalisation der ganzen Stadt ausgeführt, welche nicht nur den Unrat auf kürzestem Wege aus der Stadt schafft, sondern auch zugleich durch überrieselung ein weites Dünenterritorium bei Neufähr in Kulturland umwandelt. Mit Einschluß des Stadtbezirks hat D. (1880) 108 551 E., wovon 74833 Protestanten, 3045⁵⁵ Katholiken und 2736 Juden. Haupterwerbsquellen sind Handel und Schiffahrt nebst den daran sich anschließenden Industriezweigen. Unter den Fabrikanlagen nehmen die sehr bedeutenden militär-fiskalischen Etablissements, die Gewehrfabrik und die Artilleriewerkstatt, die erste Stelle ein. Ihnen schließen sich zwei Mas chinenbauanstalten und Eisengießereien an. Die großartigen Anlagen der kaiserl. Werft sind für den Bau hölzerner Kriegsfahrzeuge bestimmt, während zwei Privatwerfte neben dem D.rOir al auch den Bau eiserner Schiffe betreiben. Die alten rutdem Bierbrauerei ud e, Verarbeitung von Bernstein, ierbrauerei und Liqueurfabrikation (Danziger Goldwasser), behaupten noch jetzt ihre alte Bedeutung; neu entstanden sind außerdem chem. Fabriken, eine Holzfaserstofffabrit und eine Glashütte. Der Handel ist sehr bedeutend, ob-Hand D. nicht mehr, wie — — den gesamten poln. andel monopolisiert. In den Hafen liefen 1881 von der See her ein: 1640 Segelschiffe von 615254t und 661 Dampfer von 384 647 t; aus liefen seewärts 1711 Segler von 380833 t und 655 Dampfer von 645488 t. Die Weichsel herab kommen jährlich 5000 Schiffe; 3—4000 her gehen stromauf. Die jährliche Wareneinfuhr berechnet M. wärts auf 50—60 Mill., stromaufwärts auf 30Mill per Eisenbahn auf 54 Mill. Mark; die Ausfuhr ebenso auf 50—55, 15—25 und 50 Mill. Mark. Hauptgegenstände der Ausfuhr sind: Getreide (jährlich 2—300000 t zu 1000 k meist Weizen, nach Großbritannien, Holland, Belgien u. s. w. und Holz (Wert der jährlichen Aussuhr 16—22 Mill. Mark); Hauptartikel der Einfuhr: Heringe (120— 130000 t), Salz (7-800000 Ctr.), Steinkohlen Lage von Danzig. (220000 t), Petroleum (250—300000 190 und Wein. Die Reederei der Stadt betrug (1881 109 Schiffe mit 44 460 t. Zur Belebung des Handelsverkehrs tragen zwei sehr besuchte Messen wesentlich bei. Die Korporation der Kaufmannschaft zählt 300 Mitglieder. Dem lebhaften Handels- und Schiffahrtsverkehr ents rechend, bestehen außer der Börse, einer Reichsbankhauptstelle und der Danziger Privatbank auch Assekuranz⸗„ Kreditanstalten und Aktiengesellschaften jeder Art. Durch Dampfer ist D. zunächst mit Neufahrwasser, Elbing und Stettin, dann aber auch mit allen übrigen lsen. häfen verbunden; D. ist Ausgangspunkt der Eisenbahnen nach Dirschau und Stolp-Stargard. In der Umgebung Dis sind die Lindenallee nach Langfuhr, der 100 m hohe, mit Anlagen versehene Johannisberg neben dem Eihe Ahe Deiuchte ale, der Bischofsberg, die Hönesche 9 esuchte Spaziergngir Etwas weiter entfernt liegen der mit reizenden Anlagen bepflanzte 2. Das neben dem Freuden⸗ und Schwa anale, das Kloster Oliva (s. d.) und das Seebad Zoppot. Zwischen Mottlau und Weichsel erstreckt sich südwärts bis gegen Dirschau hin das fruchtbare, mit 30 Bauerndörfern bejetzte Danziger Werder. — Der Stadtkreis

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 4, S. 870Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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