FeedDemagogische Umtriebe in Deutschland
Sagen & MythenBrockhaus 1882

Demagogische Umtriebe in Deutschland, aber unter ganz andern Verhältnissen und in wesentlich anderer Bedeutung, wieder in Brauch gekommen. Als nach den Befreiungskriegen in weiten Kreisen des deutschen Volks, it, Freih in der von den Idealen deutscher Einheit, Freiheit und Größe begeisterten der Ge Mißvergnügen und Verbitterung gegenüber der Gestaltung der deutschen Verhältnisse sich geltend machte, wollte man darin von seiten der meisten Regierungen eine planmäßige Aufregung des Volks durch einzelne, wohl gar Verschwörungsversuche zu hochverräterischen Zwecken erblicken. Einzelne Übertreibungen des jugendlichen Enthusiasmus, wie die Vorgänge beim Wartburgfeste (s. d.), einzelne Verirrungen eines schwärmerischen Tömugs Nos wie die blutige That Sands (s. d.), zönings Mordversuch gegen den nassauischen Präsidenten von Ibell, gaben den Anlaß . einem energischen Vorgehen gegen sogenannte D. und demagogische Umtriebe, welches 1819 begann und durch die nächsten Jahrzehnte hindurch mit immer wieder angefachtem Eifer fortgesetzt ward. In Preußen zuerst, bald auch in Darmstadt, Nassau, Baden, Weimar, Mecklenburg wurden Immediat-Untersuchungskommissionen zu diesem Zwecke niedergesetzt. Nicht bloß die seit 1816 auf den meisten Universitäten entstandenen Burschenschaften (s. d.), sondern auch patriotische Vereine, die vor oder während des Befreiungskriegs zum Zwecke der Abschüttelung der Fremdherrschaft und der Kräftigung des vaterländischen Geistes entstanden waren, wie der Tugendbund (s. d.), der Deutsche Bund, die Deutschen Gesellschaften, ferner Wummdsediez die mit offener Genehmigung, Gutheißung der Regierung ins Leben getreten waren, wie das ⁹⁷5 wurden jetzt Gegenstände der Beargwöhnung, Anklage und Verfolgung von seiten offizieller und nichtoffizieller Denunzianten. Nicht bloß junge Leute, namentlich Studenten, sondern auch hochgeachtete Gelehrte und Universitätslehrer, wie Arndt, F. L. Jahn, Welcker u. s. w., wurden als D. verfolgt, auf völlig unbegründete Anklagen hin in langwierige Untersuchungen verstrickt, ihrer Stellen entsetzt und von der öffentlichen Wirksamkeit ausgeschlossen. Der Bundestag selbst nahm, infolge der Karlsbader Beschlüsse (s.d.), die Sache in die Hand und setzte nebst Maßregeln zur Überwachung der Universitäten und der parlamentarischen Versammlungen eine „Central-Untersuchungskommissione zu «weiterer Untersuchung der in mehrern Bundesstaaten entdeckten revolutionären Umtriebe und demagogischen Verbindungene ein, die ihren Sitz in Mainz nahm. Nach den Erschütterungen der Julirevolution von 1830 wiederholte sich nahezu dasselbe, was nach dem Befreiungskriege geschehen war. Die Nichtbefriedigung und gewaltsame Unterdrückung der berechtigten Forderungen der Nation brachten abermals eine teils im geheimen gärende, teils in offenen Ausbrüchen sich Luft machende Aufregung hervor. Es lag offen am Tage, daß das Gefühl dieser Unzufriedenheit im Volke ein allgemein verbreitetes, kein künstlich erzeugtes sei. Dasselbe beschränkte sich nicht mehr auf akademische Kreise, sondern der eigentliche Angelpunkt der Bewegung lag jetzt weit mehr in den parlamentarischen Versammlungen und in der Tagespresse, die nun eine weit unmittelbarere praktische Richtung auf die konkreten Verhältnisse des öffentlichen Lebens nahmen. Es war daher auch nicht ferner von demagogischen Umtrieben, sondern einfach von einem agegen den Bestand des Bundes und die öffentliche Ordnung in Deutschland gerichteten Komplotte die Rede, als infolge des Frankfurter Attentats (s. d.) vom 3. April 1833 der Bundestag eine neue Central-Untersuchungskommission in Frankfurt suchung und in 23 Bundesstaaten besondere Untersuchungsbehörden aufgestellt wurden. Mehr als 1800 Angeschuldigte wurden inquiriert und Verurteilungen ausgesprochen, die zu den etwaigen Vergehungen in keinem Verhältnis standen und daher auch nur in geringerm Maßstabe zur Vollziehung gelangten.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 32Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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