FeedDiestel (Ludw. von)
ReligionBrockhaus 1882

Diestel (Ludw. von), prot. Theolog, geb. 28. Sept. 1825 zu Königsberg, studierte seit 1844 in Königsberg und nach Absolvierung des theol. Kandidatenexamens 1847 in Berlin und Bonn Theologie. An letzterer Universität habilitierte er sich 1851 für das Fach der alttestamentlichen Wissenschaften. Im Herbst 18⁵⁴ Es Inspektor des neugegründeten evang.⸗theol. Stifts ernannt, ward er 1858 außerord. Professor zu Bonn, 1862 ord. Professor zu Greifswald, 1867 zu Jena, 1872 zu Tübingen, wo er 15. Mai 1879 starb. Er schrieb eine Reihe religionsgeschichtlicher und alttestamentlicher Abhandlungen, manche Artikel für Herzogs Real-Encyklopädiex und Schenkels «Bibellexikon v, sowie die Geschichte des Alten Testaments in der christl. Kirches (Jena 1868). ders um das Volksschulwesen hochverdienter Pädagog, geb. 29. Okt. 1790 zu Siegen, studierte auf den Universitäten Herborn und Tübingen Philosophie, Mathematik und Geschichte, ging hierauf 1810 als Haus⸗ und Privatlehrer nach Mannheim, wurde 1812 zweiter Lehrer der Sekundärschule in Worms, 1813 Lehrer an der Musterschule zu Frankfurt a. M., 1818 zweiter Rektor an der Lateinschule se Elberfeld und 1820 Direktor des Schullehrereminars in Mörs, wo er seinen Ruf als Lehrer, Pädagog und Schriftsteller begründete. D. folgte dann 1832 einem Rufe als Direktor des Seminars für Stadtschulen nach Berlin, wo er trotz mächtiger Gegenstrebungen ununterbrochen wirkte, bis er endlich 1847 vom Ministerium Eichhorn außer Aktivität gesetzt und 1850 definitiv quiesziert ward. Seitdem lebte er als Privatmann in Berlin, wo er 1858 in den Landtag gewählt wurde und 7. Juli 1866 an der Cholera starb. Sein Denkmal zu Mörs wurde 7. Okt. 1882 enthüllt. D.s Thätigkeit war hauptsächlich auf Bildung tüchtiger Lehrer und zeitgemäße Reformen der Schule und der Pädagogik gerichtet. Davon zeugen seine vielen Schriften, unter andern die Rhein. Blätter für Erziehung und Unterrichto (1827 begründet, fortgesetzt von Lange) und sein mit andern bearbeiteter Wegweiser zur Bildung für deutsche 5. n 5. Aufl., 3 Bde., Essen 1873—79). Was D. in etreff der Fortbildung der Methode Pestalozzis praktisch geleistet, läßt namentlich seine Populäre immelskunde und astron. Geographier (10. Aufl., erausg. von Strübing, Berl. 1879) erkennen. In erlin geriet D. in mancherlei Kämpfe. Die heftigsten entstanden durch seine Broschüre cüber das Verderben auf deutschen Universitäten » — 1836), sowie durch sein vernichtendes Urteil über die «wechselseitige Schuleinrichtunge, welches sich in seinen „Bemerkungen und Ansichten auf einer pädagogischen Reise nach den dän. Staateno (Berl. 1836) befindet. In den spätern Jahren (1841 —44) wurde D. von Emmerich, Pieper, Richter u. s. w. angegriffen. Gegen den zweiten Theologen trat er durch seinen «Wiedererstandenen Hauptpastor Melchior Gözeß (Essen 1844) auf, während er seinen Freunden und Schülern die beiden andern überließ. D.s päda datalo überzeugungen vertreten den Standpunkt Pestalozzis, Rousseaus, Rochows, Wilbergs u. a. Um die Wiedererweckung der faft vergessenen Ideen Pestalozzis hat er sich durch den erfolgreichen Aufruf zur 100jährigen Geburtsfeier des Genannten (12. Jan. 1846), durch welche viele Stiftungen zu Pestalozzis Andenken veranlaßt wurden, ein anerkanntes Verdienst erworben. Seit seiner Entlassung setzte D. seine Bestrebungen für dufch Fachtund der Schule, für 4.— derselben durch Fachkundige, für Erziehung des Menschen zu Selbstbestimmung und Freiheit nach den Grundsätzen des Humanismus um so thätiger fort, und zwar in seinem «Pädagogischen Jahrbuch für Lehrer und Schulfreundey (Frankf. a. M. 1851—66). Im J. 1854 wurden die Raumerschen Schulregulative erlassen. Sofort trat D. in drei geharnischten Broschüren mit der ganzen Energie seines Wesens gegen dieselben auf und verlangte 1860 in einer zemner inhaltsvollsten Kammerreden die Abschaffung derselben. Von Dis zahlreichen Schriften sind außer den genannten noch hervorzuheben: „Das pädagogische Deutschland der Gegenwart9 (2 Bde., Berl. 1835 u. 1836), Leitfaden für den Unterricht in der Formen⸗ und Größenlehrev bn Aufl., Gütersloh 1845), «Praktisches Rechenuch für Elementar⸗ und höhere Bürgerschuleno in Verbindung mit Heuser (24., von Langenberg neu bearbeitete Aufl., 5 Bde., Gütersloh 1874) Methodisches Handbuch für den Gesamtunterricht im Rechnenv, ebenfalls in Verbindung mit Heuser (6. Aufl., teilweise neu bearbeitet von Langenberg, Gütersloh 1866), Elementare Geometrie für Mittelschulend (neu herausg. von Langenberg, 5. Aufl., Frankf. a. M. 1875), Praktischer Lehrgang für den Unterricht in der deutschen Spraches (3 Bde., Bielef. 1852), «Pädagogisches Wollen und Solleno neu herausg. von W. Lange, Lpz. 1875). Vgl. ngenberg, «Adolf D. ein Leben und seine Schrifteno (3 Bde., Frankf. a. M. 1867—68); derselbe, Aus D.s Tagebuch 1818—225 (Frankf. 1873); derselbe, Lichtstrahlen aus D.s Schriften mit einer biographischen Einleitunge (Lpz. 1875); Langenberg veröffentlichte auch D.s Ausgewählte Schriftend (4 Bde., Frankf. a. M. 1877— 789).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 334Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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